Chefausbilder Wormuth: „Hey, ich will auch einen Tuchel“

Klare Anweisungen: Frank Wormuth bildet die Fußballlehrer für die Bundesliga aus.
Klare Anweisungen: Frank Wormuth bildet die Fußballlehrer für die Bundesliga aus.
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Hennef. Es ist eine Revolution in der Fußball-Bundesliga: Die Vereine holen sich keine früheren Nationalspieler mehr auf die Trainerbank, sondern Männer, die ihren Beruf früh gelernt haben, ohne je selbst in der ersten Liga gespielt zu haben. Bremen vertraut im Abstiegskampf Alexander Nouri (37), der Hoffenheimer Julian Nagelsmann (29) wird mit Bayern München in Verbindung gebracht und Dortmunds Thomas Tuchel (43) gilt als der neue Pep Guardiola. Alle reden über die neue Generation Trainer. Wir reden mit Frank Wormuth (56), dem Mann, der als Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung die Trainer fit für die Liga macht.

Herr Wormuth, Sie bilden Trainer aus. Gibt es den perfekten Trainer?

Frank Wormuth: Das ist nicht so leicht zu sagen. Der beste Trainer kann erfolglos sein, wenn er nicht zur Mannschaft passt.

Wie verhält sich ein guter Trainer?

Frank Wormuth: Ein guter Trainer ist auch ein Rollenspieler. Er muss seine Wirkung immer hinterfragen: Passt mein Verhalten zur Situation, zur Mannschaft, zum Spieler? Seine Sozialkompetenz muss mindestens so ausgeprägt sein wie seine Fachkompetenz. Er muss verschiedene Facetten von Wirkungen auf Lager haben. Natürlich soll er authentisch sein, aber wenn ich 24 Ich-AGs gerecht werden will, dann ist es manchmal auch ein Spagat zwischen Authentizität und Rolle. Das ist sehr schwierig, aber macht auch Spaß.

Eine neue Generation Trainer erobert gerade die Bundesliga. Trainer, die gute Trainer sind, obwohl sie keine eigene Erstliga-Karriere als Spieler vorweisen können. Neun von 18 Klubs vertrauen so einem. Was sagt Ihnen das?

Frank Wormuth: Dass die Klub-Bosse und Manager ein neues Profil für diesen Job geschaffen haben. Die Verantwortlichen gucken mittlerweile primär auf die Kompetenzen als Trainer. Es ist aber nach wie vor kein Nachteil, wenn man in der Bundesliga gespielt hat.

Tuchel, Nagelsmann, Weinzierl, Gisdol - diese Trainer führen die neue Trainergeneration in der Bundesliga an. Wie erklären Sie sich die Vehemenz dieses Trends?

Frank Wormuth: Ich denke, dass die verpflichtende Einführung von Nachwuchsleistungszentren mit mindestens zwei bei Erst- und einem Fußball-Lehrer bei Zweitligisten dazu geführt hat, dass junge Trainer eine Chance bekommen haben, ihr Hobby zum Beruf zu machen. In den relativ neu eingeführten U19- und U17-Bundesligen können sie sich vor den Augen der Vereinsverantwortlichen entwickeln. Und wenn dann der Bundesligatrainer ausgetauscht wird, dann rufen die Klubs mittlerweile den, den sie am besten kennen: den Mann aus dem eigenen Nachwuchs.

Mainz leistete 2009 sozusagen Pionier-Arbeit mit der Wahl von Thomas Tuchel?

Frank Wormuth: Ja, Tuchel war glaube ich der erste, dem der Sprung von der U19 direkt in die Bundesliga gelungen ist - und zum Glück aller Nachwuchstrainer hat es funktioniert. Denn damit haben sich immer mehr Verantwortliche gelöst von dem Gedanken, für eine gute Wirkung nach außen jemanden mit einem großen Namen präsentieren zu müssen. Mit einem bekannten Namen ging man als Manager ein geringeres Risiko ein, selbst verantwortlich gemacht zu werden, wenn es nicht lief. Aber Tuchel funktionierte so gut, dass andere Manager sagten: Hey, ich will auch einen Tuchel haben als Cheftrainer. Mittlerweile ist nicht mehr der Status wichtig, sondern der Inhalt.

Wieviel Mut gehört zu einer solchen Entscheidung?

Frank Wormuth: Eigentlich braucht es keinen Mut. Der Sprung zum Bundesliga-Trainer ist gar nicht mehr so weit. Da kann sogar der VfB Stuttgart jemanden von einem anderen Verein holen, weil er dreimal im Jugendbereich deutscher Meister geworden ist (gemeint ist Hannes Wolf, früherer Jugendtrainer von Borussia Dortmund, Anm. d. Red.).

Sind Situationen denkbar, in denen den jungen, von der Theorie genährten Trainern die Erfahrungen einer eigenen Bundesliga-Karriere fehlen?

Frank Wormuth: Zunächst einmal: Jung und theoretisch ausgebildet klingt sehr negativ. Julian Nagelsmann, obwohl er der Jüngste in der Liga ist, hat zehn Jahre Erfahrung als Trainer, Darmstadts Torsten Frings hat weniger. Zum anderen: Theoretisch könnte ihnen fehlen, dass sie sich nicht in den Profi hineinversetzen können. So eine Ich-AG im Leistungsbetrieb Bundesliga denkt vielleicht doch anders als ein Jugendspieler. Könnte sein, theoretisch möglich. Praktisch glaube ich das nicht.

Sind die Vertreter der neuen Trainer-Generation die besseren Trainer?

Frank Wormuth: Nee. Hier gibt es kein besser und schlechter. In der Ausbildung haben wir zwar heute mehr Tiefe, die Wissenschaft gibt uns mehr Möglichkeiten, die technische Entwicklung vereinfacht das Scouting und die Spielanalyse. Die jüngeren Kollegen werden damit groß, aber auch die älteren können mit dem Material umgehen auch wenn sie nicht unbedingt in jeder Halbzeit eine Videoanalyse machen.

Hat sich die Rolle des modernen Trainers als derjenige, der an der Seitenlinie unmittelbar die taktischen Winkelzüge des Kollegen parieren muss, verändert?

Frank Wormuth: Das Spiel ist das gleiche geblieben, nur vielleicht ist es heute eben variabler. Sie spielen vermutlich auf taktische Variationen an, die aus meiner Sicht überbewertet werden.

Warum?

Frank Wormuth: Es geht immer zuerst um die Qualität der Spieler, nicht um Grundordnungen und Systeme. Wenn ein Pep Guardiola aus einer Viererkette eine Dreierkette macht, in dem er David Alaba ins Mittelfeld zieht, dann ist für den Gegner vor allem das Problem, dass nun ein überragender Kicker plötzlich zentraler und offensiver auftaucht. Darauf muss ich als gegnerischer Trainer dann reagieren.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der damals gerade in Wolfsburg entlassene Dieter Hecking: „Ich finde Taktik wirklich wichtig, aber wir müssen keine Geheimsache daraus machen.“ Manchmal, sagte er, wundere er sich, welch komplexe Gedanken ihm manchmal nach der Partie bescheinigt würden. Entlarvt er sich oder andere?

Frank Wormuth: Er sagt die Wahrheit. Dadurch, dass sich immer mehr Menschen mit Fußball beschäftigen, kommen immer neue Gedanken hinzu. Man sieht plötzlich Dinge, die vielleicht gar nicht da sind oder zumindest so nicht intendiert waren. Das ist wie bei einer Vernissage, wo dann Menschen ergriffen vor einer Leinwand mit Farbklecksen stehen, sich fragen, was ihnen der Maler sagen wollte und anschließend irrsinnig viel Geld dafür bezahlen. Was uns der Maler sagen wollte? Nichts. Der hatte vielleicht nur einen schlechten Tag (lacht). Trotzdem reden alle über den Fußball: Mensch, hasse, gesehen, der Hecking. Und die Trainer sagen: So weit haben wir gar nicht gedacht.

Ist Fußball gar nicht so komplex, wie es mancher gern schildert?

Frank Wormuth: Wenn die angehenden Fußball-Lehrer hier her kommen, dann sagen wir ihnen: Heute schreiben wir mal den Fußball auf eine DINA4-Seite. „Wie?“, sagen die dann, den ganzen Fußball auf eine Seite? Nach drei Unterrichtseinheiten hatten wir es. Und plötzlich merken die: Fußball ist gar nicht so kompliziert.

Existiert für einen Trainer die Gefahr, sich in taktischen Überlegungen zu verlieren oder die Spieler damit zu überfordern?

Frank Wormuth: Meine kürzeste Antwort heute: Ja.

Kritiker meinen, genau das träfe manchmal auf Thomas Tuchel zu, weil er seine Mannschaft stets detailliert auf den Gegner abstimmt. Wie stehen Sie dazu?

Frank Wormuth: (überlegt lange) Nur weil das jemand sagt, muss es ja nicht so sein.

Gibt es ein Aber?

Frank Wormuth: Man kann als Trainer viel erkennen. Die Frage ist nur, ob ich es in der Kürze der Zeit schaffe, es der Mannschaft zu vermitteln. Klar kann ich sagen, dass ich das System ändere. Das muss ich trainieren. Und ändert sich deswegen was? Es ist ein einfaches Spiel, bei dem wir Trainer abhängig von den Spielern und ihrer Form sind. Wir können Impulse geben und die können Spiel entscheidend sein, müssen sie aber nicht. Entscheidend ist, wie ich mit der Mannschaft im Vorfeld inhaltlich und menschlich gearbeitet habe.

Die Spieler werden immer besser ausgebildet, bekommen taktisches Know-How vermittelt. Nimmt das Einfluss auf das Trainer-Dasein?

Frank Wormuth: Dadurch, dass wir Hauptamtlichkeit in den Nachwuchsleistungszentren haben, sind die Spieler natürlich super ausgebildet. Sie verstehen den Fußball, es kommt hinterher darauf an, wie sie die Inhalte unter Druck übertragen können. Das lernen sie über Jahre in den Nachwuchsleistungszentren, und wenn sie da raus kommen, sind sie gut. Es hat Jahre gegeben, in denen ausgebildete Spieler gern wieder in die U19 gegangen wären, weil sie von ihrem Trainer dort mehr Taktik beigebracht bekommen haben. Aber die Trainer-Generation, die jetzt da ist, ob im NLZ oder bei den Profis, hat sich verändert. Diese Trainer erklären den Spielern den Fußball. Deswegen hat der Trainer es schwerer, wenn er fachlich nicht gut ist. Da aber alle Trainer in diesem Bereich gut sind, besteht die Möglichkeit zur Interaktion, weil er vom Spieler besser verstanden wird.

Sie haben unter anderem Markus Weinzierl und Markus Gisdol in der Hennes-Weisweiler-Akademie ausgebildet. Was zeichnet beide Trainer aus?

Frank Wormuth: Markus Gisdol kommt aus der Schule des Württembergischen Fußballverbandes, ist sehr analytisch, sehr taktisch orientiert. Er ist jemand, der sehr starke taktische Gedanken hat und diese auch mit der Mannschaft verwirklichen will. Bei Markus Weinzierl finde ich seine Sozialkompetenz sehr gut, seine Art, wie er mit Menschen umgeht. Er hat eine sehr ruhige Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Das ist das, was wir im Lehrgang bemerkt haben. Wie sie tatsächlich in der freien Wildbahn sind, kann ich nicht 100-prozentig beurteilen (lacht).

Holger Stanislawski und Alexander Zorniger – um zwei Beispiele zu nennen – gehörten zu den Jahrgangsbesten. Warum sieht man sie nicht mehr in der Bundesliga?

Frank Wormuth: Für die, die einmal rausgerutscht sind, wird es immer schwieriger, wieder reinzukommen. Es kommen schließlich immer mehr Trainer nach. Man darf sich in der 1. und 2. Bundesliga nicht viel erlauben. Ein, zwei Schüsse, kein Erfolg – dann kommt der nächste.

 
 

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