Angst vor dem Fukushima-Krebs - WHO-Studie stößt auf Misstrauen

Zwei Jahre nach dem Super-GAU ist in Fukushima beinahe wieder Normalität eingekehrt. Die Angst vor Erkrankungen – besonders Krebs – durch die immer noch stark erhöhten Strahlungswerte bleibt bei den Menschen in der Umgebung jedoch groß. Besonders Eltern sorgen sich um die Gesundheit ihrer Kinder.

Tokio. Zwei Knoten haben Ärzte kürzlich in Sachiko Satohs Schilddrüse festgestellt. "Kein Grund zur Aufregung. Es ist kein Krebs", beruhigte ein Arzt. Noch nicht. Sie müsse sich regelmäßig untersuchen lassen, ergänzte er. "Ich habe wahnsinnige Angst um meine Gesundheit und um die meiner Kinder", sagt die 54-jährige Mutter von fünf Kindern.

Als vor zwei Jahren die Atomreaktoren im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi explodierten, lebte die Familie Satoh rund 40 Kilometer nordwestlich in der Kleinstadt Kawamata, genau in der Richtung, in die die radioaktive Wolke zog. Noch in der Nacht nach dem Beben schlossen die Satohs ihren kleinen Bauernhof und Sachikos Pflegedienstfirma vorübergehend und flohen in die 20 Kilometer entfernte Stadt Fukushima. Nach den ersten Explosionen schickte Sachiko die Kinder zu einer Freundin in die Nachbarpräfektur. Sie selbst blieb in Fukushima und pendelt seither zu ihren Kunden in Kawamata.

"Für unseren Ort gab es nie einen Evakuierungsbefehl, aber ich habe gleich geahnt, dass dieser Unfall gefährlich ist", erinnert sich Satoh. Heute ist sie froh, dass sie damals so schnell gehandelt hat. "So schnell wie wir sind die wenigsten geflohen. Wer der Regierung vertraut hat, hat die erste radioaktive Wolke voll abbekommen."

Auf Schulhöfen wurde offenbar nicht gemessen

Ganz verschont blieben aber auch die Satohs nicht. Als vier Wochen später das neue Schuljahr begann, ohne dass die Behörden die Strahlung auf den Schulhöfen gemessen hatten, griff Sachiko zusammen mit anderen besorgten Eltern selbst zum Spaten und trug verseuchtes Erdreich ab. "Schutzkleidung hatten wir nicht, nur ganz normale Staubmasken", erzählt sie. Dabei hatten die Eltern gefährlich hohe Strahlung gemessen. Bis zu 108 Mikrosievert/Stunde, das tausendfache der natürlichen Strahlung.

Die Schulbehörden weigerten sich trotzdem, die Schulen zu schließen. "Die haben uns einfach ignoriert", sagt Sachiko, und man hört noch immer die Wut in ihrer Stimme. Ihre 13-jährige Tochter meldete sie daraufhin in einer Schule in der Nachbarpräfektur an. Selbst ein halbes Jahr später fanden Ärzte noch jede Menge radioaktives Cäsium in Sachikos Körper.

Statistisch besteht angeblich kaum Gefahr

Rein statistisch ist Satohs Krebsrisiko kaum gestiegen. Das mit 41 Prozent für Männer und 29 Prozent für Frauen ohnehin hohe Risiko, im Laufe des Lebens an Krebs zu erkranken, sei für Säuglinge, die sich im Jahr 2011 in den am schlimmsten verstrahlten Regionen aufgehalten hatten, um ungefähr einen Prozentpunkt gestiegen, erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer kürzlich veröffentlichten Studie. In den offiziellen Statistiken werde sich wohl kein Anstieg der Krebsfälle nachweisen lassen, schlossen die Autoren.

Drei Fälle von Schilddrüsenkrebs und sieben Verdachtsfälle hatten japanische Mediziner bis Mitte Februar bei Reihenuntersuchungen von Kindern aus Fukushima festgestellt. Seit dem Atomunfall in Tschernobyl 1986 ist der Zusammenhang zwischen radioaktivem Jod und Schilddrüsenkrebs bekannt. Mindestens 6.000 Kinder erkrankten, nachdem sie kontaminierte Milch getrunken hatten. "In Tschernobyl sind die Krebsfälle erst nach vier bis fünf Jahren angestiegen. Die Fukushima-Fälle haben sehr wahrscheinlich nichts mit dem Unfall zu tun", folgerte der Leiter der Studie.

Vergleich von Fukushima mit Tschernobyl 

Satoh traut den Ergebnissen nicht. „Die Regierung hat die Studie doch nur gemacht, um zu zeigen, dass der Unfall harmlos war“, kritisiert sie. Wie viele besorgte Mütter boykottiert sie die staatliche Studie, die irgendwann zeigen soll, ob der Unfall zu einem Anstieg der Krebsfälle geführt hat. Sie organisiert alle Untersuchungen privat, um nicht in der Statistik zu landen.

"Auch in Tschernobyl gab es in den ersten Jahren bereits Schilddrüsenkrebsfälle. Zwar wenige, aber nicht null", gibt Akira Sugenoya zu bedenken, ein auf Schilddrüsenkrebs spezialisierter Chirurg, der zwischen 1996 und 2001 in Weißrussland behandelt und Einsicht in die Krebsstatistiken seiner weißrussischen Kollegen hatte. Auch 15 Jahre nach dem Unfall berichteten weißrussische Mütter von ständig erkälteten Kindern, die kaum Abwehrkräfte haben. "Wir müssen auch an andere Krankheiten als Krebs denken, auch wenn der Zusammenhang zwischen Immundefiziten und Radioaktivität in niedrigen Dosen nicht erwiesen ist", fordert Sugenoya.

Sperrzone bringt nichts, fürchten Anwohner

Auch die Satohs haben das Gefühl, dass ihre Erkältungen seit dem Unfall länger dauern. "So geht es allen in Fukushima", glaubt Satoh. Auch ihre längst verheilte Hautkrankheit sei wieder ausgebrochen. Und Brustschmerzen habe sie neuerdings. "Bei jedem Wehwehchen denke ich gleich an das AKW", sagt sie. In den ersten Monaten nach dem Unfall hätten plötzlich viele ihrer Pflegekunden Herzinfarkte erlitten. "Es waren beängstigend viele. Aber darüber führt niemand eine Statistik", schimpft sie.

An die Regierung hat Satoh vorerst nur eine Forderung: "Aus Tschernobyl wissen wir, dass eine Dekontamination der am stärksten verstrahlten Sperrzone nichts bringt. Wir sollten die Sperrzone aufgeben und das Geld lieber in Gesundheitsprogramme für Kinder stecken", sagt sie.