Veröffentlicht inGesundheit

Autismus wird häufig nicht erkannt

Studie Autismus Asperger-Syndrom.jpg
Foto: WAZ Foto Pool
Laut einer aktuellen, südkoreanischen Studie sind autistische Störungen häufiger anzutreffen als vermutet. Die Forscher gehen davon aus, dass die verschiedenen Ausprägungen der Krankheit in vielen Nationen häufig nicht erkannt werden.

Chicago. 

Autistische Störungen sind häufiger anzutreffen als vermutet – das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie aus Südkorea. Demnach weist eines von 38 Kindern Merkmale von Autismus auf: Damit läge die Autismusrate deutlich höher als zum Beispiel in den USA, wo jüngsten Schätzungen zufolge nur eines von 100 Kindern betroffen ist. Nach Ansicht der Forscher bedeutet dies jedoch keineswegs, dass in Südkorea mehr autistische Kinder leben. Autismus beziehungsweise seine verschiedenen Ausprägungen würden in vielen Nationen vielmehr häufig nicht erkannt und blieben somit nicht selten undiagnostiziert, erklärten sie. So hat sich das Zahlenmaterial in den USA durch Schätzungen ergeben, die auf Aufzeichnungen über die schulische Entwicklung sowie medizinischen Untersuchungsberichten basieren.

In Südkorea dagegen liegen den Zahlen Hochrechnungen zugrunde, die zeitaufwendigere Untersuchungen bedingen. Zwei Drittel der in Südkorea untersuchten Kinder, die Symptome von Autismus zeigten, besuchten die Regelschule, waren nicht als autistisch eingestuft worden und erhielten keine besondere Förderung. Viele der Kinder, deren auf Autismus hinweisende Symptome nicht erkannt worden waren, hatten eher leichte Entwicklungsstörungen oder Behinderungen als stark ausgeprägte Formen von Autismus. „Die Ergebnisse besagen nicht, dass es ganz plötzlich mehr Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen gibt“, erklärt Kim Young-Shin vom Zentrum für Studien an Kindern der Yale-Universität. „Sie waren bereits vorhanden, wurden aber in vorangegangenen Studien nicht berücksichtigt.“

Tausende Schulkinder befragt

Für Experten in den USA ergibt sich folgende Frage: Inwieweit sind für Kinder, die mithilfe der Erhebung als autistisch eingestuft wurden, spezielle Unterstützungsangebote sinnvoll? Marshalyn Yeargin-Allsopp von den US-Gesundheitsbehörden (CDC) gibt zu bedenken: „Ich bin davon überzeugt, dass es für einige Kinder wahrscheinlich hilfreich ist, doch dies lässt sich kaum pauschal für alle sagen.“

Die Ergebnisse der südkoreanischen Forscher wurden im „American Journal of Psychiatry“ veröffentlicht. 55.000 Schulkinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren sollten in Goyang City, einem Bezirk nahe der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, untersucht werden. Allerdings nahmen nur etwa zwei Drittel teil. Den ihnen vorgelegten Fragenkatalog beantworteten rund 63 Prozent der Eltern. Dabei sei, so die Forscher, zu berücksichtigen, dass Eltern von durch Autismus beeinträchtigten Kindern eher bereit seien, diesbezügliche Fragen zu beantworten.

Nachhaltigere Ergebnisse erzielen

Der Fragebogen gilt als klassisches Instrument der Datenerhebung für Kinder, die unter High-Functioning-Autismus (HFA) sowie am Asperger-Syndrom leiden. Es geht darin um Fragen wie, ob das Kind ein in verschiedener Hinsicht auffälliges Verhalten an den Tag legt, etwa ob seine Empathiefähigkeit eingeschränkt oder gar nicht vorhanden ist, ob es keine Freunde hat und von anderen Kindern schikaniert wird. In einem zweiten Schritt untersuchten die Wissenschaftler diejenigen Kinder, die positiv getestet wurden, weitergehender.

Nur sehr wenige durchliefen allerdings den gesamten Diagnose-Prozess. Die südkoreanischen Forscher sehen ihre Ergebnisse dennoch als eine wertvolle Grundlage für weitere Schätzungen: Nach ihren Berechnungen zeigen rund 2,6 Prozent der Bevölkerung durch Autismus bedingte Verhaltensauffälligkeiten, während US-Schätzungen nur etwas mehr als ein Prozent veranschlagen. Fünf Jahre dauerte die ambitionierte Studie der südkoreanischen Wissenschaftler insgesamt. Yeargin-Allsopp betont, dass man in den USA einen anderen Ansatz präferiere und der Verbreitung von Autismus in regelmäßiger durchgeführten, kurzfristiger angelegten Studien auf die Spur zu kommen bemüht ist. Sein Resümee: „Damit lassen sich raschere und insgesamt nachhaltigere Ergebnisse erzielen als wenn man versucht, die gesamte Bevölkerung zu durchleuchten.“ (dapd)