Interview

„Die Schulpolitik wird weiterhin mit allen Beteiligten diskutiert“

08.06.2012 | 11:19 Uhr
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„Die Schulpolitik wird weiterhin mit allen Beteiligten diskutiert“
Die Ministerin für Schule und Weiterbildung NRW, Sylvia Löhrmann, im Interview. Fotos: Matthias Graben

Düsseldorf.   Für zwei Zeus-Reporter ging es im Schulministerium von NRW ganz nach oben - mit dem Aufzug. Dort trafen sie Ministerin Sylvia Löhrmann höchstpersönlich, um sie zu den Themen G8, kleinere Klassengrößen und Sitzenbleiben zu interviewen.

Kurz vor der Landtagswahl hatten wir die Gelegenheit, Ministerin Sylvia Löhrmann im Schulministerium zu interviewen.

Das Schulministerium ist ein imposantes Gebäude. Eigentlich heißt es Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Schulministerium ist jedoch kürzer und jedem bekannt. Bereits auf dem Weg zum Aufzug treffen wir viele der 300 Menschen, die dort in ihren Büros arbeiten. Die Schulministerin Sylvia Löhrmann hat das größte Büro, doch dazu später mehr. Unsere Aufregung vor dem Interview steigt von Etage zu Etage. In der 3. Etage, der obersten, befinden sich die Zimmer der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ministerin – dem sogenannten Ministerbüro - und das Büro der Ministerin. Dies passt ganz gut, da sie an oberster Stelle des Schulministeriums steht. Vor dem Büro der Ministerin werden wir zunächst von dem stellvertretenden Regierungssprecher Rudi Schuhmacher empfangen. Er hatte vor uns ein Gespräch mit ihr.

Ein paar Minuten später stand plötzlich SylviaLöhrmann vor uns.

Löhrmann ist die Schulministerin von NRW. Sie ist für 2,8 Mio. Schülerinnen und Schüler verantwortlich, die in NRW zur Schule gehen. Früher war sie Lehrerin in Solingen. Seit 1985 ist sie Mitglied der Partei „BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN“. Zunächst nur ehrenamtlich. Sie wollte grundsätzlich etwas verändern, ist gegen Atompolitik und hat sich für die Friedens- und Schulpolitik engagiert. Seit 1995 ist sie Abgeordnete im Landtag, dann wurde sie Fraktionsvorsitzende und seit 2010 ist sie Schulministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin.

Frau Ministerin, was sind die Aufgaben eines Ministeriums und einer Schulministerin?

Das Ministerium ist die oberste Schulaufsichtsbehörde. Es nimmt für das Land die Schulaufsicht über das gesamte Schulwesen wahr. Als Schulministerin sorge ich dafür, dass Schule möglichst gut organisiert stattfinden kann. Ich überlege, wie unsere Gesetze – entsprechend der Koalitionsvereinbarung – verändert werden müssen, damit die Schulen sich zukunftsfest, vielfältig und sozial gerecht entwickeln können, denn jede Schülerin und jeder Schüler hat ein anderes Lernverhalten, sie sind insgesamt verschieden. Ziel der Schulpolitik ist es, die Potenziale aller Schülerinnen und Schüler zu fördern. Hierfür wird an einem möglichst idealen Konzept des gesamten Schulsystems gearbeitet.

Im letzten Jahr wurden von Ihnen Bildungskonferenzen abgehalten. Welches Ziel hatten diese?

Wir haben mit allen Parteien und am Schulleben Beteiligten die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Schule erarbeitet. Dabei sind Empfehlungen herausgekommen, mit denen fast alle einverstanden sind, was ausgesprochen toll ist. So etwas hat es bisher in NRW noch nicht gegeben. Die Ergebnisse der Bildungskonferenz werden Schritt für Schritt durch die Landesregierung und den Landtag umgesetzt, zum Teil durch Gesetzesänderungen und Haushaltsbeschlüsse.

Wollen Sie die Konferenzen fortsetzen?

Ich habe versprochen, mich einmal im Jahr mit allen Beteiligten zu treffen, um zu sehen, wie weit wir mit der Umsetzung der Empfehlungen der Bildungskonferenz gekommen sind. Das kann man sich wie eine Art Update vorstellen, dass man einmal im Jahr alles auf den neuesten Stand bringt und bearbeitet, um zu sehen, was stimmt, was gemacht worden ist und was als nächstes kommen wird.

>> Frau Löhrmann trinkt während des Interviews Tee. Man merkt an ihrer Stimme, dass sie erkältet ist; trotzdem führt sie mit uns das Interview. Vor uns steht ein Krug mit Orangensaft und Schalen mit Plätzchen und Studentenfutter. Wir dürfen uns bedienen. Die Sonne scheint durch die großen Fenster; es herrscht eine harmonische Atmosphäre.

Es gibt in letzter Zeit immer weniger Grundschulen, was für eine Zukunft haben sie und was muss getan werden?

Es besteht dringender Handlungsbedarf, schließlich ist die Zahl der Grundschülerinnen und Grundschüler in den letzten zehn Jahren von rund 825 000 auf rund 663 000 zurückgegangen. Aufgrund der rückgängigen Schülerzahlen werden viele einzelne Grundschulen zu klein, darum muss es auch Teilstandorte geben. Insgesamt sollen die Klassen kleiner werden.

Hat das Gymnasium eine Zukunft?

Natürlich hat das Gymnasium eine Zukunft. Alle Schulformen, die die Eltern und die Kommunen wollen, haben eine Zukunft. Aber das Gymnasium wird sich verändern, und zum Beispiel mehr Kinder mit Zuwanderungsgeschichte aufnehmen und fördern.

Was ist ihrer Meinung nach die ideale Schule?

Meiner Vorstellung nach ist die ideale Schule eine Schule, die die Kinder aufnimmt, sie annimmt und sie bei ihrem Lernen gut begleitet, damit sie ihre Potenziale entfalten und gute Schulabschlüsse schaffen.

Was halten sie von G8? Vorher gab es ja G9. Nun heißt es mehr Lernstoff in kürzerer Zeit, was Stress bedeutet und definitiv ein negativer Aspekt ist.

Das G8 ist nicht meine Erfindung. Das war die frühere CDU-FDP-Regierung. Das G8 orientiert sich am Schulwesen in der EU, wo es schon immer nur zwölfJahre gegeben hat: Ich gebe euch Recht, da gibt es Probleme, die vor allem durch die überhastete und unvorbereitete Einführung entstanden sind. Da müssen wir Schritt für Schritt nacharbeiten. Ich habe die wichtigsten Beteiligten eingeladen und wir haben zusammen sieben Handlungsfelder erarbeitet. Damit soll der Druck aus dem G8-Bildungsgang genommen werden. Z.B. durch den Ganztagsausbau und die Verlagerung der Hausaufgaben in die Schulen. Alle Gymnasien konnten wählen, ob sie zurück wollen zu G9 oder bei G8 bleiben wollen. Die übergroße Mehrheit hat sich dafür entschieden, bei G8 zu bleiben und keine neuen Gesamtveränderungen vorzunehmen.

>> Das Büro der Ministerin ist sehr modern eingerichtet. Wir sitzen an einem Glastisch mit Ledersesseln. Einige Bilder hängen an der Wand. Von unserem Tisch aus können wir ihren Schreibtisch sehen; dort stapeln sich die Akten und Unterlagen. Es gibt also noch viel zu tun. Die Ministerin ist eine beschäftigte Frau, das merkt man auch daran, dass sie noch vor unserem Interview nach Berlin geflogen ist und dazu schon um 4 Uhr aufgestanden ist. Trotzdem hat sie mit uns das Interview geführt, wofür wir sehr dankbar sind.

Die Lehrpläne sind sehr eingeengt und Themen müssen oftmals wiederholt werden. Das hat bestimmt auch große Auswirkungen auf das Sitzenbleiben von Schülern, oder?

Das Sitzenbleiben ist erfreulicher Weise in allen Schulformen zurückgegangen. Sobald man erkennt, dass ein Schüler oder eine Schülerin nicht so gut ist, sollte so früh wie nur möglich überlegt werden, was man dagegen tun kann, wie man diejenige oder denjenigen nun unterstützen kann, um die Versetzung zu schaffen. Daran müssen wir weiter systematisch in allen Schulen arbeiten.

Und wie?

Wenn man in ein oder zwei Fächern eine fünf hat und dann ein ganzes Jahr wiederholen muss, ist das vergeudete Zeit. Es muss versucht werden, dass die Schülerinnen und Schüler mindestens eine vier schaffen, wenn sie sich anstrengen und genug lernen. Vom Wiederholen alleine wird es ja nicht besser. Dann soll man lieber gezielt nacharbeiten - nämlich das, was man nicht kann, damit man nicht ein ganzes Jahr wiederholen muss.

Warum wurden eigentlich die Sekundarschulen gegründet?

Die Sekundarschulen wurden insbesondere gegründet, weil es sonst im ländlichen Raum kein umfassendes, wohnortnahes Schulangebot gegeben hätte. Dazu kommt das längere gemeinsame Lernen, dadurch soll die Schule sozial gerechter werden. Die Sekundarschule gibt es aber nicht überall oder von oben erzwungen, sondern nur in den Städten und Gemeinden, in denen sie von den Eltern und Kommunen gewollt wird.

Welche weiteren Veränderungen im Unterricht gibt es?

Bereits jetzt wird anhand von Kompetenzen beschrieben, was Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulstufen können sollen. Das ist sozusagen die Richtschnur. Darauf soll der Unterricht und das Lernen ausgerichtet werden, und zwar individuell, damit die Schülerinnen und Schüler daraufhin lernen können. Also nicht im Gleichschritt-Marsch, sondern alle nach ihren Möglichkeiten. Und diese Unterrichtsentwicklung müssen wir durch gute Fortbildungen und durch gute Unterstützung der Schulen voranbringen.

Gibt es in Zukunft kleinere Klassen?

Im Schulkonsens haben wir verabredet, Schritt für Schritt die Klassenfrequenzen zu senken. Doch gute Fortbildung ist ebenso wichtig. Neue Unterrichtskonzepte, viel mehr Eigenaktivitäten beim Lernen, selbstgesteuertes Lernen, Lernen der Schülerinnen und Schüler miteinander, all das müssen wir stärker in allen Schulen verankern. Das ist auch für alle Beteiligten besser. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten dadurch eigenverantwortlicher. Für die Lehrkräfte ist es in der Vorbereitung mehr Arbeit, aber in den Unterrichtsstunden ist es dadurch dann viel einfacher und auch ruhiger.

Was passiert als nächstes?

Gesetze, die wir schon vorbereitet haben, müssen nach und nach umgesetzt werden. Zum Beispiel soll das Konzept der kleinen Grundschulen bald ins Parlament eingebracht werden, und wir müssen das Thema Inklusion anpacken, das heißt, dass Kinder mit und ohne Handicap zusammen lernen können: Das wird nicht von oben verordnet und passiert nicht auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt, damit es ein möglichst gelingender Entwicklungsprozess wird, die Lehrer vorbereitet werden, die Eltern keine Sorgen haben und die Kinder gut gefördert werden können.

Am Ende des Interviews dürfen wir uns noch an der Plätzchenschale bedienen. Wir verabschieden uns von der Chefin aller 180 000 Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen – so viel, wie in keinem anderen Bundesland.

Sebastian Schröer und Jannik Hoppen, Klasse 8d, Andreas-Vesalius-Gymnasiums, Wesel

Zeus-Reporter

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