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Hilfe für Cancha-Kinder

22.01.2009 | 15:05 Uhr
Hilfe für Cancha-Kinder

Eigentlich hat alles damit angefangen, dass sie Spanisch als Fremdsprache gewählt hat und mit einer Projektarbeit über Lateinamerika. Dann war klar, sie wollte nach dem Abi ins Ausland. Miriam Brüser, 20 Jahre, ehemalige Schülerin der BMV Schule in Essen, hatte nur noch ein Ziel: Südamerika.

In verschiedenen Vorbereitungsseminaren neben dem Abi hat sie sich vorbereitet, 2007 sogar den Bundespräsidenten Horst Köhler auf einer Reise dorthin begleitet. Nach Praktika und ehrenamtlicher Arbeit für Adveniat ist sie jetzt vor Ort. Ein Kinderhaus in Cochabamba/ Bolivien ist seit 5 Monaten ihre neue Heimat.

Morgens, 8.45 Uhr in unserem Kinderhaus. Zwei Kinder sind schon da. Ich sitze mit ihnen in unserem Gruppenraum am Tisch und wir haben gerade angefangen den Bildern die entsprechenden Buchstaben zuzuordnen. A (árbol) kommt zum Bild mit dem Baum, K zur Kiwi, U (uvas) zum Foto der Trauben. Bei M wie Manzana (Apfel) wird gerade noch nach dem Bild gesucht, als ich von hinten angestupst werde. "Buen Día Profe", höre ich und drehe mich um. Mir werden zwei Arme entgegengestreckt und Estefany will zur Begrüßung gedrückt werden. Viele Kinder hier sind geradezu knuddelsüchtig, da sie zuhause nicht immer die gewünschte Zuneigung und Nähe bekommen. Dass ich als "Profesora" angesprochen werde, hat mich am Anfang total gestört, "Lehrerin"... bin ich doch gar nicht. Habe ich studiert? Nein, gerade einmal mein Abitur gemacht. Aber es ist hier so üblich, die Kinder haben Respekt, was uns in den Pausen aber trotzdem nicht hindert,Verstecken- und Fangen zu spielen. Nach der Umarmung lacht Estefany mich an und beginnt dann mit dem Zahlenmaterial im sauberen Klassenraum Rechenaufgaben zu lösen.  

Am frühen Abend, 18.15 Uhr auf der Cancha. Ich stehe an einem der tausend Obststände mit den ganzen tropischen Fruechten der Cholita-Frauen, als ich jemanden an der Gesäßtasche meiner Jeans bemerke.  „Du wirst gerade das erste Mal beklaut“, denke ich erschrocken. Da höre ich "Buenas tardes Profe" und drehe mich langsam um. Wieder ein Lachen. Es ist Estefany, die am Nachbarstand ihrer Mutter mit zwei dreckigen Puppen im Staub der Strasse gespielt hat. Als sie mich sieht, kommt sie sofort angelaufen. Natürlich nehme ich sie kurz in den Arm... Gleiche freudige Begrüßung, mitten auf Südamerikas größtem Markt, ihrem Zuhause, wenn sie nach dem Lernen und Spielen in meiner Gruppe wieder zurückkehrt und den restlichen Tag dort verbringt, bis ihre Mutter vermutlich ohne die erhofften Einnahmen irgendwann spät den Stand verlässt...  

Begegnungen wie diese sind gar nicht so ungewöhnlich. Viele, die meisten der Kinder aus meinem Kinderhaus sind "Cancha-Kinder", das heißt "auf dem Markt zu Hause", und ich werde zwischen den vielen Ständen oft von ihnen als ihrer "profe" begrüßt. Sobald sie mich erkennen, kommen sie mir fröhlich hinterher gerannt um einmal gedrückt zu werden. Sie freuen sich immer sehr, wenn man sie außerhalb der Kinderhausmauern trifft... Und noch mehr, wenn man sich innerhalb der Kinderhausmauern Zeit für sie nimmt, mit ihnen Material, die Buchstaben und Zahlen erarbeitet, ihnen Lesen beibringt, damit sie später zur Schule gehen können und nicht wie ihre Mutter Verkäuferinnen auf der Strasse werden.

Oft bin ich diejenige, die den Kindern etwas beibringt, aber häufig bin auch diejenige, die lernt... von den Kindern, ihrem Lachen, iher unbesorgten Art, ihrer bedingungslosen Zuneigung und ihrem absoluten Vertrauen.

Miriam Brüser

Hintergrund: Wie junge Leute ins Ausland kommen

ZeusPower-Reporterin

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