FC Schalke 04: Talent Elgert: „Autogramme machen einen Teenager nicht zum Helden“

Norbert Elgert.
Norbert Elgert.
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Gelsenkirchen.  Norbert Elgert (60) war schon immer ein Mann, der weit über den Tellerrand hinausblickt. Im WAZ-Interview spricht Schalkes Talentschmied auch über Neymar und bedenkliche Entwicklungen im Fußball, über seine Talente bei den Schalker Profis und ganz einfache Umgangsformen, die er ihnen mit auf den Weg gibt.

Herr Elgert, was haben Sie gedacht, als Sie vom Transfer von Neymar zu Paris St. Germain gehört haben? Kann ein Spieler 222 Millionen Euro wert sein?

Norbert Elgert: Jeder Mensch ist mehr wert als 222 Millionen, das Leben lässt sich schließlich mit Geld nicht aufwiegen. Dass inzwischen so viel Geld für einen Spieler bezahlt wird, finde ich sehr bedenklich. Ich bin kein moralischer Kreuzritter, aber wenn es so inflationär weitergeht, und das wird es, könnte die Blase Profifußball irgendwann platzen. Und das will doch eigentlich keiner.

Auf der anderen Seite gibt es ja Personen oder Vereine, die bereit sind, unglaubliche Summen zu bezahlen

Norbert Elgert: Auch der Fan will nach wie vor absoluten Spitzenfußball sehen und Erfolge, mit denen er sich auch persönlich identifizieren kann. Ganz Paris steht Kopf. Sogar der französische Präsident findet es angeblich toll, dass Neymar jetzt bei Paris St. Germain spielt. Es müsste einflussreiche Menschen geben, die ernsthaft versuchen, das Ganze in eine einigermaßen sinnvolle Richtung zu bringen.

Haben Sie einen Ansatz, wie das gelingen kann?

Norbert Elgert: Nein, dafür ist das Thema zu komplex. Mich beeindruckt aber, wie Juan Mata von Manchester United reagiert hat. Er möchte einen Prozent seines Gehaltes für soziale Projekte spenden. Die meisten Menschen, die zum Fußball gehen, haben ja nicht annähernd den Verdienst, sie geben ihr letztes Geld, um den Profifußball überhaupt erleben zu können. Ohne die Fans hätte der Profifußball doch überhaupt keine Existenzberechtigung. Juan Matas Ansatz wird das Problem nicht lösen, aber es ist zumindest eine starke Geste eines Profifußballers in die richtige Richtung.

Schalke hat sich in diesem Jahr auf dem Transfermarkt etwas zurückgehalten. Begrüßen Sie das, weil es die Chance der jungen Spieler erhöht, die Sie in der U19 ausgebildet haben?

Norbert Elgert: Ein Klub wie der FC Schalke 04 wird seine Personalpolitik immer auf mehreren Säulen aufbauen. Die Knappenschmiede wird in Zukunft, das weiß ich aus Gesprächen mit unseren Verantwortungsträgern, weiterhin eine große Rolle spielen. Als Champions-League-Aspirant mit hoher Erwartungshaltung von allen Seiten wird sich der Verein aber auch immer sinnvoll mit Spielern von außen ergänzen.

Aktuell stehen zehn Spieler im Profikader, die in der U19 durch Ihre Schule gegangenen sind.

Norbert Elgert: Es waren schon mehr Spieler, aber die Quote ist nach wie vor sehr hoch.

Einer der Gewinner der Vorbereitung bei den Profis ist Weston Mc Kennie, der in der vergangenen Saison noch bei Ihnen war.

Norbert Elgert: Weston ist ein junger Spieler, dem definitiv Bundesligazeiten zuzutrauen sind. An ihm wird unser Club, Rückschläge inbegriffen, noch sehr viel Freude haben.

War Mc Kennies Entwicklung abzusehen?

Norbert Elgert: Ich traue mir nach wie vor nicht zu, über einen Spieler verlässlich zu sagen: das wird einer. Es ist aber immer unser Ansinnen, wenn wir Spieler aus größerer Entfernung holen, ob deutschlandweit oder weltweit, dass er eine Profiperspektive hat. Dass wir in der Wahrscheinlichkeitsprognose auch mal falsch liegen, ist ganz normal. Wenn wir aber nichts riskieren, werden wir auch nichts erreichen. Bei Weston haben wir sehr gute Chancen gesehen. Wenn du einen jungen Spieler holst, darfst du nicht darauf schauen, wie gut er zu diesem Zeitpunkt ist, sondern wie gut er mal werden könnte.

Was zeichnet Weston Mc Kennie aus?

Norbert Elgert: Wes ist ein ähnlicher Energie-Spieler wie Sead Kolasinac. Er ist für jeden Spaß zu haben, aber wenn es darauf ankommt, immer hoch konzentriert und fokussiert.

Auch Luke Hemmerich hat Domenico Tedesco überzeugen können.

Norbert Elgert: Luke ist ein Paradebeispiel für unsere Jungs aus der Knappenschmiede. Er lebt vor, was man mit durchschnittlichem Talent, aber harter und intelligenter Arbeit über einen ganz langen Zeitraum erreichen kann. Ein Einstellungsspieler mit durchschnittlichem Talent wird ein Toptalent mit schwacher Einstellung immer übertreffen.

Wie groß ist die Gefahr, dass junge Spieler bei dem Hype um sie den Boden unter den Füßen verlieren?

Norbert Elgert: Es ist extrem schwierig für junge Spieler. Sie sehen plötzlich doppelt so gut aus wie vorher, sind umschwärmt und verdienen viel mehr Geld als ihre gleichaltrigen Freunde. Damit als junger Mensch intelligent umzugehen, ist alles andere als einfach.

Helfen Sie Ihren ehemaligen Spielern dabei?

Norbert Elgert: Eine Empfehlung, die ich gerne gebe: Sei respektvoll und freundlich zu deinen Mitmenschen während deines Aufstiegs, denn du könntest ihnen beim Abstieg erneut begegnen. Es geht um eine gewisse Werteorientierung, um eine intelligente und demütige Einschätzung ihres Talents. Dein Fußballtalent erhebt dich nicht über andere Menschen und Talente in anderen Berufen. Deshalb ist es klug, zu verstehen, dass du kein Held bist, nur weil du als Teenager Autogramme schreiben darfst. Selbstbewusst ja – unbedingt sogar, aber nie arrogant. Zum Glück haben wir viele positive Beispiele im Klub. Dazu gehört auch Benedikt Höwedes als Kapitän der Mannschaft, der jungen Spielern all diese Werte vorlebt. Benni ist ein echtes Vorbild. Ich schätze ihn sehr.

Weisen Sie Spieler darauf hin, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie sich menschlich nicht so entwickeln, wie Sie sich es wünschen?

Norbert Elgert: Es geht nicht darum was ich mir wünsche, sondern nur um die Jungs. Aber es kann schon mal vorkommen, dass ich zum Telefonhörer greife.

Wie leben Sie ihren Spielern Demut und Dankbarkeit vor?

Norbert Elgert: Wenn wir zum Beispiel im Hotel sind, wenn wir den Klub vertreten, muss keiner ein Gruß-August sein. Auch ich bin das nicht. Wir sollten aber das normale Maß einhalten. Das heißt: Guten Morgen, Guten Abend, Dankeschön und Bitteschön. Natürlich kennen die meisten Spieler das von ihren Eltern, aber wir Trainer können das noch verstärken. Jedem muss bewusst sein, dass er immer eine Dreifach-Visitenkarte abgibt, wenn er unterwegs ist – seine persönliche, die der Mannschaft und die des Klubs.

Donis Avdijaj wurde mitgeteilt, dass er sich einen neuen Verein suchen kann. Christian Heidel hat zwar von sportlichen Gründen gesprochen. Offenbar gab es aber auch mannschaftsintern Schwierigkeiten.

Norbert Elgert: Donis war in der U19 gar nicht so lange bei mir. Etwa ein halbes Jahr, weil er schon hochgezogen wurde. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er die volle A-Jugend-Zeit bei uns gewesen wäre. Sogar Papa Draxler sagt heute noch, dass er es lieber gehabt hätte, wenn Julian noch ein halbes Jahr länger in der U19 trainiert und gespielt hätte. Ich bin von dem Weg, den wir gehen, sehr überzeugt. Und dazu gehört eben auch, die Spieler nicht nur fußballerisch auszubilden sondern ganzheitlich.

Wie ist Ihr Eindruck von Domenico Tedesco?

Norbert Elgert: Positiv. Aber so genau kennen wir uns noch nicht.

Was haben Sie gedacht, als Sie erfahren haben, dass Schalke einen 31-Jährigen als Cheftrainer holt?

Norbert Elgert: Es geht überhaupt nicht um das Alter. In der jungen Trainergeneration gibt es viele herausragende Talente. Ich würde deshalb auch gar nicht von einem Trend sprechen, sondern davon, dass es im Moment eben viele junge Trainer gibt, die richtig gut sind. Aber Spitzenleistungen und Erfolge als Trainer haben nichts mit dem Alter zu tun.

 
 

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