Verlust der virtuellen Identität
08.05.2008 | 15:20 Uhr 2008-05-08T15:20:00+0200Chatten ohne Ende? Anne Ziems berichtet, wie und warum sie aufgehört hat, sich im Netz zu unterhalten.
COMPUTER.
A usgeloggt: Es war eine schwere Entscheidung. Bei allen Chatprogrammen und Foren habe ich mich abgemeldet, meine Accounts gelöscht. Ich habe meine Identität in der virtuellen Welt verloren.
Zögernd saß ich vor meinem Computer und war nur noch einen "Klick" von diesem Identitätsverlust entfernt. Ewig habe ich es vor mir hergeschoben, mich gefragt, wie ich ohne ICQ und ohne SchülerVZ die nächste Zeit verbringen soll. Es begann ein innerer Kampf. Soll ich alles löschen oder doch nicht? Ich machte es!
Fassungslose Freunde
Die Reaktionen meiner Freunde hatte ich schon erwartet. Es kamen Kommentare wie: "Gibt es denn nicht noch einen anderen Weg?" oder: "Spinnst du, dann kann ich dir ja gar nicht mehr schreiben!" Die meisten waren fassungslos. Meine Freundin sagte mir etwas, worüber ich lange nachgedacht habe - besonders in der Zeit, in der ich eigentlich am PC gesessen hätte. Sie sagte: "Das ist ja wie eine Droge!"
Ich muss ihr recht geben, in gewisser Weise sind Computer und Chatten wie eine Droge. Irgendwie merkt man gar nicht, wie häufig man sich damit beschäftigt. Schnell fragt man etwas via ICQ oder guckt im Internet nach und schon ist eine Stunde vergangen. Wer ICQ nutzt, merkt erst, wie sehr er darauf angewiesen ist, wenn er nicht mehr chattet. Ohne ICQ bekommt man vieles nicht mit, fühlt sich außen vor.
An Feiertagen wie Christi Himmelfahrt merkte ich besonders stark, wie viel Zeit ich übrig hatte. Ich ging in mein Zimmer, setzte mich vor den PC, wollte ihn einschalten und dachte mir: "Wieso? Es ist sowieso nichts los, ohne ICQ und SVZ."
Im Leben entstand ein Loch. Bevor es Chatprogramme beziehungsweise Foren gab, war kein Loch da. Ich hatte mir also Zeit fürs Chatten geschaffen und dafür andere Dinge vernachlässigt. Das will ich jetzt aufarbeiten. Ich habe wenig gelesen, mein Wortschatz ist zu kurz gekommen. Bei ICQ entwickelt man seine eigene Sprache und Grammatik. Rechtschreibregeln werden außer acht gelassen. In der letzten Zeit ohne Chatforen oder -programme habe ich mehr gelesen. Wenn ich mal gar keine Lust dazu hatte, habe ich für ein Konzert Klavier geübt.
Die Versuchung bleibt groß
Da ich aus dem Zimmer meines Bruders weiterhin die ICQ-Sounds, zum Beispiel das Anklopfen höre, bin ich gespannt, wie lange ich der virtuellen Kommunikation im Internet widerstehen kann.
Anne Ziems, 8b, Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, Kleve.
ICQ steht für das englische "I seek you"/ Ich suche dich und ist das Instant Messenger Programm von AOL. Wie in Foren können sich hier Personen unterhalten. Beim SchülerVZ handelt es sich um einen Ableger des StudiVZs, einem Online-Netzwerk mit bundesweit knapp fünf Millionen Nutzern. VZ steht für Verzeichnis. (Quelle: Wikipedia)

15:08
Super toller Text! Und ein echt mutiges Experiment!!!