Neues vom Weltmeister: der MP4-12C

Zur Weltpremiere des MP4 lud McLaren etwas überraschend nicht zum Firmensitz ins englische Woking ein, sondern nach Düsseldorf.
Zur Weltpremiere des MP4 lud McLaren etwas überraschend nicht zum Firmensitz ins englische Woking ein, sondern nach Düsseldorf.
Foto: unbekannt

Düsseldorf.. Nach dem zu fetten SLR und der Trennung von Mercedes baut McLaren einen richtigen Mittelmotor-Supersportwagen mit 600 PS. Mit seinem Vorgänger verbinden ihn nur die Schwenktüren.

„Wir bringen das richtige Auto zur richtigen Zeit“, glaubt Antony Sheriff und spricht vom neuen, 600 PS starken Supersportwagen McLaren MP4-12C. Seit sechs Jahren baut der ehemalige Fiat-Manager Sheriff die Automobilmarke McLaren als Tochterunternehmen des gleichnamigen britischen F1-Rennstalls auf. Rechtzeitig zum Ende der Weltwirtschaftskrise, wie er sagt, fährt im März nächsten Jahres wieder ein Sportwagen mit dem Namen der F1-Legende McLaren auf die Straße. Doch diesmal nicht in homöopathisch kleiner Stückzahl wie 1994 der legendäre Superportwagen McLaren F1 und ab 2004 der für Mercedes-Benz in Kleinserie gebaute SLR McLaren. Der neue Mittelmotor-Sportwagen ist das erste von vorläufig vier geplanten Serienmodellen, die jährlich 4.000 Einheiten ausmachen sollen. Nach 163 F1-Siegen und 12 Fahrerweltmeisterschaften als Rennwagen-Hersteller wird McLaren nun auch Automobilhersteller.

Ausgerechnet der damalige Finanzier und McLaren-Partner Mercedes-Benz leistete dabei Geburtshilfe. Meinungsverschiedenheiten über den mindestens 440.500 Euro teuren Super-Mercedes SLR McLaren überzeugten McLaren-Patriarch Ron Dennis vor etwa acht Jahren, im Alleingang das bessere Auto bauen zu können. Von FIAT warb er den Produktionsexperten Sheriff an, der sukzessive 500 neue Entwicklungsingenieure einstellte und eine Sportwagenfabrikation von bis zu 4000 Einheiten jährlich entwarf. Die neue Produktionsstätte neben dem futuristisch gestalteten McLaren Hauptquartier im britischen Woking wird 2011 eingeweiht. Beide Komplexe entwarf Star-Architekt Norman Foster. Ron Dennis möchte den besten Sportwagen seiner Preisklasse im effizientesten Automobilwerk der Welt bauen.

Die Fertigungstoleranz liegt unter 0,5 Millimeter

Bereits der erste Straßensportwagen der frisch gebackenen Automobilmarke weist ein weiteres Ziel: Wie in der Formel 1 möchte Dennis dem Erzrivalen Ferrari nun auch im öffentlichen Straßenverkehr Paroli bieten. Dazu stiegen McLarens Formel-1-Champions Lewis Hamilton und Jenson Button mehrmals ins Cockpit der Prototypen. Ihr Ziel: eine einzigartig enge Verbundenheit zwischen Pilot und Sportwagen zu schaffen. Der neue, 600 PS starke McLaren MP4-12C soll den Ferrari 458 Italia mit 570 PS in allen Disziplinen „in die Senkel stellen“. Dafür seien nicht nur Kraftüberlegenheit und Fahrdynamik die entscheidenden Argumente, sagt Antony Sheriff, sondern insbesondere auch das intelligenteste und umweltfreundlichste Konzept im Preissegment ab 150.000 Euro.

Als einziger Sportwagen im Marktumfeld der Ferrari 458 Italia, Lamborghini Gallardo und Porsche GT2 bietet McLaren seinen Kunden ein extrem verwindungssteifes, weniger als 80 kg leichtes Kohlefaser-Monocoque, wie man es aus F1-Boliden kennt. Es besitzt eine Fertigungstoleranz von unter 0,5 Millimetern. Diese Sicherheitszelle bildet das Rückrad des Sportwagens und dürfte zum stärksten Kaufargument werden. An ihn wird ähnlich wie beim 10 Mal teuren Bugatti Veyron hinten ein Rahmen angeschraubt, der den kompakten 3,8-l-V8-Biturbomotor aufnimmt. Eine Crashbox bildet den Heckabschluss. Vorn sind Windschutzscheibe und ebenfalls eine Crashbox angefügt. Alle Rahmenbauteile bestehen aus leichtem und sehr verwindungssteifem stranggepressten Aluminium. Sogar die Anbauteile wie Deckel und das Dach sind aus Alu, nur die Türen bestehen aus Fiberglas. Der neue 12C bringe weniger als 1400 Kilo auf die Waage, verspricht Antony Sheriff. Der Ferrari wäre somit 100 Kilo schwerer.

Die Erscheinung des neuen McLaren wirkt schlichter als seine Modellbezeichnung MP4-12C verheißt. MP4 steht für McLaren Projekt 4, die Ziffer 12 ist Index einer internen Rangordnung des Unternehmens und C steht fürs Carbonfibre-Monocoque. Die Karosserie des Zweisitzers folgt ausschließlich aerodynamischen Zwängen, bleibt bis in die Details austauschbar und könnte auch einen Lotus kleiden. Insbesondere die Front besitzt kein Marken prägendes Gesicht. Ein VW Scirocco wirkt markanter.

Die Türen schwenken nach vorne und nach oben

Umso mehr Eigenständigkeit besitzt das hohe Heck. Über die gesamte Fahrzeugbreite reicht ein Luftauslass mit integrierten Heckleuchten und zwei Endrohren. Letztere bauen als Strukturelemente bei einem Heckaufprall Energie ab. Unter dem schmalen Heckstoßfänger wachsen mächtige Diffusoren hervor. Sie ergänzen den flachen Unterboden in ihrer Luftleitfunktion, den Auftrieb des Sportwagens zu verringern. Der bündig eingepasste Heckspoiler fährt nur beim Bremsen aus Geschwindigkeiten über 97 km/h (60 mph) automatisch aus. Ebenfalls um mehr Abtrieb zu erzeugen und mehr Grip der Reifen. Darüber hinaus kann der Fahrer den Flügel über einen Schalter in der Mittelkonsole stufenlos ausfahren, um den Abtrieb des Hecks beispielsweise auf einem engen Rundkurs generell zu erhöhen.

Die Türen des 12C öffnen nach vorn oben, wie man es aus dem SLR McLaren und McLaren F1 kennt. Zum Einsteigen taucht man unter ihnen durch und dreht sich über den breiten Seitenschweller in die Sitzschale. Das axial- und höhenverstellbare Lenkrad gleicht in Geometrie und Haptik genau dem des Audi R8. Die Schaltwippen dahinter wechseln auf Druck oder Zug die Gänge: links zum Runter- und rechts zum Hochschalten. Dass offensichtlich auch Schalter aus dem VW-Baukasten verwendet werden, stört den eigenständigen Gesamteindruck nicht. Hier wurde ein Interieur primär nach funktionelllen Anforderungen gestaltet. Die Volkswagen-Details passen hinein. Die Instrumentierung mit einem einzigen (analogen) Messgerät ist auf das Nötigste reduziert. Im Zentrum liegt der Drehzahlmesser. In der schwebend installierten, vergleichsweise hoch bauenden Mittelkonsole liegt der Bildschirm für Navigation und Entertainment-System gut im Blickfeld. Darunter liegen Drehschalter und Knöpfe fürs dreistufige adaptive Dämpfersystem (Comfort, Sport, Track), zur Einstellung der Heckspoilerposition, Aktivierung der Launch Control und des Wintermodus des Schaltgetriebes gut zur Hand. Unterhalb des Schalters der elektronischen Parkbremse liegen die Knöpfe zur Gangwahl des Doppelkupplungsgetriebes. Die Klimatisierung wird über ein Panel in der Fahrertür gesteuert

Der neue MP4-12C sei eine komplette Eigenwicklung von McLaren, wird man in Woking nicht müde festzustellen. Gefertigt werden die meisten Komponenten allerdings bei Zuliefern außer Haus, so dass der Sportwagen im hauseigenen MPC (McLaren Production Center) nur noch komplettiert werden muss. So entsteht das Kohlefaser-Monocoque bei der deutschen Carbo-Tech, das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe kommt von Getrag und das heiße Herz des neuen McLaren von Ricardo, wo auch für den Bugatti Veyron gearbeitet wird.

Es geht um Sparsamkeit auf hohem Niveau

Das 3,8-l-V8-Aggregat mit dem Code M838T besitzt einen 90-Grad-Zylinderbankwinkel und wird dank Trockensumpfschmierung für einen möglichst niedrigen Schwerpunkt des Fahrzeugs tief unten in Mittellage verbaut. Beatmet von zwei IHI-Turboladern mit Ladeluftkühlung entwickelt es bis zu 600 PS bei 8000 Touren. Doch der Motor drehe leicht bis 8.500 Touren, versichert Projektleiter Mark Vinnels. Besonders bemerkenswert ist seine Drehmomentcharakteristik. Zwischen 3.500 und 7.000 Touren liegen 800 Nm an der Hinterachse an. Doch 640 Nm schon unterhalb von 2.000 Touren, womit Treibstoff sparendes Fahren im Alltagsverkehr sichergestellt wird. Bei einem Sportmotor wie diesem ist das natürlich relativ. McLaren verspricht einen Durchschnittsverbrauch von 12,9 l/100 km/h, während der Ferrari 458 Italia mit 13,3 und der Mercedes-Benz SLS AMG mit 13,2 l/100 km angegeben wird. Es geht um Sparsamkeit auf hohem Niveau!

Eine komplette automobile Neuentwicklung für maximal 1.500 Einheiten jährlich allein zu stemmen, dürfte ein vergleichsweise kleines Unternehmen wie McLaren alsbald in Finanznot treiben. Folgerichtig plant McLaren mit weiteren Parametern, über die in Woking noch niemand spricht. Zunächst einmal hat McLaren die Entwicklungskosten für den MP4-12C für insgesamt vier Modelle und Derivate kalkuliert. Schon in 2012 wird die Struktur des Zweisitzers mit Kohlefaser-Monocoque und modifizierten Aluminium-Strangguss-Profilen auch den Supersportwagen MP5-14C tragen, der mit einem auf zehn Zylinder erweiterten Triebwerk rund 800 PS leistet. Er wird als würdiger Nachfolger des dreisitzigen McLaren F1 gehandelt. MP4 und MP5 sollen außerdem ein Schwestermodell mit Faltdach bekommen. Zudem sind Wettbewerbsversionen für Rundstreckenrennen geplant, die seltene und sehr teure straßentaugliche Ableger hervorbringen.

 
 

EURE FAVORITEN