Der Autofahrer wird in Zukunft zum Beifahrer

Auto-Experte Prof. Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen im Interview über den PS-Wahn von heute und die Autos von morgen.

Essen. Noch mehr PS. Der Genfer Salon zeigt, wohin die Reise geht. Die meisten Neuwagen haben so viel Kraft wie noch nie unter der Haube. Wie wird sich der Automarkt entwickeln? Wolfgang Ibel im Gespräch mit Prof. Ferdinand Dudenhöffer (63) von der Universität Duisburg-Essen. Er gilt als einer der größten deutschen Auto-Experten.

So PS-stark war der Genfer Salon noch nie. Geht das so weiter?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Alle Zeichen sprechen dafür, dass die PS-Entwicklung auch in den nächsten Jahren nur eine Richtung kennt: nach oben. Ein Grund ist die SUV-Welle. Die sportlichen Geländewagen, sprich SUV, bringen mehr PS auf die Straße als die anderen Karosserieformen. Zusätzlich geht der Wunsch nach Premium weiter, und da spielen PS halt auch eine Rolle.

Das bedeutet für die Umwelt?

Dudenhöffer: Wir entfernen uns von Ziel der Nachhaltigkeit. Das könnten zukünftige Kunden und Generationen übel nehmen.

VeröffentlichungIst Ihnen in Genf denn ein Auto besonders positiv aufgefallen?

Dudenhöffer: Was auffällt ist, dass nach der Welle der reinen Elektroautos jetzt viele so genannte Plug-In-Hybride in Genf stehen. Die Autobauer haben hohe Summen in die Elektromobilität und jetzt die Plug-In-Hybride, also Fahrzeuge, die im Mittel so 30 bis 40 Kilometer rein elektrisch fahren können und dann auf den Verbrennungsmotor umspringen, investiert. Gleichzeitig wird es nicht leicht sein, die doch teuren Plug-In-Modelle bei dem billigen Sprit dem Autokäufer „schmackhaft“ zu machen. Darüber wird in Genf diskutiert und gehofft, dass endlich die Kanzlerin mal was unternimmt, um ihr Kanzlerwort von einer Million Elektroautos im Jahre 2020 nicht als Kanzler-Marketing-Gag in die Geschichte eingehen zu lassen.

Welches neue Auto sehen Sie denn eher kritisch?

Dudenhöffer: Die Frage ist vielleicht weniger, was ich kritisch sehe, sondern was die Käufer langweilt. Es gibt jetzt Hersteller, die das SUV auch als Cabrio anbieten. Ob die Welt solche Autos braucht, ist die Frage.

Welcher Hersteller ist gut für die Zukunft gerüstet?

Dudenhöffer: Die nächsten zehn Jahre gehören Mercedes. Der Daimler-Chef hat aus dem Unternehmen, das durch schwere Managementfehler seiner Vorgänger in eine große Krise gefahren war, in den letzten Jahren einen Diamanten geformt. Das Design passt, die Modelle gewinnen immer mehr Auszeichnungen und Kunden, der wichtige Markt China wird mit Volldampf beackert, das Entwicklungszentrum kreiert einschließlich des wichtigen Themas „automatisiertes Fahren“ Spitzentechnologie, und das Modellprogramm wird im fast atemberaubenden Tempo ausgebaut. Mercedes wird vor dem Jahr 2020 wieder der größte und erfolgreichste Premium-Autobauer.

Das Elektroauto kommt dagegen nicht so recht von der Stelle. Was läuft da falsch?

Dudenhöffer: Billiger Sprit, weiche Emissionsstandards und gebrochene Politikerversprechungen sind die Gründe. Mit dem billigen Sprit allein könnte man leben, aber der Dreierpack schnürt dem Elektroauto die Luft ab.

Auch die hochgelobten Hybridwagen will bisher kaum einer haben. Von den im letzten Jahr verkauften drei Millionen Neuwagen waren gerade mal 40 000 Hybridwagen. Warum setzen sich Umwelt-Autos in Deutschland nicht durch?

Dudenhöffer: Mit billigen Diesel und weichen Umweltstandards sind die Hybride „ausgehebelt“. Ich fürchte, auch bei den neuen Plug-In Hybriden wird es eher schwer werden.

Was macht die Industrie bei der Entwicklung neuer Modelle falsch?

Dudenhöffer: Ein Risiko ist sicher, dass alle wie Lemminge nur in die PS- und SUV-Richtung laufen. Aber die größeren Fehler machen unsere Politiker, indem sie Dinge als Zukunft ausrufen, die sie morgen nicht mehr interessieren. Damit wurden Milliarden an Investitionen in den Sand gesetzt. Statt moderne Mobilität und die Infrastruktur dazu aufzubauen, zerbröseln die Brücken. Das wichtigste verkehrspolitische Projekt der großen Koalition ist die Maut für Österreicher. Themen wie automatisiertes Fahren wurden von der Politik in USA besetzt, das Thema Elektromobilität langweilt Frau Merkel.

Noch ein Wort zu den chinesischen Autobauen, die ja in nächsten Zeit mit hohem Tempo auch auf den deutschen Markt drängen wollen: Wie benoten Sie die preiswerten Autos aus China?

Dudenhöffer: Bisher haben es die Chinesen nicht in West-Europa geschafft. Billig, mit wenig Pfiff und schlechte Qualität ist hier nicht zu verkaufen. Wenn schon preisgünstig, dann braucht man ein Konzept á la Dacia oder man macht es wie die Japaner und Koreaner. Dann steht Qualität und moderne Technik im Fokus. Ich glaube, die Chinesen brauchen noch Zeit in West-Europa.

Sehen wir zum Schluss in die Zukunft: Wie wird sich das Automobil in den nächsten Jahren entwickeln?

Dudenhöffer: Es wird spannend. Unsere Autos bewegen sich ins Zeitalter des „Autopiloten“. Der Fahrer wird zum Beifahrer beim automatisierten Fahren und die Software sitzt auf dem Fahrerschemel. Es wird die größte Revolution seit der Erfindung des Autos, auch wenn es noch etwas dauert. Wir könnten es schaffen, die Vision von Null-Verkehrstoten umzusetzen. Mehr als 95 Prozent aller Unfälle sind menschliche Fehler. Die werden wir durch Technik ausbügeln können.

 
 

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