Umbruch kam zu schnell
13.11.2009 | 12:24 Uhr 2009-11-13T12:24:00+0100
G8 – so lautet die Kurzform eines der größten Experimente im deutschen Schulsystem. Weniger Schuljahre, mehr Unterrichtsstoff – damit die deutschen Schüler früher ihren Abschluss erreichen. Was das für die Schüler bedeutet? Ein Umbruch, der zu schnell gekommen ist.
35 Stunden Unterricht in der Woche? Jeden Tag um 7.30 Uhr in der Schule sein? Und bald auch noch Nachmittagsunterricht?
Nichts ist unmöglich!
Das vor kurzer Zeit eingeführte Abitur nach acht Jahren, auch G8 genannt, ermöglicht es den Schülern und Schülerinnen in Deutschland, sehr viel Zeit in der Schule zu verbringen.
Die Verkürzung der Schulzeit in allen Bundesländern Deutschlands von bisher dreizehn Jahren auf zwölf Jahre sorgt aber auch weiterhin für heiße Diskussionen.
Zuerst bleibt die Frage, weshalb man überhaupt etwas an dem Schulkonzept geändert hat. Die Antwort: Das Hauptargument für die Einführung von G8 ist die „lange Dauer der Schulzeit“ verglichen mit anderen Ländern Europas. Zudem heißt es auch, dass die Schulzeitverkürzung eingeführt wurde, weil deutsche Studenten im Vergleich mit europäischen Mitbewerbern erst sehr spät ins Berufsleben einsteigen.
Hört sich alles schön und gut an, doch wie finden es eigentlich die betroffenen Schülerinnen und Schüler? Was sagen sie dazu, dass sie mehr Stunden im Klassenraum, aber dafür kaum noch Zeit mit ihren Freunden verbringen können?
Klar, es ist schon vorteilhaft, ''nur noch'' 12 Jahre die Schulbank drücken zu müssen, aber ist es wirklich so positiv?
Die Meinungen gehen bei der Frage, ob G8 jetzt gut oder schlecht für die Mädchen und Jungen der betroffenen Schulen ist, sehr weit auseinander.
Bei der ZeusPower-Umfrage zeigt sich deutlich – so ganz zufrieden ist kein Schüler.
„Wir haben schon vorher alles ziemlich schnell gelernt. Jetzt müssen wir uns noch mehr beeilen, ein ganzes Schuljahr aufholen. Da kommt man einfach nicht mit!“, so eine Schülerin der 9. Klasse.
Viel zu anstrengend ist der Unterricht laut den Schülern und von Spaß und Freude am Lernen ist heute gar keine Rede mehr. Von Lehrer-Seite heißt es immer wieder: „Ihr seid eine ''Turbo-Klasse'', wir müssen uns beeilen.“
Ein Unterrichtsthema nach dem anderen, keine Wiederholungen, wenige Übungen, viel zu wenig Zeit – so sieht der Alltag in den Klassenräumen Nordrhein-Westfalens aus.
Selbst Lehrer halten die Einführung von G8 für „überstürzt und schlecht vorbereitet“. ZeusPower vertrauten sie an - Lehrpläne für die einzelnen Fächer gab es anfangs gar nicht, sie mussten sich an den alten Lehrplänen orientieren. Außerdem gibt es noch nicht wirklich Schülerbücher, die sich auf die Änderung des Schulkonzepts spezialisieren - und die alten Bücher können eigentlich nicht mehr benutzt werden. Diese Werke sind noch nach dem alten Muster aufgebaut – für Schüler, die Zeit haben, Themen im Klassenraum vertiefen können.
Man fragt sich, ob das Abitur nach acht Jahren sonst noch andere negative Wirkungen haben könnte?
Bestimmt!
Die Einführung von Nachmittagsunterricht spielt nämlich zusätzlich eine große Rolle. An einigen Schulen wurde der Nachmittagsunterricht dieses Schuljahr eingeführt, andere Schulen müssen dieses Konzept bis zum nächsten Schuljahr einführen.
Das Problem
Die Verkürzung der Schulzeit überfordert die Schüler. Der längere Schultag bis in den Nachmittag hinein könnte eine Lösung sein, um den dichten Unterrichtsstoff doch irgendwie zu schaffen.
Aber – diese Frage bleibt – was ist mit Freizeit?
Mit dem Engagement im Fußballverein. Mit dem Klavierunterricht, mit dem Einsatz für die Pfadfinder oder in der Jugendgruppe der Kirche oder in der Moschee?
Weitere Probleme gehören in den Bereich der Infrastruktur. Immer noch haben nicht alle Schulen Kantinen, in denen sich die Schüler günstig und gesund mit leckeren Speisen versorgen können.
Die Politik hat massiv in die Schulen, in das Leben von unzähligen Jugendlichen eingegriffen. Die Anpassung an andere Nationen erscheint wichtig, vor allem im Wettbewerb um die besten Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Doch eins ist im Moment klar – glücklich machen die ganzen Unsicherheiten im Unterricht die Schüler nicht. Erst die Zeit wird zeigen, ob der Wechsel wirklich sinnvoll gewesen ist.
Patricia Haimann, Claudia Pawlak, Yesim Ergin, Dijana Bektesi, ZeusPower-Redaktion

0mitdiskutieren