Selbstversuch

Hungern wie die Menschen in der Nachkriegszeit

06.06.2011 | 11:58 Uhr
Hungern wie die Menschen in der Nachkriegszeit
Nach dem Krieg standen die Menschen oft Stundenlang für ein paar Scheiben Brot an. Foto: Archiv Lembeck

Lünen.  Draußen ist es eiskalt und die Menschen haben kaum etwas zu essen – so ging es vielen Deutschen in der Nachkriegszeit. Im „Hungerwinter 1946/47“ musste man mit 800 Kalorien am Tag auskommen. Zwei Zeus-Reporterinnen haben getestet, wie sich das anfühlt.

Es ist der Hungerwinter 1946/47 im Nachkriegsdeutschland. Die Temperaturen liegen monatelang weit unter dem Nullpunkt und die Menschen haben kaum etwas zu Essen. Zeitzeugen berichten, wie ihre Neugeborenen vor Kälte und Hunger stark erkrankten, wie Großmütter die Großväter ermahnten, den Kindern das Essen nicht weg zu essen und wie die Menschen hamsterten und kriminell wurden, um nicht zu verhungern.

Die Tagesrationen an Lebensmitteln waren in diesem Winter für jeden minimal, höchstens 800 bis 1000 Kalorien gab es pro Tag und Person, für Kinder teilweise noch weniger. Der Normalverbrauch eines durchschnittlichen Erwachsenen beträgt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) weit mehr als das Doppelte. Schon bei leichter Bürotätigkeit benötigt man 2300 bis 3000 Kalorien. Bei schweren Tätigkeiten braucht man entsprechend mehr Energie.

Zwei Tage lang schlemmen auf Sparflamme

Pia Friedrichs und Carolin Rau wagten das Hunger-Experiment. Foto: Zeus

Viele fragen sich jetzt bestimmt, wie es sich anfühlte, seiner Arbeit Tag für Tag mit Hunger nach zu gehen und abends nicht einschlafen zu können, weil der Magen so laut knurrt.

Genau dies haben die zwei Zeus-Reporterinnen Pia Friedrichs und Carolin Rau aus Lünen ausprobiert: Zwei Tage lang nahmen sie maximal 1000 Kalorien zu sich.


Pia Friedrichs:

„Ich begann den ersten Tag des Experiments mit Müsli. Vor dem Essen wog ich die einzelnen Bestandteile wie Apfel, Birne und Banane ab und errechnete dann die Kalorienanzahl. Da ich wie immer nur ein kleines Müsli aß, besaß es auch nur 240 Kalorien und so konnte ich es getrost essen und hatte für den anstrengend werdenden Tag schon mal etwas im Bauch.

Dann ging es in die Schule. Ich hatte mir für die Pause eine Möhre mit 21,3 Kalorien mitgenommen und einen Apfel mit 80 Kalorien. Eigentlich hatte ich gedacht, sich nur von Obst zu ernähren wäre nicht so schlimm, aber beim Anblick der Pausenbrote meiner Freunde bekam ich doch ganz schön Hunger auf etwas normales. Aber da Carolin auch nur einen Apfel aß, hielt ich durch. Zusätzlich hatte ich auch noch sehr viel Wasser dabei und da ich vor jeder Mahlzeit etwas davon trank, hielt sich der Hunger in Grenzen. Allerdings wurde die Konzen­tration von Stunde zu Stunde schlechter und in der fünften Stunde hätte ich am liebsten nur noch geschlafen.

Hausaufgaben als Ablenkung

Mittags gab es zu Hause dann ausgerechnet Gyros mit Reis. Schon beim Hereinkommen strömte mir der Geruch entgegen. Und als ich am Tisch saß und mein Bruder sich einen ganzen Teller voll nahm, zweifelte ich kurz an meinem Durchhaltevermögen. Aber meine Mutter unterstützte mich und gab mir nur jeweils 50 Gramm vom Reis und dem Fleisch. So hatte ich dann für den Rest des Tages noch ungefähr 300 Kalorien übrig.

Um mich abzulenken, begann ich mit den Hausaufgaben. Aber allein in meinem Zimmer kam der Hunger immer wieder und irgendwann begann ich tatsächlich durchs Haus zu gehen und nach Süßigkeiten mit wenig Kalorien zu suchen.

Den Morgen und Mittag des nächsten Tages, eines Samstags, verbrachte ich in der Stadt beim Shoppen und obwohl ich sonst stundenlang durch Geschäfte gehen kann, verging mir nach eineinhalb Stunden die Lust daran.

Laune am Tiefpunkt

Meine Laune wurde auch nicht besser, als es am Nachmittag zu Hause Rhabarberkuchen gab. Obwohl meine Mutter ihn kalorienarm gebacken hatte, konnte ich nur ein Ministück essen und schon gar keine Sahne.

Am Abend hatte meine Laune ihren Tiefpunkt erreicht und ich ging früh schlafen. Darum war ich unglaublich froh, dass ich ab dem nächsten Tag wieder normal essen konnte.“


Carolin Rau:

„Der erste Morgen begann für mich so wie jeder andere Morgen auch: ohne Frühstück. Da ich es gewohnt war, vor der Schule nichts zu mir zu nehmen, machte das Hungern mir auch an diesem Morgen nichts aus.

Vor Hunger griffen die Menschen in der Nachkriegszeit sogar auf gekochtes Unkraut zurück. Foto: Getty Images

In der Schule hielt ich es die ersten Stunden dann auch relativ gut aus, bis die große Pause begann und ich meinen Freundinnen dabei zusehen musste, wie sie genüsslich die leckeren Laugenstangen und Pizzaschnecken aus der Cafeteria aßen. Währenddessen biss ich ein bisschen demotiviert in meinen Apfel und beneidete sie um ihr duftendes Gebäck.

Gegenseitige Unterstützung

Mich zu konzentrieren fiel mir in der Schule dann auch immer schwerer mit nur 50 Kalorien im Magen. Als ich nach Hause kam, freute ich mich einen kurzen Moment auf das Mittagessen, bis mir einfiel, dass es für mich weder sehr gehaltvoll noch sehr sättigend ausfallen würde.

Während meine Schwester bereits mampfend am Küchentisch saß, lud ich mir nur wenige Nudeln auf meinen Teller und begann langsam zu essen.

Weil mich am nächsten Morgen große Zweifel überkamen, ob ich den Versuch noch einen weiteren Tag durchführen sollte, rief ich bei Pia an. Doch dadurch, dass Pia weiter machen wollte, motivierte sie mich dasselbe zu tun.

Ich aß also ein trockenes Brötchen und redete mir ein, dass ich doch eigentlich ziemlich satt wäre, obwohl ich den Hunger vom vorherigen Tag noch spüren konnte.

„Wir konnten nach zwei Tagen aufhören zu hungern. Die Menschen damals nicht.“

Am Nachmittag gab es dann nur einen Apfel, so dass ich noch über 500 Kalorien übrig hatte, die ich am Abend auch voll auskostete.

Insgesamt ist mir das Fasten doch nicht so schwer gefallen, wie ich es vorher erwartet hätte. Doch über eine längere Zeit hungern, wie die Menschen damals nach dem Krieg, wäre mir mit Sicherheit sehr, sehr schwer gefallen.

Wir konnten unseren Versuch nach zwei Tagen abbrechen, die Menschen in der Nachkriegszeit konnten nichts tun, außer sich mit den Lebensmitteln zu begnügen, die sie bekamen. Insgesamt starben in diesem Winter mehr als zwei Millionen Menschen an Hunger und Kälte.“

Pia Friedrichs, Carolin Rau, Klasse 8a, Gymnasium Lünen-Altlünen

Zeus-Reporterinnen

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