Interesse an China und Malaysia wächst
31.03.2009 | 02:01 Uhr 2009-03-31T02:01:00+0200
Wer im kommenden Schuljahr ins Ausland möchte, muss sich beeilen. Daniel Kober von AFS Interkulturelle Begegnungen weiß genau, warum sich Jugendliche für den Aufenthalt in der Ferne entscheiden.
ZeusPower: Welche Jugendlichen entscheiden sich für ein Jahr an einer ausländischen Schule?
Daniel Kober: Bei AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. bewerben sich Schüler aller Schulformen und sozialen Hintergründe. Es ist jedoch erkennbar, dass Gymnasiasten überdurchschnittlich stark unter den Bewerbern vertreten sind. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Häufig verfügen die Bewerber über erste Auslandserfahrungen durch Klassenfahrten oder Kurzaustausche mit Partnerschulen, haben die Möglichkeit sich über Schüleraustausche zu informieren und ihre Eltern können das Vorhaben finanziell eher unterstützen. Bei anderen Schulformen treffen wir vielfach auf andere Ausgangslagen. Durch Stipendien versuchen wir beispielsweise gezielt Realschüler und Migranten zu fördern. Zugespitzt ausgedrückt ist der klassische Austauschschüler weiblich, er besucht ein Gymnasium und besitzt keinen Migrationshintergrund.
ZeusPower: Früher war vor allem ein Jahr in den USA besonders gefragt. Heute sind Schulaufenthalte in unzähligen Ländern möglich. Gibt es besonders begehrte Länder für den Schulaufenthalt in der Ferne?
Daniel Kober: Den größten Anteil an unserem Austauschprogramm machen nicht mehr die USA, sondern Mittel- und Südamerika aus. Etwa ein Drittel unserer über 1300 deutschen AFS-Austauschschüler verbringt sein Auslandsschuljahr noch in den USA. Die anderen Teilnehmer entscheiden sich für eines unserer mittlerweile 50 weiteren Länder. In den letzten Jahren machen wir einen starken Trend in Richtung Asien aus. Vor allem durch unsere Kooperation mit der Stiftung Mercator aus Essen und ihren Mercator Schülerstipendien ist das Interesse von Schülern aus Nordrhein-Westfalen an China und Malaysia enorm gewachsen.
ZeusPower: In Nordrhein-Westfalen erlangen Schüler bald ihr Abitur bereits nach der Stufe 12. Haben diese Schüler überhaupt noch die Möglichkeit, für ein Schuljahr ins Ausland zu gehen?`
Daniel Kober: Ja, die Möglichkeit bleibt weiterhin bestehen und ist von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen worden. Wir stellen natürlich fest, dass die Schulzeitverkürzung bei vielen Schulen, Eltern und Schülern zu Verunsicherungen führt, zumal die Informationsarbeit vom Land intensiver sein könnte. Unsere Erfahrungen in anderen Bundesländern zeigen jedoch, dass ein Austauschschuljahr trotz G8 möglich ist. Insgesamt werden unsere Teilnehmer durch die Verkürzung etwas jünger. In NRW scheint es allerdings besondere Überlegungen seitens der Eltern zu geben. In Gesprächen mit Eltern wird der Austausch als Entzerrung der Schullaufbahn und Chance zur persönlichen Weiterentwicklung begriffen. Hier sind zahlreiche Eltern und Schüler bereit ein Schuljahr nach der 10. Klasse einzuschieben und somit dem Doppeljahrgang aus dem Wege zu gehen.
ZeusPower: Auf welche Kenntnisse legen Sie bei den Bewerbungen für ein Auslandsjahr besonders großen Wert?
Daniel Kober: Für AFS sind weder gute Noten, noch Fremdsprachenkenntnisse ausschlaggebend. Wir wählen unsere Teilnehmer durch Auswahlteams an einem kompletten Wochenende aus. Im Vordergrund stehen die persönliche Reife und die Fähigkeit sich auf neue Situationen und Herausforderungen einstellen zu können. Einmal in unser Programm aufgenommen, werden unsere Schüler an drei Wochenenden intensiv auf ihren Austausch vorbereitet, während des Aufenthalts im Gastland durch unseren jeweiligen AFS-Partner betreut und von uns auf die Rückkehr nach Deutschland und in das jetzt neue alte Umfeld eingestellt.
ZeusPower: Sie sagten AFS achtet nicht vorrangig auf Fremdsprachenkenntnisse. Was sagen Sie Schülern, die sich für China interessieren, ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen?
Daniel Kober: Das passiert gar nicht so selten. Stellen Sie sich vor, sie kommen am Flughafen in China an und alles ist in chinesischer Schrift geschrieben. Stellen Sie sich vor, ihre Gasteltern, Klassenkameraden und neuen Freunde sprechen hauptsächlich Chinesisch mit Ihnen und sobald sie das Radio oder den Fernseher einschalten, hören sie Chinesisch. Das unterscheidet sich deutlich vom Sprachenlernen in der Schule. Sie können der neuen Sprache nicht entkommen. Wer wirklich nach China will und sich etwas Mühe gibt, wird nach einem Jahr sogar weit über den Abiturstandards liegen können. Dies gilt umgekehrt auch für die über 800 Gastschüler, die jährlich mit AFS nach Deutschland kommen. Am Anfang können sie grüßen, am Ende einen Vortrag in der Schule halten.
ZeusPower: Worauf sollten Schüler und Eltern bei der Auswahl der Austauschorganisation achten?
Daniel Kober: Wichtig ist, sich frühzeitig mit dem Thema zu befassen. Am besten bereits zwei Jahre vor geplanter Abreise, da Zeit für die Bewerbung, Auswahl und Vorbereitung eingeplant werden muss. Darüber hinaus sollten sich Interessenten ein breites Bild von den Anbietern machen. Nicht jede Organisation ist für die Vorlieben jedes Einzelnen geeignet. Es ist ratsam darauf zu achten, wie die Auswahlen ablaufen, ob und in welcher Form es Vorbereitungen gibt und durch wen die Betreuung im Ausland übernommen wird. Auch bei den Finanzen gilt: Preise und Leistungen vergleichen, darauf achten, ab wann Zahlungen fällig werden und ob es Fördermöglichkeiten durch Stipendien gibt.
ZeusPower: Mit welchen Eindrücken kehren die jungen Leute von ihrem Auslandsjahr eigentlich zurück nach Deutschland?
Daniel Kober: Die Eindrücke sind so gleich und so verschieden wie sie nur sein könnten. Jeder macht seine Austauscherfahrung, aber jeder an einem anderen Ort der Welt. Die meisten wollen gar nicht nach Hause und schmieden bereits Pläne für den nächsten Besuch, einen Freiwilligendienst oder Studium in ihrer neuen zweiten Heimat. Sie kehren, auch wenn sie die ein oder andere persönliche und kulturelle Hürde meisten mussten, mit einer unheimlichen Energie und Euphorie zurück. Nur so lässt sich erklären, dass das Herz von AFS unsere über 3000 Ehrenamtlichen Mitarbeiter in über 100 Komitees deutschlandweit sind. Ein Austauschjahr mit AFS wirkt eben ein Leben lang.
Mit Daniel Kober sprach Bülend Ürük.

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