Anti-Stress-Therapie bremst Multiple Sklerose

Eine Psychotherapie kann bei Multipler Sklerose helfen, Stress zu vermeiden - und  somit das Fortschreiten der Erkrankung bremsen.
Eine Psychotherapie kann bei Multipler Sklerose helfen, Stress zu vermeiden - und somit das Fortschreiten der Erkrankung bremsen.
Foto: Getty
Wer unter Multipler Sklerose (MS) leidet, sollte Stress vermeiden. Eine US-amerikanische Studie belegt, dass seelische Belastung das Fortschreiten der Erkrankung fördert. Psychologische Hilfe kann dies verhindern: durch eine Anti-Stress-Therapie entstehen weniger Krankheitsherde im Gehirn.

Minneapolis. Stressvermeidung ist für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) wichtiger als gedacht. Denn die seelische Belastung fördert die Entstehung neuer Krankheitsherde im Gehirn. Ein gezieltes Programm zur Stressbekämpfung kann dies jedoch verhindern. Das zeigt erstmals eine Studie US-amerikanischer Forscher an 121 MS-Patienten.

Drei Viertel derjenigen, die eine wöchentliche Psychotherapie absolvierten, blieben ein halbes Jahr lang ohne neue Entzündungsherde. Bei den Patienten ohne therapeutische Hilfe waren es rund die Hälfte. Die Wirkung des Stressmanagements sei mit der von neuen medikamentösen Therapien vergleichbar, die zurzeit in klinischen Studien getestet würden, berichten die Forscher im Fachmagazin "Neurology".

Stress fördert Fortschreiten der MS

"Zum ersten Mal haben wir gezeigt, dass Psychotherapie die Entstehung neuer Entzündungsherde bei Multipler Sklerose hemmt", sagt Studienleiter David Mohr von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago. An diesen Entzündungsherden greift das körpereigene Immunsystem die Nervenhüllen an und schädigt dadurch die Signalleitung. Neu entstehende Herde gelten daher als typisches Merkmal für einen akuten Krankheitsschub und ein Fortschreiten der MS.

Die neuen Funde seien der bisher stärkste Beleg dafür, dass Stress das Fortschreiten dieser Autoimmunerkrankung fördere, konstatieren die Forscher. Nach Ansicht der Wissenschaftler zeigen ihre Ergebnisse, dass gezielte Hilfen zur Stressbewältigung die medikamentösen Therapien bei MS ergänzen und wirksamer machen könnten.

Bevor man aber konkrete Empfehlungen für eine Psychotherapie abgebe, müsse man die Ergebnisse erst in einer größeren klinischen Studie bestätigen. Sie soll dann auch zeigen, ob das Stressmanagement die Symptome der Erkrankung langfristig bessern kann.

Hilfe im Umgang mit Ängsten und Problemen

Im Rahmen der Studie absolvierte eine Hälfte der 121 MS-Patienten ein psychotherapeutisches Stressbewältigungsprogramm. Im Rahmen der Psychotherapie lernten die Patienten unter anderem Entspannungstechniken, Strategien, um Probleme und Konflikte stressfreier zu lösen und mit ihren Ängsten umzugehen.

"Wenn Menschen ein Problem überbewerten oder ihre Fähigkeit unterschätzen, mit einer Situation umzugehen, löst dies Stress und Angst aus", erklärt Mohr. Die Therapie helfe ihnen dabei, solche Situationen realistischer zu sehen und dadurch den Stress zu vermeiden.

Insgesamt absolvierten die Patienten 16 jeweils knapp einstündige therapeutische Sitzungen im Laufe von sechs Monaten. Die andere Hälfte der Studienteilnehmer erhielt keine Therapie und diente so als Vergleichsgruppe. Nach Ende der Behandlungszeit untersuchten die Forscher bei allen Patienten, ob sich im Gehirn neue, akute Entzündungsherde gebildet hatten.

Psychotherapie hemmt Entstehung neuer MS-Herde

Mediziner unterscheiden bei solchen MS-Herden zwei Typen, die durch jeweils unterschiedliche Kontrastmittel sichtbar gemacht werden können. Bei 77 Prozent der mit Psychotherapie behandelten Teilnehmer waren keine neuen Herde des ersten, sogenannten Gadolinium-Typs entstanden, wie Mohr und seine Kollegen berichten. In der Kontrollgruppe seien 55 Prozent ohne solche Entzündungsstellen geblieben. Beim zweiten Typ von Krankheitsherden fiel der Unterschied nach Angaben der Forscher sogar noch deutlicher aus: 57 Prozent der Patienten mit Anti-Stress-Therapie blieben herdfrei, in der Kontrollgruppe waren es 30 Prozent.

Eine Nachuntersuchung 24 Monate später zeigte allerdings, dass die positive Wirkung nur für die Dauer der rund sechsmonatigen Therapiezeit anhielt. "Das zeigt, dass wir Behandlungen entwickeln müssen, die nachhaltiger und über längere Zeiträume hinweg wirken", sagt Mohr. Denn es sei weder zeitlich noch finanziell zumutbar, diese Patienten für den Rest ihres Lebens jede Woche einmal in Therapie zu schicken. Eine Alternative könnten aber Programme sein, die die Patienten über Computer oder Smartphone absolvieren. (dapd)