Weltenbummler

Europa in vollen Zügen genießen

21.09.2012 | 16:29 Uhr
Europa in vollen Zügen genießen
Zwischenstopp in Barcelona: Bei ihrer Interrail-Tour durch Europa haben die ZeusPower-Reporter Adrian Kopps und Jan-Michael Schorling nicht nur Züge von innen gesehen.Foto: ZeusPower / A. Kopps / J.-M. Schorling

  Mit Interrail, dem Flatrate-Ticket für europäische Eisenbahnen, haben Generationen von jungen Leuten die Welt auf eigene Faust entdeckt. In diesem Jahr feiert es seinen 40. Geburtstag. Ist das Ticket in Zeiten von Billigflügen und pauschalen Party-Reisen noch zeitgemäß? Wir haben es ausprobiert!

Und schon wieder ist es Frühjahr, Zeit für den alljährlichen Schock: die Urlaubsplanung steht an! Doch wohin soll es dieses Mal gehen? Sollen wir es dem deutschen Durschnitts-Teenager gleichtun – Party-Urlaub in den Llorets, San Arenals und Riminis des Kontinents, wo der Alkohol in Strömen fließt, die Nächte kein Ende nehmen und das exzessive Feiern zur Hauptbeschäftigung wird. Oder doch lieber ein entspannter, aber eingeschränkter Urlaub mit der eigenen Familie? Nein, da muss es doch mehr geben! Wie wäre es zum Beispiel mit einem Zugticket, das einem die Möglichkeit gibt, 30 europäische Länder unbegrenzt zu bereisen, von Finnland bis Istanbul?

Eine bisschen Planung muss sein

Challenge accepted! Wir entscheiden uns für das Abenteuer, das sogleich beginnt. In der folgenden Planungsphase gestalten sich einige Dinge schwerer als gedacht. Denn für welche Reiseziele entscheidet man sich, wenn man so viele Länder zur Auswahl hat? Am besten erst mal alle in Frage kommenden Orte auf der Karte markieren und mögliche Verbindungen einzeichnen. Schließlich steht die Route fest: Unsere Reise soll in Amsterdam beginnen und uns über Brüssel und Paris bis in den Südwesten Frankreichs führen, wo wir von Bordeaux aus einen Flug nach Lissabon nehmen werden. Nach längerem Aufenthalt in der portugiesischen Hauptstadt werden wir an die Algarve-Küste gelangen, um von dort nach Spanien durchzustechen. Nach einer Durchquerung des Landes mit den Top-Zielen Sevilla, Madrid und Barcelona, werden wir ab Marseille der Mittelmeerküste bis an die Côte d’Azur folgen, um schließlich als letzte Stopps vor der Heimreise Mailand und Florenz zu erreichen.

Reservieren lohnt sich

Eine so genaue Reiseplanung ist natürlich nicht unbedingt nötig, dennoch sollte man sich vorher zumindest ein paar Gedanken machen. Vor allem, wenn man wie wir in der Hauptsaison durch die beliebtesten Urlaubsländer Europas tingelt. Zugegeben, ein wenig von der Spontanität des früheren Interrail-Abenteuers, von dem Eltern immer gerne berichten, mag durch die Reservierungspflicht verloren gegangen sein. Regionalbahnen sind aber immer noch ohne weiteres nutzbar. Wer in kurzer Zeit viel sehen will, also schnell unterwegs sein möchte, sollte sich im Voraus um eine Sitzplatzreservierung in den Hochgeschwindigkeitszügen kümmern. Auch in Hostels und Jugendherbergen kann sich eine Reservierung bezahlt machen. Dank des Internets lassen sich unkompliziert Bewertungen und Preise von Unterkünften vergleichen. Alternativ kann man natürlich einfach drauf los fahren, Schnellzüge meiden und das Schicksal herausfordern - welchen Weg man wählt hängt letztlich von persönlichen Vorstellungen ab.

In Lissabon war die Reise von Adrian und Jan-Michael quer durch sechs Länder Europas noch lange nicht zu ende.Foto: ZeusPower

Einmal auf Reise gestaltet sich sowieso alles nicht mehr so schwer, die Dinge nehmen einfach ihren Lauf. Überraschenderweise können wir unsere ambitionierte Route ohne größere Komplikationen verwirklichen. Als besonders hilfreich erweist sich hierbei das eigene Smartphone, welches den guten alten Reiseführer ersetzt und in Sekundenschnelle Infos und Wegbeschreibungen liefert – denn kostenloses WiFi findet man fast überall. Mit dem Euro – möge er noch lange bestehen – und der günstigen Telekommunikation lassen sich einige Vorzüge der Europäischen Union hautnah erleben.

Erste Anzeichen von Reisesucht

Die Faszination von Interrail liegt vor allem darin, stetig unterwegs zu sein. War Reisen für uns früher nur der stressige Weg zum Urlaubsziel, wird es hier zur eigentlichen Attraktion. Irgendwann ertappt man sich dabei, nach immer kürzerer Zeit weiterreisen zu wollen, der Durst nach permanenter Reizüberflutung muss gestillt werden. Heute das phänomenale Feuerwerk neben dem Eiffelturm bestaunen, morgen an den paradiesischen Algarve-Stränden entspannen und übermorgen vom sevillanischen Nachtleben überrollt werden – das Leben als Interrailer ist das eines lebendigen Flummis, der ausgelassen über die Europakarte hüpft. Trotzdem ist es so viel mehr als stumpfes Sightseeing. Die wahre Inspiration liegt im hautnahen Erleben der verschiedenen Kulturen und Mentalitäten, sowie dem Kontakt zu anderen Globetrottern. Ob holländische Hilfsbereitschaft, portugiesische Entspanntheit oder spanische Gastfreundschaft: In jedem Land lohnt es sich, etwas mitzunehmen und den eigenen Horizont zu erweitern. Das ständige Überqueren von Landesgrenzen lässt einen nicht nur vergessen welche Sprache gerade gesprochen wird, sondern liefert auch Denkanstöße. Man erwischt sich bald dabei, die eigene Kultur mit anderen zu vergleichen. Fremd kann man sich als Deutscher vorkommen, wird man mit der absoluten Seelenruhe der Portugiesen konfrontiert. Da wird ein Zwanzig-Minuten-Marsch zu den Felsklippen der Ponta da Piedade als Ding der Unmöglichkeit bezeichnet. Wohl auch nicht gänzlich ohne Grund: Wer möchte sich unter der ungnädigen Sommersonne der Algarve schon hetzen lassen?

Eine internationale Community

Ähnlich prägend sind die zahlreichen Bekanntschaften, die man in Zügen, Bahnhöfen und vor allem in Jugendherbergen schließt. In guten Hostels verwandeln sich Gemeinschaftsküche und Aufenthaltsräume abends in eine Art internationale Kontaktbörse. Während einige Brasilianer selbstgemixten Caipirinha spendieren und beim Kartenspielen die Lärmschutzgrenze überschreiten, trifft man schon mal den amerikanischen Elite-Uni-Studenten oder die junge Deutsch-Lehrerin aus Tokio. Was alle verbindet, ist der Wunsch, viel von der Welt zu sehen, sowie große Offenheit und Kontaktfreude. Ein einfaches „Hi, where are you from?“ genügt, um eine Konversation zu beginnen (außer, man gerät an einen zahnlosen neuseeländischen Ziegenhirten, dessen Sprachbrei keinerlei englischen Ursprung mehr erkennen lässt). Lohnenswert sind außerdem die so genannten „Pub-Crawls“: von den Jugendherbergen organisierte Touren durch das Nachtleben, bei denen man für einen Festpreis Eintritt zu verschiedenen Bars und Clubs erhält. Plötzlich zieht man mit bis zu 100 Personen aus aller Welt um die Häuser und wird Teil dieser multinationalen Ansammlung von Nachtschwärmern. Hierfür typisch ist auch das unangenehme Gefühl der zeitlichen Unmöglichkeit, mit allen interessanten Menschen ins Gespräch zu kommen – man muss es erlebt haben.

Der Interrail-Effekt

Doch was bleibt nach einer solchen Reise? Zuerst einmal die unzähligen Eindrücke, die man in den verschiedenen bereisten Orten gesammelt hat. Man erinnert sich an die einzigartige Atmosphäre einer Stadt und schwelgt in wehmütigen Erinnerungen. Mehr als Orte bleiben aber oft die Menschen hängen, die man auf Reisen getroffen hat. Die meisten Begegnungen sind beiläufig, viele sind sehr nett und einige sogar wahrhaft inspirierend. Interrail hat nicht nur die Art des Reisens verändert, sondern verändert auch den Reisenden. Es hinterlässt einen voller Fernweh und dem Wunsch neue Sprachen zu lernen, mit einem neuen Verständnis von Europa und dem Eindruck, dass trotz aller Verschiedenheit die Gemeinsamkeiten der hier lebenden Menschen überwiegen. Und schließlich, während das Gefühl tiefer Zufriedenheit, die Sommerreise voll ausgekostet und jede einzelne Sekunde genossen zu haben, noch längst nicht abgeklungen ist, bahnt sich schon erste Vorfreude auf die nächste Reise ihren Weg, begleitet von leichter Wehmut, dass sie noch Monate in der Ferne liegt …

ZeusPower-Reporter Adrian Kopps und Jan-Michael Schorling

ZeusPower-Reporter

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