Auf Highheels zum Erfolg
10.07.2010 | 17:58 Uhr 2010-07-10T17:58:00+0200
Essen.Inja Vetter ist über sich hinausgewachsen. Die Schülerin wollte größer sein. Deswegen hat die Achtklässlerin die Natur ausgetrickst und ihre Körpergröße „gepimpt“ – und zwar mit den Waffen einer Frau.
„Ich habe einen Tag auf Stöckelschuhen verbracht“, sagt Inja Vetter. Ihr Artikel ist herausragend. Am Samstag erhielt die Gymnasiatin dafür den ZeusAward in der Kategorie „Beste Zeus-Aktion“.
Aus dem Juryurteil:
„Inja Vetter verbrachte einen Tag auf Stöckelschuhen und wuchs damit von 163 Zentimetern weitere zehn in die Höhe. Der plötzliche Wachstumsschub war jedoch mit einigen Widrigkeiten verbunden. So machte die Schülerin wegen ihrer neuen Größe einige unangenehme Bekanntschaften – zum Beispiel mit Tischkanten, die ihrer Hüfte mit 1,63 bislang nie gefährlich wurden. Später kamen dann Schmerzen an den Füßen hinzu und die Erfahrung, dass es sich in High-Heels nur schlecht zum Bus sprinten lässt. All das hat Inja Vetter nicht nur in schöne Worte verpackt, sondern auch mit einer gehörigen Portion Selbstironie gewürzt. Außerdem gelingt es ihr durch ihre Art des Erzählens, den Leser einzufangen. Wer den Text liest, fühlt sich als stiller Beobachter, der der Autorin einen Tag lang über die zehn Zentimeter höhere Schulter schaut. Unterm Strich hat sich Inja Vetter mit ihrem Artikel „Zehn Zentimeter, die die Welt verändern“ also nicht nur ein paar blaue Flecken durch Tischkanten und große Blasen an den Füßen eingeheimst, sondern auch den ZeusAward für die „Beste Zeus-Aktion“.“
Der Beitrag:
10 Zentimeter, die die Welt verändern (NRZ Moers, 03. / 04. Juni 2010)
Ein Artikel über den Wunsch größer zu sein. Über einen Tag auf Stöckelschuhen. Und über erbsengroße Blasen.
Moers. Aua! Verdammt, war die Tischkante nicht eigentlich immer viel höher?! Ich, mickrige 163 Zentimeter groß, habe beschlossen, die Natur einen Tag lang mit Highheels auszutricksen. Mein Vorhaben hat mir bis jetzt einen unsanften Sturz und einen dicken blauen Fleck an der Hüfte beschert, weil mir die Tischkante auf unbekannter Hüfthöhe begegnet ist.
Ein Unfall auf Tischhöhe
Dieser Unfall veranlasst mich zu der Frage, ob auch andere Menschen Gründe für ein Leben auf Absätzen sehen. In meiner Klassenlehrerin Frau Reiss (1,58 Meter groß und Meisterin der Körperverlängerung) finde ich eine wahre Fachfrau. Sie berichtet mir: „Größer sein ist einfach ein schöneres Gefühl, man fühlt sich wichtiger! Dieses Bedürfnis habe ich allerdings nur in der Öffentlichkeit, zu Hause kann ich einfach ich sein.“ Nach dieser Einführung in die Welt der Absätze fühle ich mich direkt viel besser. Als sie dann auch noch meinen bis jetzt ja nicht wirklich positiven Erfahrungen mit zehn Zentimetern mehr Höhe etwas entgegensetzt, bin ich glücklich: „In hohen Schuhen hat man einfach viel schönere Füße und einen eleganteren Gang.“
Mit neuer Energie komme ich bis zum Mittag ohne größere Katastrophen durch den Tag. Ich habe das Gefühl, ganz anders wahrgenommen zu werden. Zum ersten Mal muss ich meine sonst mangelnde Größe nicht ausgleichen, um aufzufallen. Dann jedoch bekomme ich meinen plötzlichen Wachstumsschub schmerzhaft zu spüren: Meine Fersen scheinen aus einer einzigen Blase zu bestehen und auch der Rest meiner Füße fühlt sich nicht gerade an wie neu geboren. Noch dazu verpasse ich den Bus, weil ich mit meinem neuen Schuhwerk natürlich nicht wie sonst zur Haltestelle sprinten kann.
Auch diese Erfahrungen hat die Schuhexpertin selbstverständlich schon gemacht und beruhigt mich: „Man gewöhnt sich an die Schmerzen. Außerdem kann man manche Probleme, zum Beispiel mit Wechselschuhen oder bequemen Keilabsätzen, beheben. Während ich sie so reden höre, wird mir klar, dass es bei dem Kampf gegen die Naturgröße keineswegs mit einem Paar hoher Schuhe getan ist. Vielmehr steckt hinter dem dauerhaften Größentraum eine komplette Wissenschaft. Mittlerweile ist es Abend geworden, mein Experiment „Ein Tag auf Highheels“ neigt sich dem Ende zu. Während ich meine geschundenen Füße bade, fällt mir auf, dass ich mir heute keinen einzigen dummen Spruch über meine Größe anhören musste.
Schokolade essen ohne Steighilfe
Ein weiterer Vorteil: Kaum einer findet den Spruch lustig: „Bist du eigentlich geschrumpft?“ Am Ende stelle ich fest, dass auch das Leben als zehn Zentimeter größerer Mensch Vor- und Nachteile hat. Zwar habe ich die Schokolade für einen gemütlichen Fernsehabend heute ohne Stuhl aus dem Schrank hohlen können, merke meine Hüfte dafür aber bei jeder Bewegung. Schließlich freue ich mich schon auf den nächsten Tag, wenn ich wieder ohne Probleme an allen Tischkanten vorbei gehen kann.
Inja Vetter, Klasse 8d, Gymnasium Adolfinum Moers

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