Dieser deutsche Nationalspieler verzichtet beim Confed-Cup in Russland auf den Ramadan

Vize-Kapitän der deutschen Nationalelf beim Confed-Cup: Shkodran Mustafi.
Vize-Kapitän der deutschen Nationalelf beim Confed-Cup: Shkodran Mustafi.
Foto: Getty Images

Sotschi. Shkodran Mustafi (25) sagte einmal: „Keiner weiß, was für ein Mensch ich bin.“ Der Satz macht neugierig. Und kommt nicht von ungefähr.

2014 wurde er nachträglich zur Nationalmannschaft eingeladen, weil sich Marco Reus verletzt hatte, rutschte plötzlich bei der WM in Brasilien in die Start-Elf – und wurde Weltmeister.

Sohn albanischer Eltern

Inzwischen spielt der Sohn albanischer Eltern, die ursprünglich aus Mazedonien stammen, beim FC Arsenal in London. Und trotzdem: Man kennt ihn kaum.

Wir trafen uns mit dem deutschen Vizekapitän und Abwehrchef beim Confed-Cup in Sotschi. Am Montag findet das Auftaktspiel gegen Australien statt – für ihn als Moslem sind solche Turnierspiele doppelt schwer.

Das Interview mit Shkodran Mustafi

Herr Mustafi, Sie haben gesagt: „Egal was passiert, Du hast immer dein Zimmer zu Hause, und es wird immer dein Zimmer bleiben.“ Was meinten Sie damit?

Shkodran Mustafi: Das hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben, als ich mit 14 zum Hamburger SV gewechselt bin. Der Satz war wichtig für mich, weil er mir den Druck genommen hat, als ich aus unserer Kleinstadt Bebra ins große Hamburg gezogen bin.

Meine Eltern haben mir immer gesagt: „Du bist nicht verpflichtet, das durchzuziehen. Wenn du nicht mehr magst, kommst du zurück nach Hause.“

Es war schön, das im Hinterkopf zu haben, aber es kam für mich nicht in Frage. Ich wollte meinen Traum wahr machen.

Und wenn es als Profi nicht gereicht hätte?

Mustafi: Wäre ich vielleicht Polizist geworden.

Warum?

Mustafi: Weil ich sehr viel Respekt vor Polizisten habe. Die haben einen riskanten Job, mit dem sie sehr viel Gutes tun, auch wenn das nicht immer und in jeder Situation von jedem geschätzt wird.

Ich finde, in dem Beruf brauchst du einen starken Charakter. Denn selbst dann, wenn du jemandem etwas wirklich Gutes tust, kann es passieren, dass du von dem beleidigt und beschimpft wirst. Da muss ein Polizist cool bleiben.

Mustafi kann Ramadan nicht einhalten

Das russische Frühstück ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wie geht es Ihnen hier in Sotschi als praktizierender Moslem im Fastenmonat Ramadan?

Mustafi: Den Ramadan kann ich momentan nicht einhalten. Das ist wegen der Trainingseinheiten und Spiele nicht möglich. In den freien Tagen, ehe ich zur Nationalmannschaft angereist bin, habe ich mich an den Ramadan gehalten.

Aber jetzt gilt es aufzupassen, dass man dem Körper angesichts der Belastungen keinen Schaden zufügt. Und was das Essen grundsätzlich angeht: Wir haben ja unseren eigenen Koch dabei. Der weiß, worauf wir Jungs beim Frühstück stehen.

Wie wäre es mit Brötchen und Nutella?

Mustafi: Ich esse morgens gern Omelette. Das reicht mir in der Regel.

Der Ramadan hört dieses Jahr erst am 25. Juni auf. Da werden die Tage ziemlich lang.

Mustafi: Das stimmt, und deshalb ist es auch sehr anstrengend, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang weder etwas zu essen noch zu trinken. Aber dabei geht es auch um den Willen.

Für mich ist es eine schöne Sache, weil es mich wieder zurück auf den Boden holt. Es zeigt mir, dass ich ein Mensch bin wie alle anderen auch. Ganz egal, wieviel man hat und wieviel man fürs Essen ausgeben kann – in dem Monat ist man begrenzt.

Das ist für mich wichtig, weil es meine Religion von mir verlangt.

Alkoholabstinenz nicht nur aus religiösen Gründen

Benötigt man dieses zu Boden kommen als Fußballprofi, als der man ja in einer Traumwelt lebt?

Mustafi: Bei mir ist es so: Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner ­Familie. Nicht nur zu meinen ­Eltern, sondern auch zu meinem Bruder, zu Cousins, Onkels und Tanten.

Deshalb habe ich auch nie gedacht, ich sei etwas ganz Besonderes. Ich fühle mich nicht als Star der Familie.

Sie können ordentlich feiern, das hat man nach dem WM-Titel und auch jetzt nach dem gewonnenen FA-Cup-Finale mit Arsenal ­gesehen, als Sie wegen einer ­Gehirnerschütterung pausieren mussten.

Stemmen Sie nie, wie das in England auch unter Fußballprofis üblich ist, mal ein paar Bier im Pub weg?

Mustafi: Ich habe noch nie Alkohol getrunken. Dabei wird es auch bleiben. Das hat mit meinem Glauben zu tun, aber auch mit der Überzeugung, dass es für mich nicht gut ist.

Ich habe Alkohol nie gebraucht und kann auch so den Moment leben.

Oliver Bierhoff hat sich dieser Tage auch erinnert. Der Manager der Nationalmannschaft sagte, Sie seien ihm schon als 17-Jähriger in der Jugend-Nationalmannschaft durch eine besonders reife Ausstrahlung aufgefallen.

Mustafi: Damals sind wir Europameister ­geworden in Magdeburg. Ich habe es schon öfter zu hören bekommen, dass ich reifer rüberkomme, als man es bei meinem Alter ­erwartet.

Das liegt wohl daran, dass ich mit 14 schon von zu Hause weg bin. Beim HSV musste ich für ­vieles selber sorgen. Da wurde man nicht direkt, wie manchmal üblich im Profifußball, in Watte gepackt. Ich musste also Wäsche waschen, bügeln und putzen.

Aufgaben, die ich zu Hause nicht bekommen ­hätte. Ich bin im Nachhinein dankbar dafür. Und danach war es ­weiter so: Egal, wo ich hingegangen bin, ich bin alleine gegangen.

Meine Familie ist immer in Deutschland geblieben.

Sie waren in Everton, Genua, beim FC Valencia und sind nun beim FC Arsenal. Und Sie haben dabei viel selbst organisiert?

Mustafi: Ich finde es wichtig, nicht alles seinem Berater zu überlassen und nur zu unterschreiben. Auch mit Blick auf die Zeit nach der aktiven Karriere. Sonst ist man dann ein hilfloser Fall und verblödet geradezu.

Freundschaft mit Mario Götze über die Jahre

Bei Arsenal gehören auch Per Mertesacker und Mesut Özil zu Ihrer Mannschaft, zwei Spieler, mit denen Sie gemeinsam 2014 Weltmeister geworden sind. Gibt es Freundschaften im Profifußball?

Mustafi: Sicher gehen wir ab und zu mal gemeinsam essen. Ich bin eher der Typ, der nicht sofort sagt: „Das ist mein Freund.“ Für mich sind Mitspieler erst einmal Mannschaftskollegen.

Wenn man sich irgendwann über Privates austauscht, dann entwickelt sich eine Freundschaft. Ich finde, das Wort Freundschaft wird mittlerweile mitunter etwas überstrapaziert.

Mario Götze ist Ihnen über die Jahre zu einem Freund geworden?

Mustafi: Ich habe mit Mario schon zusammengespielt, als wir 15 waren. Mit ihm habe ich mich schon oft über anderes unterhalten als über Fußball. So entstehen dann über die Jahre Freundschaften.

Was erwarten Sie von sich und der Mannschaft hier in Russland beim Confederations Cup?

Mustafi: Jeder von uns hat Bock auf den Confed-Cup. Das spüre ich und das hat man schon gesehen: Gegen San Marino haben wir top-seriös bis zu Ende gespielt. Das zeigt den Charakter der Mannschaft. Wir ziehen hier das Ding durch bis zur letzten Minute.

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