Plastikfahrrad - Ein Flop für die Ewigkeit

Ein entwicklungstechnischer Fehlgriff: das Plastikfahrrad Itera.
Ein entwicklungstechnischer Fehlgriff: das Plastikfahrrad Itera.
Eine der größten Pleiten auf Rädern startete vor 30 Jahren ihren unaufhaltsamen Niederlagenzug: das schwedische Plastikfahrrad Itera, das als Antwort auf die erste Ölkrise gedacht gewesen war.

Essen. Die moderne Fahrzeug-Geschichte kennt viele katas­trophal gestartete Neuheiten: Die bei ihrer Präsentation auf offener Bühne brennende US-Limousine Tucker Torpedo etwa, der nur auf dem Papier abgehobene Riesenzeppelin Cargolifter, das beim ersten Anheizen explodierte Dampfschiff Great Eastern und eine ganze Reihe beim Start explodierte Ariane-Raketen. Eine, vielleicht die größte Pleite auf Rädern startete vor 30 Jahren ihren unaufhaltsamen Niederlagenzug: das schwedische Plastikfahrrad Itera.

So berichtet das Volvo-Club-Magazin in seiner jüngsten Ausgabe über den Traum vom rostfreien Rad, der 1981 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Nach der ersten Ölkrise 1973 suchte die westliche Welt Möglichkeiten, die Abhängigkeit vom schwarzen Gold in den Händen der raffgierigen Scheichs zu verringern. Hochmoderne leichte Kunststoffe sollten dabei helfen.

Jimmy Carter bestieg den Prototypen

In Schweden erdachten Volvo-Ingenieure ein genauso unverwüstliches wie billiges Volksfahrrad, bis auf Kette und Klingel ganz aus Kunststoff. US-Präsident Jimmy Carter fährt beim Besuch in Schweden publikumswirksam den Prototypen. Verwirklicht wird das Projekt jedoch ohne Unterstützung von Volvo.

Auf den Markt kommt Itera 1982, aber dann viel zu teuer und kostet mehr als ein normales Fahrrad, obwohl nur ein Viertel des Preises versprochen war. Das in der Werbung als „Ewigkeitsmaschine“ angepriesene Rad wird dazu noch als Bausatz ausgeliefert, bei dem oft Teile fehlen oder kaputt sind und den nur versierte Schrauber mit Spezialwerkzeug zusammenbekommen.

Nach dem Fehlstart wurde es noch schlimmer

Damit ist der Fehlstart perfekt, aber es kommt noch schlimmer. Im Sommer wird das Plastik so weich, das Itera schlingert, im Winter so hart, dass Teile wie die Tretkurbel brechen. „Dank“ der miesen Produktion treffen nachgelieferte Teile nicht den Ton der ohnehin traurig-blassen Farben. Bei der erst nachträglich angebotenen Gangschaltung fehlt der Rücktritt. Wegen einer leichten Größenabweichung passen normale Reifen nicht auf das Rad. Elektrische Induktionsschleifen, die normale Drahtesel an roten Ampeln erkennen, bleiben vom Plastikrad unberührt.

Die angedachten sechsstelligen Jahresproduktionszahlen eines Volksrades werden nie erreicht und das Projekt folgerichtig 1985 nach nur 30 000 gebauten Plaste-Rädern eingestellt. Das Itera taucht noch sporadisch in Internetbörsen auf, schließlich rostet es nicht. Aber selbst zum richtigen Liebhaberstück hat es die Ewigkeitsmaschine nicht gebracht.

 
 

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