Ärztepräsident setzt nach Organ-Skandal auf Vieraugenprinzip

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery wirbt um Vertrauen in die Organspende - trotz des Skandals.
Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery wirbt um Vertrauen in die Organspende - trotz des Skandals.
Foto: dapd
Nach dem Organspende-Skandal ist das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert. Wie kommt man da wieder raus? "Maximale Transparenz", sagt Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery im Interview. Die Forderung nach einem saftigen Gehaltsplus für Ärzte hält er für "absolut gerechtfertigt."

Berlin.. Für die Transplantationsmedizin ist der Organspendeskandal in Regensburg und Göttingen ein Desaster, sagt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Im Interview mit der WAZ Mediengruppe spricht er über die Konsequenzen und fordert außerdem einen engen Rahmen für die Präimplantationsdiagnostik.

Herr Montgomery, würden Sie ohne Bedenken noch Organe von Angehörigen zur Spende freigeben?

Frank Ulrich Montgomery: Sicher! Meine Familie und ich haben Spenderausweise. Ich bin nach wie vor zutiefst davon überzeugt, dass man mit der Spende Leben spenden kann. Etwas Schöneres gibt es nicht. Außerdem: Was soll ich mit meinen Organen im Himmel?

Wie lange wird es dauern, bis der Imageschaden bei der Organspende behoben ist?

Montgomery: Das kann niemand sagen. Die Vorfälle in Regensburg und Göttingen sind ein Desaster für die Transplantationsmedizin. Es ist viel Vertrauen kaputt gegangen. Dies können wir nur durch maximale Transparenz wieder herstellen.

Der Patientenbeauftragte Zöller sagte, der Organspendeskandal werde viele Menschenleben kosten. Teilen Sie diese Befürchtung?

Montgomery: Die Formulierung ist drastisch, aber im Kern richtig. Jedes Jahr sterben 1000 Menschen, die auf der Warteliste stehen. Wenn künftig noch weniger Organe zur Verfügung stehen, dann befürchte ich, dass noch mehr sterben werden.

Nun soll das Mehraugenprinzip kommen. Ist damit Manipulation künftig ausgeschlossen?

Montgomery: Ich denke ja. Es verhindert, dass man im Alleingang Daten manipulieren kann.

Auch das beschleunigte Vermittlungsverfahren soll auf den Prüfstand. Wie soll es künftig funktionieren?

Montgomery: Das Verfahren war als Sonderfall gedacht, um zu verhindern, dass Organe verloren gehen. Es darf nicht zum Regelfall werden. Wir prüfen, wie wir es durch präzisere Regeln wieder eindämmen können. Wir müssen genauer als bisher festlegen, wann ein Organ potenziell gefährdet ist. Das kann sein, wenn der Spender alt, krank oder dick war. Auch beim Empfänger muss man genauer beschreiben, wann er für ein solches Organ infrage kommt.

Der Skandal in Regensburg war lange bekannt. Wie erklären sie sich, dass die Behörden offenbar nicht grundlegend eingegriffen haben?

Montgomery: Ich habe keine Erklärung. Ich kann nur feststellen, es hätte den Fall Göttingen nicht gegeben, wenn man in Regensburg konsequent gehandelt hätte.

Was macht Sie so sicher, dass die Vorfälle in Regensburg und Göttingen nicht die Spitze des Eisbergs war?

Montgomery: Wir haben selber lange Zeit nicht glauben können, dass ein Mediziner an dieser Stelle über so viel kriminelle Energie verfügen kann. Ich möchte aber auch auf die hohe Qualität bei Transplantationen und das große Engagement der allermeisten Ärzte hinweisen. Daher bin ich sehr zuversichtlich, dass wir keine weiteren Fälle finden werden. Aber angesichts von 4000 Transplantationen im Jahr kann man nie und nimmer die Hand für alles und jeden ins Feuer legen.

"Die Forderung nach zehn Prozent mehr Honorar für Ärzte ist absolut gerechtfertigt"

Wie bewerten Sie den Verordnungsentwurf aus dem Gesundheitsministerium, der die Präimplantationsdiagnostik regeln soll?

Montgomery: Wir halten die ganze PID-Verordnung bisher für ausgesprochen schwach und unausgegoren. Hier muss noch sehr viel nachgebessert werden.

Die Verordnung sieht keine Obergrenze für PID-Zentren vor. Wie sehen Sie das?

Montgomery: Wir brauchen eine Obergrenze für die Anzahl der PID-Zentren in Deutschland. In Frankreich gibt es ein Zentrum im Norden, eines in der Mitte und eines im Süden des Landes. Daran sollten wir uns orientieren. Denkbar wäre auch eine Beschränkung für die Anzahl der PIDs, die ein Zentrum durchführen darf.

Auch die Zahl der Ethikkommissionen, die grünes Licht für die PID geben müssen, bleibt offen. Befürchten Sie, dass sich am Ende die übrigen Kommissionen an derjenigen orientieren müssen, die die PID am stärksten befürwortet?

Montgomery: Wir möchten möglichst wenige Ethikkommissionen. Sie sollten sich regelmäßig in einer ständigen Konferenz treffen und ihre Kritierien miteinander diskutieren und aufeinander abstimmen. Es wäre gefährlich, wenn die Betroffenen am Ende zu dem Zentrum gingen, wo sie die geringsten Widerstände befürchten und so ein „Ethikkommisisons-Tourismus“ einsetzt. Das kann weder Sinn der Verordnung noch Sinn eines geregelten PID-Verfahrens sein.

Derzeit laufen die Honorarverhandlungen für die Ärzteschaft. KBV-Chef Köhler fordert ein Honorarplus von 10 Prozent. Das wären mehr als drei Milliarden Euro zusätzlich. Ist das nicht ziemlich happig?

Montgomery: Ich halte die Forderung für absolut gerechtfertigt, wenn man weiß, dass wir ein Inflationsproblem von 13 Prozent haben.

Die Krankenkassen halten die Forderung für völlig überzogen und berufen sich dabei auf ein neues Gutachten, wonach die Einnahmen der Ärzte seit 2008 stärker gestiegen sind als die Kosten der Praxen. Sie wollen sogar die Honorare kürzen.

Montgomery: Die Auftragsgutachten der Kassen sehen wir an allen Ecken und Enden. Sie agieren heute mit öffentlicher Meinung. Diese Gutachten sind allesamt Verschwendung von Versichertengeldern. Die Kassen wären besser beraten, das Geld in die ärztliche Versorgung anstatt in Gefälligkeitsgutachten zu stecken.

Der Sterbehilfe-Gesetzentwurf ist hoch umstritten. Vor allem der Passus, wonach Ärzte als „nahestehende Person“ den Suizid unterstützen dürfen, sorgte für massiven Unmut. Was erwarten Sie nun vom federführenden Justizministerium?

Montgomery: Wir halten diesen Passus für einen ganz schlechten Ansatz und fordern, dass er wieder auf dem Gesetzentwurf entfernt wird. Er konterkariert die Absicht des Gesetz, nämlich die Sterbehilfe einzudämmen. Außerdem bräuchten wie dann künftig Gesinnungskommissionen, die nachträglich feststellen, ob ein Arzt, der sich an einem Suizids beteiligt, wirklich nahestehend war. Das ist unsinnig!

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