Krieg vor der Haustür
27.11.2007 | 20:01 Uhr 2007-11-27T20:01:13+0100Viele kennen den Vietnamkrieg nur aus Computerspielen oder Filmen. Doch wie erging es den Menschen, die in Vietnam lebten?Manche flohen nach Deutschland. Auch ins Ruhrgebiet. Ein ZEUS-Reporter sprach mit einer Zeitzeugin über ihre Erinnerungen
Vietnam, Frühjahr 1968. Es tobt der Krieg zwischen dem kommunistischen Norden und dem antikommunistischen Süden, der mit den USA verbündet ist. An Tet, dem vietnamesischen Neujahrsfest, starten die nordvietnamesischen Soldaten einen Überraschungsangriff. Viele südvietnamesische Politiker und Kommandeure haben sich gerade ein paar Tage Urlaub gegönnt, jedoch an Tet, dem 21. Januar, greifen die "Vietcong" die bedeutendsten Städte in Südvietnam an.
Eine Frau, die Tet vor ihrer Haustür miterlebte, erzählte uns: "Das war der erste Tag im neuen Jahr. Für meine Familie und mich war dieser Tag sehr heilig. Deshalb ging ich am frühen Morgen in die Kirche. Als die Messe noch nicht zu Ende war, und alle der Messe noch folgten, hörten wir eine laute, ohrenbetäubende Explosionen. Der Boden unter uns bebte. Es folgten gleich danach hintereinander pfeifende Töne von herunterfallenden Mörsergranaten und Raketen. Alle waren aufgeregt und versuchten, heil nach Hause zu kommen.
Nach kurzer Zeit fand ich meinen Vater, der ebenfalls in der Kirche war, von da an musste ich trotz großer Angst sehr ruhig bleiben und allen Anweisungen meines Vaters folgen: Wir mussten immer geduckt und eng an den Hauswänden entlang gehen. Unterwegs sahen wir ein paar Vietcong, die sich hinter Autos, Türen und Häusern versteckten, manche von ihnen liefen sogar ohne Schuhe herum. Im Gegensatz zu ihnen waren die Soldaten der Army of the Republic of Vietnam (ARVN) [Anm.: Streitmacht von Südvietnam], die uns wichtige Hinweise zum Weitergehen gaben und uns gleichzeitig Deckung gaben, eindeutig mutiger. Von der Kirche bis zu unserem Haus waren es nur ein paar hundert Meter. Ich hatte das Gefühl, dass es ewig dauern würde, nach Hause zu kommen. Als wir endlich zu Hause waren, wurden alle Türen und Fenster abgeschlossen. Dann sind wir alle in unseren Bunker gegangen und mussten dort bleiben.
Mein Vater war der einzige, der ab und zu hinausging, um zu prüfen, wie die Situation war. Nach ein paar Stunden sagte er, dass die Verstärkung der ARVN schon da ist. Wir sollten aber trotzdem noch im Bunker bleiben, weil über uns noch Hubschrauber waren und vor unserem Haus wurde noch geschossen. Gegen Abend hatte die ARVN schon die Vietcong aus Saigon zurückgetrieben. Wir durften endlich aus dem Bunker heraus und gingen vorsichtig zur Haustür. Vor uns waren viele Panzer und andere Fahrzeuge. Ich sah viele Soldaten herumlaufen, die ihre verletzten Kameraden behandelten. Nicht nur wir, sondern fast alle Anwohner unserer Straße brachten den Soldaten unsere Lebensmittelvorräte für Tet als Dank für ihren mutigen Kampf in diesen traditionellen Tagen.
Was wären wir ohne diese Soldaten nur geworden?", sagte sie am Schluss. Sie blieb noch ein paar Jahre in Vietnam, bis Südvietnam 1975 kapitulierte und die Vietcong ganz Vietnam beherrschten. Saigon war dann nicht mehr Hauptstadt, sondern Hanoi. Saigon heißt seitdem Ho Chi Minh City. In dem Jahr wurde auch einer der jüngeren Brüder der Zeugin von einer Mörsergranate getötet.
Die Zeugin selbst flüchtete mit zwei anderen Geschwistern und lebte acht Monate auf den Philippinen, bevor sie nach Deutschland kam. Auch ihr heutiger Ehemann flüchtete aus Vietnam, aber er kam direkt nach Deutschland. Dort lernte die beiden sich kennen. Viele ihrer Familienmitglieder leben heute nicht mehr in Vietnam, sondern in Ländern wie Japan, USA, Kanada.
Nam-Thien Nguyen Gymnasium Waldstraße Klasse 8a

0mitdiskutieren