„Guten Abend, hier sind unsere Themen“
11.05.2010 | 11:59 Uhr 2010-05-11T11:59:00+0200
Mainz.Die „heute-Nachrichten“ im ZDF sind nach der „Tagesschau“ die am zweit häufigsten gesehene Nachrichtensendung in Deutschland. Seit Juli 2009 werden sie aus einem virtuellen Studio gesendet, das als das modernste in Europa gilt. Wie dieses Studio funktioniert und wie die heute-Redaktion täglich dafür sorgt, dass der Zuschauer das Wichtigste vom Tag erfährt, haben die ZeusPower-Reporter Adrian Kopps und Jan-Michael Schorling bei einem Besuch auf dem Mainzer Lerchenberg herausgefunden.
10 Uhr morgens an einem ganz normalen Werktag im Sendebetriebsgebäude des ZDF: Im so genannten News Highway, einem weitläufigen Büroraum mit runder Fensterfront und zahlreichen Schreibtischinseln voller Monitore, findet die erste Konferenz der heute-Redaktion statt. Nachdem alle eingetroffen sind, ergreift der für die Hauptausgabe um 19 Uhr zuständige Redakteur das Wort. Zu Anfang wird über die gestrige Sendung gesprochen und was gelungen oder auch verbesserungswürdig war. Dann werden die Themen für die abendliche Sendung vorgestellt. „Und Udo van Kampen bindet uns was zu Griechenland zusammen. Vielleicht wird da ein Stück draus.“ Gemeint ist der Brüssel-Korrespondent des ZDF, der ein Filmchen zu den möglichen Hilfen der Europäischen Staatengemeinschaft für das krisengebeutelte Griechenland liefern wird.
Über die Wichtigkeit von Themen darf debattiert werden, denn schließlich laufen täglich Tausende verschiedener Nachrichten ein, die nicht alle in eine Sendung passen. Wenn die Themenauswahl steht, geht das Team wieder an die Arbeit. Dieses besteht aus vielen verschiedenen Leuten. Die meisten von ihnen sind Redakteure, die die aktuelle Nachrichtenlage überwachen, die Texte für die Sendung formulieren oder die Beitrage vorbereiten. Übrigens schreiben die Moderatoren der heute-Nachrichten ihre Texte selbst.
Ganz klar: Ohne Computer würde eine Sendung wie „heute“ nicht funktionieren. In einem Programm laufen im 20-Sekunden-Takt Meldungen von Presseagenturen aus aller Welt ein. Natürlich ist das nicht die einzige Nachrichtenquelle. Neben großen anderen Fernsehsendern wie BBC oder CNN, die auf einigen Monitoren laufen, sind auch Tageszeitungen und das Internet eine Quelle. Steffen Seibert, der die „heute“-Nachrichten und auch das „heute-journal“ moderiert, bevorzugt zum Beispiel die „New York Times“, FAZ, Spiegel-Online und die BBC, um sich auf dem Laufenden zu halten.
Die einzelnen Sendungen werden in einem speziell dafür entwickelten Programm geplant. Jeder einzelne Punkt des Sendungsablaufs wird dort eingefügt und dann mit Informationen, Kommentaren, Verknüpfungen zu Bildern oder Videobeiträgen gefüllt. Überdies ist es möglich, die Bewegungen der Roboterkameras per Befehl festzulegen. Diese Software ist das Herz jeder Sendung, denn es beliefert auch die Teleprompter mit Text, enthält Regieanweisungen und erstellt einen sehr genauen Zeitplan. Ein Beispiel: Die Sprechgeschwindigkeit der einzelnen Sprecher wurde analysiert und ins Programm eingespeist, so dass dieses bis auf die Sekunde genau vorhersagen kann, wie lange ein Text in der Sendung dauern wird. Während der Sendung läuft die Software dann mit und zeigt an, wo genau man sich gerade im Ablauf befindet.
Sekundengenaue Maßarbeit
Die Einspielungen in der Sendung, von den Redakteuren „Stücke“ genannt, werden immer von mehreren Leuten produziert. Dazu gehören der textliche Inhalt, der Kommentar, die Filmaufnahmen und der Schnitt. Schnell wird klar, dass dieser Teil der Produktion gar nicht so einfach ist. Oft hat man zum Beispiel nur 30 Sekunden mittelmäßiges Rohmaterial zur Verfügung, muss daraus aber 25 Sekunden Film schneiden, der nur das Wesentliche zeigt, sich aber auch nicht wiederholen darf. Die große Verantwortung liegt nicht nur im richtigen Schnitt, sondern auch darin, in Drucksituationen ein ordentliches Resultat abzuliefern. Wir waren erstaunt, dass wenige Minuten vor Beginn der 19-Uhr-Sendung von „heute“ immer noch einige Filmchen fehlten. In der Sendung selbst aber fehlte natürlich keines, und der Eindruck war wie vom Fernsehen gewohnt professionell.
Nach einem Mittagessen in der ZDF-Kantine, die wohl zu den schönsten und auswahlreichsten in Deutschland gehört und einen bestimmt nicht unmaßgeblichen Anteil an der Leistungsfähigkeit und Kreativität der Mitarbeiter hat, nimmt sich Steffen Seibert für eine kurze, aber sehr eindrückliche Studioführung Zeit. Das „Studio N1“, aus dem die „heute“-Sendungen kommen und das intern auch „Grüne Hölle“ genannt wird, ist einen Besuch allemal wert. Schließlich hat sich das ZDF die 690 Quadratmeter große High-Tech Halle 30 Millionen Euro kosten lassen. Nachdem er uns an der Regie vorbeigelotst hat und wir unserem Schuhwerk lederne Schützer übergestreift haben, öffnet Steffen Seibert die Tür.
Froschgrün kleidet Nachrichtensprecher
Als allererstes fällt natürlich der Tisch in der Mitte auf. Dieses „hölzerne Monstrum“ ist dreiflügelig, elf Meter lang und nimmt den Großteil des froschgrünen Studios ein. Aber warum ist das Studio eigentlich grün? Das hat einen ganz einfachen Grund: Am Computer wird der grüne Hintergrund durch das virtuelle Studio ersetzt. Da die Farbe Grün in Kleidung am seltensten vorkommt, ist ausgeschlossen, dass Teile des Nachrichtensprechers weggeschnitten werden.
Neben mehreren handbedienten befinden sich im Studio auch zwei Roboter-Kameras. Sie arbeiten mit Technik aus der Automobilfertigung und orientieren sich über ein hochkompliziertes Sensorsystem im Boden. Sehr überwältigend ist auch der Blick an die Decke. Denn im Scheinwerfer-Dschungel ist es kaum möglich, etwas von ihr zu sehen. Ebenfalls imposant ist der Regieraum, der laut Steffen Seibert sogar Mitarbeiter der BBC neidisch werden lässt. Er mutet etwas an wie die NASA-Zentrale. Vor einer riesigen Videowand, die unter anderem Live-Bilder aller Kameras, einige Nachrichtensender und einen Countdown bis zu den nächsten Nachrichten anzeigt, sitzen mehrere Mitarbeiter vor ihren Computern.
Um halb Sieben eilt Moderator Steffen Seibert in die Maske und allmählich steigt die Anspannung. Die letzten Texte werden geschrieben und die letzten Beiträge, wie zum Beispiel der Nachrichtenüberblick für den Beginn der Sendung, zusammengeschnitten. Der zuständige Redakteur begibt sich nun in die Regie, in der es mucksmäuschenstill ist. Dann, wenige Minuten vor Beginn der Sendung, erscheint Steffen Seibert, wie aus dem Ei gepellt, im Studio. Schnell noch einen Schluck trinken, und dann piept auch schon der Countdown los. Souverän wie immer begrüßt der Moderator die Zuschauer. „Und ab“, schallt es durch die Regie, als der Nachrichtenüberblick eingeblendet wird.
Dann, während des ersten oder zweiten Filmchens, wird Seibert auf eine Meldung auf seinem Bildschirm aufmerksam. „Israel fordert seine Bürger dazu auf, die Sinai-Halbinsel zu verlassen.“ Über Knopf im Ohr verständigt er sich mit dem Redakteur über die Wichtigkeit der Meldung. Sie ist wichtig genug und wird als Eilmeldung in der Sendung untergebracht – Alltag bei der heute-Sendung. Aber doch sind alle glücklich, wenn es wieder heißt: „Ich wünsche Ihnen noch einen sehr schönen Abend. Auf Wiedersehen.“
ZeusPower-Reporter Adrian Kopps und Jan-Michael Schorling aus Witten.

19:48
Klasse Artikel, wirklich super geschrieben!