„Unsere Badewanne ging schön bunt in die Presse“

Ford Taunus, genannt Badewanne.
Ford Taunus, genannt Badewanne.
„Wir machen noch eine große Inspektion. Dann können Sie den Wagen am Freitag abholen“, sagte der Verkäufer der Ford-Niederlassung. Dann schaute er zum Fenster hinaus. ,Jetzt sehen wir uns noch ihren alten Taunus an.’

Unsere ,Badewanne’, wie wir sie nannten, wartete geduldig auf dem Kundenparkplatz. Zwölf Jahre alt, das Schätzchen! ,Tchja!’, ließ sich der junge Mann vernehmen, ,einen Markt gibt es für dieses Baujahr nicht mehr. Da bleibt nur die Schrottpresse!’

Bei der Fahrt nach Hause tuckerte unsere gute alte Badewanne, wie mir schien, recht traurig vor sich hin. ,Wieso Schrottpresse?’, wollte Christian wissen, ,der ist doch noch so toll!’

Ich nutzte die Situation zu einer Betrachtung über die Wirtschaftlichkeit der Fahrzeughaltung. So recht überzeugend fand der Neunjährige das nicht. Schließlich war der Ford sieben Jahre lang unser Familienwagen gewesen. Der Vierräderige und der Zweibeiner waren gewissermaßen zusammen aufgewachsen.

Mir kam eine Idee: ,Weißt du, der wird ja jetzt praktisch beerdigt. Wir machen daraus eine bunte Feier, ganz ohne Trauer!’ Zu Hause holte ich alle möglichen Farbreste aus dem Keller, eine Regenbogensammlung. ,Hol deine Freunde her, den Christof, den Kai, den Kalli und die anderen. Dann nehmt ihr euch die Pinsel und bemalt den Taunus rund herum, so wie ihr wollt.’

Christian glaubte an einen Scherz. ,Nein, nein’, versicherte ich, ,das dürft ihr so machen! Dann geht unsere Badewanne übermorgen bunt geschmückt auf ihre letzte Fahrt und ihr habt noch euren Spaß gehabt. Ich glaube, unser Auto wird das auch freuen, so bunt!’

Die Burschen legten los. ,Aber nur das Blech bemalen. Bloß nicht die Scheiben!’, schärfte ich meinem Sohn ein. Karin und ich schauten uns das Treiben vom Fenster aus an. Es wurde gemanscht, gekleckert und geschmiert, dass es eine Freude war zuzusehen. Die Kotflügel, die Seiten, die Motorhaube, der Kofferraum. Jetzt stieg der Kai auf das Dach und schrieb in großen roten Lettern darauf: ,Lerer sind doof!’ Ich überlegte einen Augenblick, ob ich mich angegriffen fühlen musste. Karin lachte: ,Lass doch! Das ist ein Gag!’ Die Farbtöpfe waren leer. Es war gerade noch zu erkennen, welche ursprüngliche Farbe unser Taunus gehabt hatte.

Andern Tags fuhren wir mit der rollenden Farbpalette zur Schule. Auf dem Wege schauten sich viele Leute um. Die Fahrer entgegenkommender Wagen verdrehten die Hälse. Verrückte Menschen, die in dem Papageien-Auto! An der Schule parkte ich auf dem Innenhof, der auch von der Nachbarschule eingesehen werden konnte. Überall blieben Schüler stehen und sahen sich unseren Karnevalskarren an. ,Echt stark! Verrückte Idee! Das geht bestimmt nicht mehr ab! Da waren wohl irgendwelche Schmierer dran.’ Es gab viele Kommentare.

Von oben aus dem Gebäude war die Dachaufschrift gut zu sehen: ,Lerer sind doof!’ Man machte sich Gedanken, wer das geschrieben haben konnte. Sollte das etwa eine ironische Kritik an der beklagten Bildungsmisere sein? Als ich mich in meiner Klasse zu dem bunten Karren bekannte, glaubte man mir nicht. Mir war nicht klar, ob ich das als Wertschätzung meiner Rechtschreibkompetenz oder als Verkennung meines Humors werten sollte.

Als wir am folgenden Tag das bunte Osterei bei dem Ford-Händler gegen den neuen Wagen eintauschten, meinte der Meister der Werkstatt: ,Da hat Ihnen über Nacht wohl noch jemand einen Streich gespielt. Aber der Schrottpresse macht das nichts.’

Ob unsere alte Badewanne auch ein wenig Freude auf ihrer letzten Fahrt gehabt hat?“

EURE FAVORITEN