E10 - eine ökologische Mogelpackung?

Bioethanol wird aus Getreide oder Zuckerrüben hergestellt und herkömmlichen Benzin beigemischt. Foto: Mario Vedder/dapd
Bioethanol wird aus Getreide oder Zuckerrüben hergestellt und herkömmlichen Benzin beigemischt. Foto: Mario Vedder/dapd
Foto: ddp/Mario Vedder
Über die Umweltbilanz des neuen Biosprits E10 wird heiß gestritten. Kritiker meinen, Biotreibstoffe sind umweltschädlicher als Erdöl. Das Problem ist die Herstellung.

Essen.. Biotreibstoffe gelten als die Hoffnungsträger im Klimaschutz. Dabei warnen selbst Umweltverbände seit Jahren vor den „Klimakillern in Grün“: Die Öko-Bilanz ist schlimmstenfalls verheerend, und wer Biosprit fährt, tankt das Brot der Armen, heißt es in verschiedenen Studien. Und so schwebt über der Biosprit-Debatte die große Frage: Ist E 10 in Wirklichkeit eine ökologische Mogelpackung?

Es ist ein Traum von Wissenschaftlern: Wer Bioenergie aus nachwachsenden Energiepflanzen wie Weizen, Mais, Zuckerrüben oder Zuckerrohr herstellt, löst zumindest für den Verkehrsbereich einen Teil des Klimaproblems. Die Logik: Bei der Verbrennung des Biosprits wird nur jenes klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) frei, das die Pflanzen zuvor aus der Luft aufgenommen haben. Die nächste Generation von Pflanzen würde das CO2 wieder binden, ein Kreislauf begänne. Das Nullsummenspiel wäre ein Segen für die Atmosphäre.

Herstellungsmethode für Umweltbilanz entscheidend

Stimmt nicht, sagen Kritiker. Biosprit ist in seiner Umweltbilanz schädlicher als Erdöl, lautet das Fazit einer Studie des Instituts für Europäische Umweltpolitik (IEEP), die neun europäische Umweltverbände in Auftrag gegeben haben. Biosprit habe zwar Vorzüge. Doch der Einsatz von Kunstdünger, die energiefressenden Herstellungsverfahren oder die langen Transportwege machten die Klimabilanz wieder zu­nichte. Das Fazit des Instituts: Durch die geplante Biosprit-Nutzung würden bis zu 167 Prozent mehr Treibhausgase freigesetzt als durch die Nutzung fossiler Kraftstoffe.

Ähnlich, aber differenzierter beurteilt eine Studie für die Schweizer Regierung die Um­weltauswirkungen. Entscheidend sei, welche Rohstoffe und Technologien bei der Herstellung von Biosprit eingesetzt würden. Mit einer ganzen Reihe von Energiepflanzen könnten CO2-Einsparungen von bis zu 30 Prozent er­zielt werden. Aber: Die meisten dieser Pfade wiesen hö­­­he­re Umweltbelastungen als Benzin auf.

Konkurrenz von Teller und Tank

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat ausgerechnet, dass sich die Menge der erzeugten Biokraftstoffe seit Beginn des Jahrtausends versechsfacht hat. Der Biosprit-Boom raubt wertvolle landwirtschaftliche Nutzflächen und zerstört Ökosysteme.

Auch wenn das europäische Regelwerk verbietet, dass Biosprit auf nicht-zertifizierten Flächen angebaut wird: Um den Bedarf zu decken, werden Wälder abgeholzt, Moore trockengelegt, Weideland geopfert. Als „Kohlenstoff-Senken“ sind diese Flächen wesentlich effektiver als Äcker. Die „geänderte Landnutzung“ zieht so­mit zusätzliche CO2-Emissionen nach sich. Die Klimabilanz der Agrotreibstoffe, sie löst sich am Ende in Luft auf.

Gravierende Folgen hat die Konkurrenz von Teller und Tank. In den USA werden mittlerweile 30 Prozent der Maisanbauflächen für die Herstellung von Biosprit genutzt. In Mexiko, das einen Großteil des Getreides aus den USA importiert, kam es zur „Tortilla-Krise“: Der Preis für Mais vervielfachte sich. An der Warenterminbörse in Chicago stieg der Preis für Weizen im vergangenen Jahr um über 70 Prozent. Die Industrieländer vertanken das Brot der Ar­men.

Riesiger Flächenbedarf

Längst ist klar: Weltweit ist die Fläche für den Anbau von Energiepflanzen viel zu klein, um den Bedarf an Biosprit zu decken. Die IEEP-Studie rechnet vor: Würde man in Deutschland zehn Prozent der Treibstoffe durch Biosprit er­setzen, würden dafür 27 Prozent der deutschen Ackerfläche benötigt.

Für die EU ergeben die Aktionspläne einen Flächenbedarf von bis zu 69 000 Quadratkilometern, das ist un­gefähr die Fläche Irlands.


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