Teil 4 - Was mich vom Auswandern abhält
07.04.2010 | 18:00 Uhr 2010-04-07T18:00:00+0200
Auf der einen Seite die Ausläufer des Nord Pazifik, auf der anderen Seite die Rockies. ZeusPower-Reporterin Salia erkundet auf eigene Faust die Metropole Vancouver. Und lernt in ihrem neuen Job als Eisverkäuferin, dass Eisbällchen rollen hohe Kunst ist.
Vancouver
Freitag, 19. März 2010. Heute habe ich mir fest vorgenommen, endlich den Strand zu sehen! Immerhin hat mich gerade die besondere Lage der Stadt hier hergelockt. Kurze Zeit werde ich von meinem Vorhaben abgelenkt, denn Patricia hat plötzlich zwei Karten für ein paralympisches Spiel: Ice Sledge Hockey. Da sich so schnell kein Familienmitglied findet, um mit ihr hin zugehen, fragt sie schließlich mich als ich mit Sack und Pack gerade aus der Tür treten will. Einem wunderschönen sonnigen Tag entgegen. Nach kurzer Bedenkzeit bleibe ich meinem ursprünglichen Plan treu. Auf nach Stanley Park! Auf zum Strand!
Stanley Park ist riesig und wie auf einer Art Halbinsel gelegen, trotzdem nur 10 Minuten Fußweg von Downtown entfernt. Mittendrin fast ein Dschungel, außen rum die "Seawall", ein Weg, der rund um den Park am Wasser entlang verläuft. Ich schaffe nicht die komplette Tour, sondern nehme eine Abkürzung, den Beaver Lake entlang. So komme ich nach drei Stunden am Strand an: Second Beach. Und der Weg hat sich definitiv gelohnt. (Eigentlich braucht man nicht so lange, ich war nur langsam.) Natürlich stürze ich mich heute nicht ins Wasser. Aber ich bin froh, dass ich den Vancouver Sommer noch erleben werde.
Samstag, 20. März 2010. Ich bin auf dem Weg zu meinem Vorstellungsgespräch an der Suspension Bridge. Es ist wieder recht sonnig, trotzdem friere ich mir den Hintern ab. Es ist erst neun Uhr, und ich bin eine Stunde zu früh da. Wollte halt sicher gehen … Ich bin dann auch die Erste, leider sind zu dem Gruppen-Interview weitere Mädchen eingeladen. Mit der Ankunft jeder weiteren Bewerberin, schwindet meine Hoffnung. Schließlich sind wir insgesamt acht oder neun. Man erklärt uns, dass am folgenden Tag noch zwei weitere Gruppen-Interviews stattfinden … na super!
Ich bin die einzige in der Runde, für die Englisch eine Fremdsprache ist. Das beruhigt mich nicht gerade. Trotzdem läuft alles okay. Vorstellung und Beantwortung zweier Fragen, die auf Kartei-Karten vor uns liegen. "Was machen Sie, wenn Sie eine Kundenfrage nicht beantworten können?" und "Wie viel Einsatz zeigen Sie, um ihre Ziele zu erreichen?", steht auf meinen Karten. Die erste Antwort liegt auf der Hand ("Don´t bother me", zu deutsch: "Lass mich in Ruhe") , die zweite Antwort belege ich mit meinem Aufenthalt hier. Okay, es stimmt nicht, was ich dann erzähle: Dass ich Jahre lang genau für diese Reise gearbeitet und gespart habe. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass es so ist.
Sonntag, 21. März 2010. Habe meinen ersten Arbeitstag in dem Coffee-Shop hinter mir. Es waren nur vier Stunden fürs Erste, aber die hatten es schon in sich. Die Chefin erwartet in jedem Moment absolute Achtsamkeit und Fleiß – zwar nicht ungewöhnlich – aber für den mageren Mindestlohn hätten mir zwei Minuten Freizeit für überschätzte Tätigkeiten wie Trinken oder zur Toilette gehen auch ganz gut getan. Das Schlimmste: Der Laden verkauft echtes italienisches Eis und ich bekomme keines umsonst, nicht mal einen Rabatt. Eine Kugel kostet übrigens fast 4 Dollar. Buen Apetito!
(Auf dem Rückweg nach Feierabend habe ich meine innere Liste derjenigen Dinge, die mich davon abhalten, nach Vancouver auszuwandern, ergänzt: Unter BROT, steht jetzt BILLIGES EIS!)
Dienstag, 23. März 2010. Zusammen mit Meg besuche ich das Museum of Anthropology. Zwischen fünf und neun Uhr ist „Happy Hour“. So heißt es tatsächlich. Also statt 15 Euro, nur 7 Euro Eintritt! Eine Werk-Sammlung der unterschiedlichsten Kulturen wird hier ausgestellt, insbesondere Werke der Kultur der Ur-Stämme in Vancouver und Umgebung. Ein älterer Herr, ein freiwilliger Mitarbeiter, führt uns durch einzelne Räume und unterhält uns mit Anekdoten. Oder eher gesagt, alle Teilnehmenden, bis auf Meg. Sie spricht zwar mittlerweile ganz gut Englisch, aber einem Native-Speaker zuzuhören fällt ihr schwer. Es gibt hier Unzähliges zu entdecken. Durch virtuelle Touch-Screens kann man jedes einzelne Objekt in einer 360°-Ansicht betrachten und seine Geschichte erfahren. Wir sind aber so ignorant und verlassen nach der Führung das Museum. Unser Glück! Wir kriegen den letzten Bus nach Downtown! Verpassen dann aber den Seabus nach North Vancouver um einige Sekunden. Somit kommen wir nach zwei Stunden ausgehungert zu Hause an.
Mittwoch, 24. März 2010. Zweiter Arbeitstag: Ich lerne, wie man Eisbällchen rollt. Eine Kunst für sich!
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