Justiz

Zuständig für Recht und Ordnung

01.06.2011 | 14:45 Uhr
Zuständig für Recht und Ordnung
Von links im Bild: Richterin Monika Anders, Lena Spakowski, Judith Frenzel und Pressereferent Wolfgang Schmidt. Foto:Zeus

Essen. „Ruhe im Saal“. Wer denkt da nicht gleich an einen Gerichtsprozess? Dr. Monika Anders, und Wolfgang Schmidt verraten etwas über ihren Alltag im Gericht.

Dr. Monika Anders steht als Präsidentin dem Landgericht Essen vor. Sie ist 60 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Köln. In ihrer Freizeit joggt sie gerne.

Wolfgang Schmidt ist vorsitzender Richter am Landgericht Essen und Leiter der dortigen Pressestelle. Er ist 49 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Geboren und aufgewachsen in Nordrhein – Westfalen, hat er sein Jurastudium in Bochum absolviert. In seiner Freizeit treibt er Sport und liest gerne.

Sehr geehrte Frau Dr. Anders, sehr geehrter Herr Schmidt, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns und unsere Fragen nehmen. Uns interessiert besonders, warum Sie Jurist/Juristin geworden sind.

Anders: Ich war schon immer sehr interessiert an Mathematik und Deutsch, wollte aber nie Lehrerin werden. Über Bekannte habe ich dann die Möglichkeit bekommen, einen juristischen Vortrag zu hören. So kam dann auch mein Interesse an diesem Beruf zustande. Früher wollte ich zum Beispiel Friseurin werden – was man halt in dem Alter so werden will.

Schmidt: Auch ich habe gerne Mathematik und Deutsch gemacht. In der Mittelstufe zwar nicht so gerne – weil wir da so langweilige Lektüren gelesen haben (lacht). Da ich die Logik faszinierend fand, wollte ich eigentlich immer Architekt werden. Dazu kam es dann nicht mehr – das Semester in Architektur beginnt immer im Winter. Ich wollte aber im Sommer anfangen zu studieren, so dass ich Jura gewählt habe. Ich bin dann auch dabei geblieben.

Sind Sie mit Ihrem Beruf zufrieden?

Anders: Ich bin sehr zufrieden. Ich kenne eigentlich nur Richter, die mit Ihrem Beruf zufrieden sind. Jobunzufriedenheit ist in unserer Berufsgruppe sehr selten.

Schmidt: Das stimmt. Ich persönlich finde, Mathe macht zwar Spaß, ist mit der Vielschichtigkeit eines Gerichtsverfahrens aber nicht zu vergleichen.

Wie steht Ihre Familie zu Ihrem Beruf?

Anders: Da mein Mann selber Jurist ist, kann er natürlich vieles nachvollziehen.

Schmidt: Meine Familie steht relativ neutral dazu. Es ist nicht anders, als in anderen Familien auch, denke ich.

Welche Aufgaben hat eine Landgerichtspräsidentin beziehungsweise die Pressestelle? Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Anders: Das Gericht ist die dritte Gewalt und die Richter sind unabhängig in ihren Entscheidungen. Ich bin als Landgerichtspräsidentin zwar auch Richterin, aber in erster Linie die Verwaltungschefin des Landgerichtes und der dazu gehörigen Amtsgerichte. Das Landgericht Essen allein umfasst 350 Mitarbeiter, davon sind ca. 80 bis 90 Richter. Mit den dazugehörigen Amtsgerichten sind es über 1000 Mitarbeiter, davon sind insgesamt circa 200 Richter.

Schmidt: Die Pressestelle gibt Auskünfte und Interviews und beschäftigt sich mit der Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat eigentlich nur zwei Mitarbeiter. Dazu gehören dann noch das Vorzimmer und zwei für die Öffentlichkeitsarbeit. Doch das ist nicht unser Hauptberuf, wir machen das nebenberuflich.

Bilden Sie auch aus?

Anders: Ja, wir haben immer wieder Referendare.

Welche Gerichtsverfahren eignen sich Ihrer Meinung nach, um Jugendlichen Ihre Arbeit verständlich zu machen? Warum?

Schmidt: Ich denke, kurze Strafverfahren eignen sich am besten dazu, weil sie meist nur etwa einstündig sind. Bei Zivilverfahren werden viele Informationen aus den Akten durchgesprochen, die die Zuschauer nicht kennen. Deshalb würde man wahrscheinlich nur wenig verstehen.

Was war Ihr interessantester Fall bisher und warum?

Schmidt: Das ist sehr schwer zu sagen. Jede Verhandlung ist anders. Es gibt keine Routine, weil jeder Mensch auch in einer solchen Situation anders reagiert. Vor kurzem wurden bei einer Hausdurchsuchung 3 000 000 Euro in bar gefunden, der Rest in Form von Gold, so dass es insgesamt 9 000 000 Euro waren. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt.

Welcher Moment der letzten hundert Verhandlungen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Schmidt: In einem Fall ging es um Industriespionage. Einer unserer „Wissenschaftler“ sollte ein Gutachten dazu erstellen. Er kam zu mir und sagte ganz erstaunt: „Der Angeklagte hat ja gelogen wie gedruckt!“ Das fand ich irgendwie knuffig, weil wir mit so etwas öfter mal zu tun haben. Aber er war total verblüfft. (lacht)

In der Presse gab es ziemlichen Wirbel um den Prozess des bekannten Chirurgen Brölsch. Wie haben Sie die Verhandlung erlebt?

Schmidt: Ich hatte den Vorsitz in der Verhandlung. Es war ein sehr emotionaler Prozess mit vielen Zeugen.

Besteht ein enger Kontakt zum Polizeipräsidium, das ja direkt gegenüber liegt?

Anders: Ja, besonders die Pressestelle und die Staatsanwaltschaft arbeiten mit dem Präsidium zusammen. Aber auch wenn jemand versucht, Waffen durch die Schleuse zu schmuggeln. Kurz bevor die Schleuse 1998 fertig war, wurde hier drinnen ein Richter erschossen. Er hieß Michael Teuber. Der Täter war vorher von ihm zu einer niedrigen Geldstrafe verurteilt worden. Er war so wütend darüber, dass er Richter Teuber im Mai 1998 in seinem Büro erschoss. Teuber hatte eine Frau und fünf Kinder. Im Treppenhaus gibt es eine Glasscheibe mit einem Blumenstrauß zu seinem Gedenken.

Können Sie Ihren Beruf Jugendlichen empfehlen?

Anders: Ja, auf jeden Fall. Das Jurastudium ist sehr komplex und auch anstrengend, aber auch spannend. Nachteilig ist, dass man mit diesem Beruf an Deutschland gebunden ist. Aber wenn man etwas wirklich will und sich dafür interessiert, dann ist es gut und klappt auch.

Was halten Sie von den zahlreichen Gerichtsshows, die im Fernsehen laufen?

Anders: Nichts. Es hat nichts mit dem Gericht, sondern nur mit Entertainment zu tun. Es sind eher amerikanische Gerichtsverfahren, jedoch stark verfremdet. Ich finde das nicht gut. Die Leute bekommen eine völlig falsche Vorstellung von Gerichten. Ich würde mir wünschen, dass solche Sendungen wirklichkeitsgetreuer werden und sich mehr mit Alltagsverfahren beschäftigen.

Judith Frenzel, Lena Spakowski, Klasse 8e, B.M.V.-Schule

Zeus-Reporter

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