Interview

Chancen ergreifen, wo es sonst keine gibt

02.04.2013 | 15:21 Uhr
Chancen ergreifen, wo es sonst keine gibt
„Man gibt mir das Gefühl, dass ich etwas wewrt bin“, sagt der 21-jährige Himmet Kurtulus über Joblinge. Er ist einer der ersten Teilnehmer des Projekts.Foto: Matthias Graben

Essen.   Die Initiative „Joblinge aAG Ruhr“ kämpft mit heimischen Unternehmen gegen Jugendarbeitslosigkeit. Mit von der Partie ist auch der Initiativkreis Ruhr. Ein Interview mit Bernd Kreuzinger, Projektleiter beim Initiativkreis.

Es ist oft für die Teilnehmer die letzte Chance auf eine Lehrstelle. Ein halbjähriges Bildungsprogramm für kaum vermittelbare Jugendliche: Dies hat sich die Initiative „Joblinge“ auf die Fahnen geschrieben. Sie läuft bereits in Städten wie Berlin, Leipzig und Köln – seit Januar als „Joblinge gAG Ruhr“ auch in Essen. Viele Firmen aus dem Ruhrgebiet sind mit im Boot, auch die WAZ und ein Zeus-Azubi-Unternehmen: der Initiativkreis Ruhr. Bernd Kreuzinger, Projektleiter Wirtschaft und Schule vom Initiativkreis erklärt im Interview, was es mit Joblinge auf sich hat.

Warum sind Initiativen wie „Joblinge gAG Ruhr“ heutzutage so wichtig? Läuft in den Schulen in punkto Berufsorientierung etwas schief?

Kreuzinger: Schulen sind immer nur ein Teilbereich. Tatsächlich läuft im ganzen Leben etwas schief. Die Jugendlichen, über die wir reden, kommen in punkto Bildung aus schwierigen familiären Verhältnissen. Oft haben sie einen Migrationshintergrund. Die deutsche Sprache wird in diesem Fall nicht richtig gesprochen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und gerade im Ruhrgebiet sehr ausgeprägt, es gibt starke Bildungsdefizite. Das manifestiert sich natürlich in den Schulen und zeigt sich dann nachher in den schlechten Übergangsquoten. Deshalb gibt es bereits viele Maßnahmen. Was Joblinge dabei so einzigartig macht, ist die starke Bindung an die Praxis. Unternehmen übernehmen selbst direkt Verantwortung, indem sie sagen: ‘Wir geben diesen Leuten eine Chance, an deren Ende eine garantierte Ausbildungsstelle steht.’

Wie ist das halbe Jahr für die Teilnehmer strukturiert?

Es gibt eine theoretische und eine praktische Phase. In der sechswöchigen theoretischen Phase werden Dinge wie Sozialkompetenz vermittelt. Es gibt Bewerbungstrainings und das Ausloten von Stärken und Schwächen. Aber auch Deutsch, Englisch und Mathe. Alles läuft mit sozialpädagogischer Begleitung und zielt auf eine Bewerbung ab – erst für Praktika, dann für Ausbildungsstellen. Nach der Theorie gibt es eine Praktikumsphase in Form eines Qualifizierungs- und Bewerbungspraktikums.

Die Joblinge werden von Mentoren begleitet. Wie funktioniert der Austausch zwischen beiden Gruppen?

Es gibt ein klares Reglement, das wöchentliche Pflichttermine vorsieht. Hierbei baut man eine professionelle Beziehung zum Jobling auf. Ein Mentor fördert und fordert. Es sind Menschen, die aus der Berufspraxis kommen sollten oder Berufspraxis hinter sich haben und diese weitergeben. Mein Jobling ist zum Beispiel gerade im Praktikum und hatte einen Einstellungstest. Für diesen haben wir intensiv geübt.

In einer Welt, die in der Wirtschaft scheinbar sozial immer kälter wird, setzen Unternehmen durch Joblinge verstärkt auf bürgerschaftliches Engagement. Existiert in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von Firmen im Umgang mit ihren Mitarbeitern?

Das ist schwierig. Ich kann das lediglich aus Sicht der Unternehmen im Initiativkreis Ruhr beantworten: Sie haben erkannt, dass der demografische Wandel nicht wegzudiskutieren ist. Die Firmen sehen auch, dass im produzierenden Bereich Bewerber einfach nicht mehr die Qualifikation erreichen. Darauf müssen sie pragmatisch reagieren. Und da kann Joblinge eine ganz konkrete Hilfestellung geben. Hierbei kommt auch Eigennutz ins Spiel: Ich ziehe mir auf eine effektive Art Teile meines Nachwuchses heran. Ich lerne sie kennen, kann sie ein halbes Jahr mitführen. Ich kaufe nicht die Katze im Sack.

Warum ist Joblinge gerade im Ruhrgebiet so wichtig?

Wir haben in der Region, verglichen mit München und Stuttgart, mehr Menschen der Joblinge-Klientel. Es gibt teils Übergangsquoten, die sind katastrophal. Eine Arbeitslosenquote von 19 Prozent in Gelsenkirchen: Das gibt es im Raum München nirgends. Zuwanderung geschieht überwiegend im Ruhrgebiet, zumindest in dieser Dichte. Damit kommen die Bildungsdefizite.

Ein Jobling-Teilnehmer sagte zu Projektbeginn, man gebe ihm erstmals das Gefühl, etwas wert zu sein. Spiegelt das die Lage schwer vermittelbarer Jugendlicher wieder: ein Gefühl der Wertlosigkeit?

Es ist sicherlich bei einigen so. Bei vielen geht es aber darum, dass sie nie Erfolgserlebnisse gehabt haben. Die Jugendlichen merken, dass sie nicht weiterkommen, sich im Kreis drehen. Und sich dann für solch ein freiwilliges Programm selbst zu motivieren, demjenigen muss man Respekt zollen. Der Jobling unterwirft sich einem Reglement, das am Ende die Mühe belohnt. Er muss es aber erst ein halbes Jahr durchstehen.

Der Initiativkreis Ruhr sieht es ja als Aufgabe an, die Region zukunftsfähig zu machen. Was glauben Sie, wenn Initiativen wie Joblinge fruchten, wie würde der Arbeitsmarkt im Ruhrgebiet, sagen wir in 20 Jahren, idealerweise aussehen?

Wir haben schon eine klare Vision durch die Initiative „TalentMetropole Ruhr“. In dieser wird es genau darum gehen, dass wir ein Stück weit die Herausforderungen als Aufbruch begreifen, um zu sagen: ‘Das, was andere Regionen an Problemen schon gelöst haben, ist hier noch reichlich vorhanden. Hier schlummern Talentreserven und es liegt an uns, sie nun zu heben.’ Programme wie Joblinge sind dabei hocheffektiv. So etwas stärker auszubauen und sinnvoll zu vernetzen, das muss zugleich Aufgabe und Ziel für eine Zukunft, zum Beispiel mit weniger Jugendarbeitslosigkeit sein.

Kerstin Wördehoff

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