Gelsenkirchen

Gegen das Vergessen

05.05.2009 | 15:59 Uhr

Erika Esther Goldschmidt (58) wuchs in Gelsenkirchen auf und lebt jetzt in Flensburg. Über 30 Ihrer Familienmitglieder wurden in der NS-Zeit wegen Ihrer jüdischen Herkunft ermordet. Ein Interview.

Esther Goldschmidt

Denken Sie, dass irgendwann etwas Ähnliches wieder passieren könnte? Was wären dann Ihre Sorgen?

Esther Goldschmidt: Nun, ich denke schon. Dies muss nicht unbedingt hier in Deutschland geschehen. Für Antisemitismus oder Ausgrenzung und Vernichtung anders denkender Menschen findet sich leider immer wieder ein Nährboden. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass, wenn es der Bevölkerung nicht gut geht, Sündenböcke herangezogen werden.

Wenn man einen Blick auf den Nahen Osten wirft, dann hat die Verfolgung oder der Gedanke an die Vernichtung der Juden dort schon lange begonnen. Der Staat Israel ist nun einmal ein Staat, in dem der überwiegende Teil der Bevölkerung jüdischen Glaubens ist, und es ist von hier aus auch nicht leicht, Religion und Staat zu trennen. Die Nachbarn Israels haben sich gegen Israel entschieden und drohen immer wieder, das jüdische Volk zu vernichten. Der Hass wird geschürt und ergreift häufig auch den Rest der Welt. Das bereitet mir Sorgen. Das lässt mich manchmal verzweifeln.

Was haben Sie gefühlt als Sie die Briefe, die sich ihre Verwandten geschrieben haben, gelesen haben?

Zunächst einmal war ich sehr aufgeregt, Briefe in den Händen zu halten, die Mitglieder meiner Familie berührt haben, den Stift geführt, das Papier gefaltet, überlegt haben, was sie denn nun schreiben sollen, dass ihr Atem über das Papier gestreift ist, dass ihre Hand manchmal beim Schreiben gezittert hat. Der Inhalt hat mich in tiefster Seele erschüttert, vor meinen Augen manifestierten sich Angst und Sorge. Gespürt habe ich zwischen den Zeilen auch die Gewissheit des Todes, vermischt mit der Hoffnung, am Leben zu bleiben. Gleichzeitig fühlte ich Trauer, dass ich diese Menschen nie habe kennen lernen dürfen, dass sie so früh sterben mussten, ermordet wurden. Dann kam die Wut! Die war so mächtig, dass ich manchmal mit beiden Fäusten gegen die Wand geschlagen habe. So lange, bis die Fäuste schmerzten, dann habe ich endlich wieder mich selbst gespürt und wurde nicht aufgefressen von dem Schicksal anderer.

Aus welchen Gründen versuchen Sie immer noch, etwas über Ihre verstorbene Verwandtschaft herauszufinden?

Dieses Kapitel ist nie abgeschlossen. Je mehr ich darüber weiß, umso mehr erwachen die Erinnerungen, umso mehr Einblicke erhalte ich in das Leben der damaligen Zeit. Es ist sozusagen private Geschichte.

Falls es zu einer erneuten Verfolgung kommen würde, könnten Sie sich vorstellen dagegen anzukämpfen?

Gegen Verfolgung anzukämpfen. Hm. Dazu gehört Mut. Natürlich könnte ich jetzt einfach sagen: „Ja, diesen Mut habe ich”. Doch wenn es wirklich soweit wäre, dann weiß ich nicht ob ich den Mut haben würde.

Gibt es etwas, das Sie ihren verstorbenen Verwandten sagen wollten, wenn Sie die Chance dazu hätten?

Mit den Ermordeten zu sprechen? Da hätte ich Angst vor. Sie würden mir bestimmt noch mehr von dem Grauen erzählen.Wenn ich etwas sagen sollte, dann würde ich wahrscheinlich jedem etwas anderes sagen. Allen aber würde ich sagen, dass sie nicht vergessen sind.

Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Deutschen wegen Ihrer jüdischen Herkunft gemacht?

Ja, das habe ich. Oft genug. Mal verdeckt, mal offen. Teils aus Unwissenheit, teils aus purem, undifferenziertem Hass.

Esther Goldschmidt ist vom Schicksal Ihrer ermordeten Familienmitglieder tief berührt und veröffentlichte Briefe, die sich die Verwandten schrieben, in einem Buch. Mit Ihrem Buch „Vergangene Gegenwart” möchte Esther Goldschmidt den Lesern nahelegen, die Vergangenheit niemals zu vergessen, aus ihr zu lernen und die eigene und andere Meinungen zu hinterfragen. Doch vor allem sollten wir den Mut aufbringen unsere eigene Meinung zu vertreten!

Jessica Nowak, 8a, Gerhart-Hauptmann-Realschule

Zeus-Reporter

Facebook
 
Kommentare
06.05.2009
19:07
Gegen das Vergessen
von Erika Esther Goldschmidt | #2

Liebe Jessica, vielen Dank für Deinen gelungenen Artikel. Andreas hat Recht....ich bin stolz auf Dich!!
Liebe Grüße
Esther Goldschmidt

06.05.2009
15:29
Gegen das Vergessen
von Andreas Jordan | #1

Hallo Jessica,
ein sehr gelungener Artikel, Esther wird stolz auf Dich sein.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/670348/create

Mein Artikel
Wo ist mein Artikel? Wer hat was geschrieben? - Hier findet ihr alle ZeusKids-Artikel nach Städten sortiert.
ZeusKids für Schüler
Lehrerwelt
ZeusKids macht Kinder spielerisch mit der Nachrichtenwelt bekannt. Hier finden Sie Informationen und Unterrichtsmaterial zum medienpädagogischen Grundschulprojekt für die vierten Klassen.
Kontaktformular
Fragen, Wünsche, Anregungen? Nutzen Sie die Möglichkeit, mit uns in Kontakt zu treten.