E-Mail aus dem Kibbuz
16.03.2009 | 10:46 Uhr 2009-03-16T10:46:00+0100Mehr als ein Jahr nach seinem Erscheinen bekommt ein Zeus-Bericht eine völlig unerwartete Fortsetzung: Die Geschichte über das Schicksal einer jüdischen Familie aus Bochum schlägt Wellen bis nach Israel.
Mehrere Hundert Zeus-Reportagen und -Berichte werden jedes Jahr in Bochum abgedruckt. Oft genug haben die jungen Autoren dabei Geschichten recherchiert, die vorher völlig unbekannt waren und das Lese-Publikum zu Recht erstaunen. Doch was ein Zeus-Bericht von drei Schiller-Schülerinnen mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung ins Rollen brachte, ist wiederum eine neue Geschichte mit Seltenheitswert.
Online-Kommentar
Ende Januar landete in der Zeus-Redaktion eine E-Mail: Ein gewisser „Ralph” schrieb einen Online-Kommentar zu einem Artikel, den er auf www.derwesten.de gefunden hatte - und der ihn sehr berührte: „This is an incredible article about my family! I never knew this - can I correspond with the students?”
Stolpersteine
Der fragliche Artikel war beim Zeus-Projekt 2007 entstanden: Drei Schülerinnen aus der 8d der Schiller-Schule - Liena Rumberg, Paulina Voß und Alina Wiethoff - hatten die Spur mehrerer „Stolpersteine” verfolgt. Wie man weiß, handelt es sich dabei um Messingsteine, die an den ehemaligen Wohnadressen von Bochumer Juden, die in der NS-Zeit umgebracht wurden, im Pflaster eingelassen sind.
Schicksal der Familie Lewkonja
Gemeinsam mit dem ehemaligen Lehrer Horst Friedrichsmeier hatten die drei Reporterinnen das Schicksal der Familie Lewkonja recherchiert. Erich Lewkonja war ins KZ Sachsenhausen verschleppt worden, weil er als Jude eine Liebesbeziehung zu einer „arischen” Gastwirtin aus Stiepel hatte. In Berlin waren die beiden rauchend im Wald erwischt worden, bei der Personenüberprüfung nahm das Unheil seinen Lauf.
Auch Erichs Ehefrau Irma geriet in die NS-Mühlen: Sie versuchte, in die USA zu immigrieren, schaffte es aber nicht mehr. In Briefen an Freunde in Amerika schilderte sie ihre Verzweiflung. 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Ralph Salingers Eltern, so stellte sich in der E-Mail-Korrespondenz heraus, war die Flucht aus Deutschland gelungen. 1946 in England geboren, lebt er heute in einem kleinen Kibbuz in Kfar Ruppin. Er hatte 1982 begonnen, seine Familiengeschichte zu erforschen, „weil meine Eltern nie darüber gesprochen haben” - und die Lewkonjas gehörten seit dem 18. Jahrhundert zur Familie.
Unfassbare Neuigkeit
Salinger war nun fassungslos, durch einen Zeus-Text vom Schicksal eines Familienteils zu erfahren, das er bisher nicht kannte. Auch er besitzt Briefe von Irma Lewkonja. Sein Neffe in England hatte den Artikel entdeckt und Salinger den Link zur fraglichen Zeus-Webseite geschickt.
Vor Tagen bekam Horst Friedrichsmeier eine schöne Nachricht: Ralph Salinger wird im Herbst - erstmals - nach Bochum kommen und auch die Reporterinnen treffen. Es gibt mittlerweile viele, die sich darauf freuen.
Tom Jost, Zeus-Redaktion Bochum

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