Steine mit Geschichte Mehr Infos
19.05.2008 | 18:47 Uhr 2008-05-19T18:47:27+0200Wenn im Bordstein eine quadratische Messingplatte eingelassen ist, heißt das: Hier hat mal jemand gewohnt, der Opfer der Nazis wurde. ...
... Eine ZEUS-Reporterin erzählt hier die Geschichte des Nachbarn ihres UrurgroßvatersDurch die deutschlandweite Aktion "Stolpersteine" kehren die in der NS-Zeit Vertriebenen symbolisch in ihre Häuser zurück. Wie auch die Familie Hirschmann aus Arnstadt in Thüringen.Der jüdische Rechtsanwalt und Bankdirektor Walter Hirschmann war ein sehr enger Freund meines bereits vor langer Zeit verstorbenen Ururgroßvaters Julius Heinz. Walter Hirschmann lebte mit seinem Vater Sigmund Hirschmann, seiner Mutter und seiner Schwester Ilse Hirschmann in der Karolinenstraße 2 in Arnstadt.Nur wenige Häuser entfernt von meinem Ururgroßvater, den er jede Woche zum Schachspielen besuchen kam. Bis in die 40er Jahre, als dies schon lange unter Strafe für beide Männer stand. Zu dieser Zeit verließ mein Ururgroßvater Julius Heinz jedoch das Haus nur noch selten, um nicht genötigt zu werden mit "Heil Hitler" zu grüßen.Doch eines nachts im Frühling 1943 schlich sich Walter Hirschmann ins Haus meines Ururgroßvaters, um sich zu verabschieden. Denn er ahnte wohl, was bald mit ihm passieren würde. Er drückte meinem Ururgroßvater zum Abschied einen kleinen Goldring in die Hand mit den Worten: "Nichts Wertvolles, denn alles wertvolle haben sie uns schon längst weggenommen." Mein Ururgroßvater jedoch konnte diese Warnung nicht wirklich ernst nehmen, denn er dachte, dass die damalige militarisierte Gesellschaft Kriegshelden des ersten Weltkriegs schonen würde. Und dass den Hirschmanns doch nichts passieren könne denn, sie waren ja nach dem ersten Weltkrieg wegen ihrer Tätigkeit als Offiziere mit hohen Tapferkeitsorden ausgezeichnet worden.Für die Hirschmanns jedoch begann der Weg zum Tod. Alle bis auf Ilse Hirschmann wurden erst in das Konzentrationslager Auschwitz und später nach Buchenwald deportiert. Welches sie nicht überlebten.Alle bis auf Ilse. Ilse Hirschmann schaffte es nach Bayern zu fliehen, durch die Hilfe ihres nicht jüdischen Ehemannes Dr. Kurt Bingold, der für sie alles aufgab.Mein Ururgroßvater konnte sich seinen Irrtum nie verzeihen und bewahrte den kleinen goldenen Ring gut auf, den sein Freund als "nichts Wertvolles" bezeichnet hatte. Für ihn hatte er einen unbezahlbaren Wert.Heute wohnt mein Großvater quer gegenüber des Hirschmann-Hauses und hat immer noch den Ring des ehemaligen Nachbarn unserer Familie. Eine "Stolperstein"-Gedenkplatte wird bald an die Familie Hirschmann erinnern und auch sie symbolisch in ihr Zuhause zurück kehren lassen.Noch viele solchen Geschichten verbergen sich hinter den kleinen in den Boden eingelassenen Platten.Marie Wettingfeld Gymnasium an der Wolfskuhle Klasse 8a Die Aktion "Stolpersteine" wird bundesweit realisiert von Künstler Gunter Demnig. Mit den Messingplatten erinnert er an die Opfer der NS-Zeit. Infos im Internet: www.stolpersteine.com

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