Missionarin auf Zeit

Als Freiwillige nach Südamerika

29.04.2009 | 15:33 Uhr
Als Freiwillige nach Südamerika

Für Nichtgläubige mutet der Begriff "Missionarin auf Zeit" doch schon ein wenig seltsam an. Miriam Brüser aus Essen engagiert sich in Bolivien als "Missionarin auf Zeit". Im ZeusPower-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen und Beweggründe, nach Südamerika zu gehen.

ZeusPower: Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff "Missionarin auf Zeit"?

Miriam Brüser: Ich habe anfangs auch bei dem Begriff gestutzt. "Missionarin" heißt für mich nicht, dass ich nach Bolivien und in meine Einsatzstelle gekommen bin, um die Menschen und die zu betreuenden Kinder hier zu bekehren, sondern ich sehe in dem Wort "Missionarin" vielmehr "Mission", einen Auftrag mit dem ich vor mittlerweile neun Monaten hierhergekommen bin. Es war keine plötzliche Laune, ich habe es mir lange überlegt und noch viel länger gewünscht. Immer schon habe ich erzählt "nach dem Abi nach Südamerika" zu wollen, ich habe für mich persönlich lange vorher diesen Auftrag gehabt. "Missionarin auf Zeit" beschreibt meine zeitlich auf ein Jahr begrenzte Arbeit als Freiwillige für einen Schwesternorden.

ZeusPower: Muss man sehr gläubig sein, um an dem Programm teilzunehmen?

Miriam Brüser: Voraussetzung sollte sein sich neben der neuen Kultur, der neuen Sprache und den vielen neuen Eindrücken auch auf das Leben in einer Ordensgemeinschaft einlassen zu können.

ZeusPower: Welche Aufgaben haben Missionarinnen auf Zeit?

Miriam Brüser: Die Aufgaben sind vielfältig, von Erwachsenenarbeit bis hin zur Arbeit mit Schulkindern, Kindergartenkindern, Kleinkindern und Säuglingen, von Gemeindearbeit bis hin zur Unterstützung von Lehrern sind die Arbeitsbereiche sehr vielseitig. So kann jeder Freiwillige auch nach seinen Stärken und Interesse aussuchen. Der Schwesternorden, der mich entsandt hat, hat es sich besonders zur Aufgabe gemacht, Kinder und Jugendliche zu unterstützen sodass wir 19 Freiwillige in ganz Bolivien hauptsächlich in Heimen (für Kinder von Inhaftierten, für behinderte Kinder und Jugendliche, für Waisen), Schulen und vorschulischen Einrichtungen tätig sind.

ZeusPower: Verdienen Missionare auf Zeit eigentlich auch Geld? Und wer bezahlt den gesamten Aufenthalt, Flug und Versicherung?

Miriam Brüser aus Essen engagiert sich derzeit als Missionarin auf Zeit. Was sich dahinter verbirgt und ob sie wirklich den ganzen Tag mit den Kindern im Heim spielen kann, verrät sie im großen ZeusPower-Interview.

Miriam Brüser: Nein, man verdient als Missionar auf Zeit kein Geld. Für die Arbeit in den verschiedenen Projekten erhält man für das Jahr Verpflegung und Unterkunft. Viele Bistümer unterstützen jedoch die Freiwilligen ihrer Gemeinden finanziell bzgl. Flug, Versicherung, Impfgebühren. Einige Ordensgemeinschaften mit Missionaren auf Zeit sind im Programm "Weltwärts", dem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, als Entsender anerkannt. Dann werden die Kosten zwischen Bundesministerium und Orden geteilt.

ZeusPower: Warum haben Sie sich ausgerechnet für einen Einsatz in Bolivien entschieden?

Miriam Brüser: Seit einem Schülerpraktikum 2004 habe ich ehrenamtlich für das Lateinamerikahilfswerk Adveniat gearbeitet, mein Interesse an diesem Kontinent hat sich verstärkt und vertieft. Als ich mich dann für einen Schwesternorden entschieden hatte, für den ich als Freiwillige ein Jahr in ein soziales Projekt gehen wollte und die Auswahl an Ländern bei Mosambik, Rumänien, Brasilien und Bolivien lag war mein Ziel schnell festgelegt, da ich nicht nur in ein südamerikanisches, sondern auch in ein spanischsprachiges Land reisen wollte. Noch 2007 bei einem Praktikum in meinen Sommerferien habe ich viel zum Andenland Bolivien gearbeitet und war sehr zufrieden nach Schreibtischarbeit dann wirklich selbst in dieses Land reisen, das Land kennenlernen zu können.

ZeusPower: Was gefällt Ihnen gar nicht an Ihren Aufgaben?

Miriam Brüser: Ich habe mich bewusst für die Arbeit mit Kindern von drei bis sechs Jahren in einer Kindertagesstätte entschieden und bin nach wie vor zufrieden mit meinen Aufgaben. Neben den festgelegten Anforderungen kann ich mittlerweile auch eigene Projekte aufbauen und Ideen einbringen, was mir sehr viel Spaß macht.

ZeusPower: Gibt es Momente, an denen Sie sich zurück nach Deutschland sehnen?

Miriam Brüser: Wenn es um besondere Ereignisse in der Heimat geht, an denen ich gerne teilnehmen würde, oder ich mich bei Sorgen und Probleme von Familie und Freunden in Deutschland aus der Entfernung machtlos fühle, da ich gerne mehr tun würde als nur per Telefon und aufbauender Email, dann denke ich viel an Zuhause. Alles in allem habe ich aber recht wenig Heimweh und genieße das Jahr in dem Bewusstsein, dass ich lange darauf gewartet habe jetzt hier zu sein, mit den Kindern zu arbeiten. Außerdem in der Gewissheit, dass ich nach 11,5 Monaten Familie und Freunde, meine Heimat, wenn auch alles mit einigen Veränderungen wiederhaben und dann vermutlich das so andere Leben in Bolivien, meine Kinder und Freunde hier vermissen werde. Denn das ist jetzt und hier einmalig.

ZeusPower: Warum würden Sie anderen jungen Leuten auch empfehlen, für ein Jahr als Missionar auf Zeit ins Ausland zu gehen?

Miriam Brüser: Es ist eine unwahrscheinlich vielseitige Erfahrung sich für ein Jahr im Ausland ein eigenes neues Leben aufzubauen. Bis zum Schulabschluss ist das Leben eigentlich immer recht vorhersehbar, dann aber hat man selber die Chance seinen Weg zu bestimmen, etwas Neues auszuprobieren, fern der Heimat und der vertrauten Menschen Erfahrungen zu machen. Man lernt eine neue Sprache, sieht etwas mehr von der Welt, schließt neue Freundschaften, wird zwangsläufig ein ganzes Stück selbständiger, vielleicht auch erwachsener und erweitert in vielerlei Hinsicht seinen persönlichen Horizont. Die Arbeit in sozialen Projekten und dem damit verbundenen Kontakt zu Armut in weniger entwickelten Ländern hilft sich selbst besser kennenzulernen und Werte für sich und sein Leben in einem Land wie Deutschland wieder einmal zurecht zu rücken, Dinge wertzuschätzen. Ich würde es anderen jungen Leuten empfehlen, weil es sehr bereichernd sein kann über den Tellerrand Deutschland hinauszublicken, die Arbeit ein Geben und Nehmen ist und man als Missionar auf Zeit sehr gut vor- und nachbereitet sowie begleitet wird.

Mit Miriam Brüser sprach Bülend Ürük.

Bülend Ürük

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Kommentare
16.11.2011
13:37
Buch-Tipp für Alt und Jung!
von Holahola | #1

Schönes Interview...hier ein gutes und neues Buch, um Land und Leute besser zu verstehen:

http://www.rotbuch.de/programm-3/titel/1012-Das_weisse_Gold_der_Zukunft.html

Hugo!

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