Die Kinder ohne Namen
05.07.2010 | 10:26 Uhr 2010-07-05T10:26:00+0200
Essen.Leise anschleichen, Fenster auf, Brief raus. Eine kurze Verabschiedung, Baby rein und so schnell wie möglich weg: So trennen sich manche Mütter von ihren neugeborenen Kindern. Wir besuchten das Haus Nazareth in der Beethovenstraße. Dort gibt es ein Babyfenster, durch das Neugeborene anonym abgegeben werden können.
Mit hohen Erwartungen betreten wir das Gelände und stellen fest, dass es nicht unseren Vorstellungen entspricht. Es sieht eher wie ein Kindergarten mit Spielplatz aus, auf dem viele Kinder spielen. Wir treffen uns mit Diplom-Sozialarbeiterin Susanne Thelen. Sie erzählt uns vom Babyfenster, das als allerletzte Möglichkeit für verzweifelte Mütter gedacht ist. Es befindet sich an der Rückseite des Hauses, ist von der Straße nicht zu sehen. Öffnet man die Klappe, findet man ein Wärmebett und einen Brief.
Kennwort zum Baby
Er ist für die Eltern gedacht und enthält Informationen und Hilfsmöglichkeiten, sowie ein Kennwort zur Identifizierung des Babys. Sollte die Mutter oder die Eltern im Zeitraum von acht Wochen das Kind wieder zu sich nehmen wollen, müssen sie das Kennwort nennen. Ihre Situation und die Gründe, warum das Kind abgegeben wurde, werden überprüft. Nach kurzer Zeit schließt sich das Fenster von allein und die Alarmanlage meldet wenige Sekunden später, dass das Fenster geöffnet wurde. Damit die Mutter ein Vertrauensgefühl entwickeln kann, ist dort nirgends eine Überwachungskamera angebracht.
Die Schwestern des Hauses Nazareth nehmen das Baby in Empfang, das dann mit einem Krankenwagen abgeholt und ins Elisabeth-Krankenhaus gebracht wird. Die meisten, so Susanne Thelen, seien in einem guten gesundheitlichen Zustand. Einige kommen allerdings mit abgerissener Nabelschnur, wenn die Mutter ihr Kind irgendwo draußen zur Welt gebracht hat.
Fast alle Babys werden ohne Abschiedsbrief oder Namenswunsch abgelegt. Acht Wochen versorgen ehrenamtliche Bereitschaftspflegeeltern das Kind, anschließend wird es in eine Adoptivfamilie vermittelt. Die Mutter oder die Eltern können dann nur noch mit Einwilligung der Adoptionseltern Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen.
Letzte
Möglichkeit
Doch das Fenster sollte nur die letzte Möglichkeit für verzweifelte Mütter sein, denn das Fenster ist in ein Hilfs- und Beratungskonzept eingebettet. Es gibt zudem eine Notrufnummer, den Adoptions- und Pflegekinderdienst, ein Wohnprojekt für schwangere Mädchen und eine kostenlose Wohnung für Frauen.
Schon viele Mütter haben sich dank dieser Möglichkeiten entschlossen, ihr Kind bei sich zu behalten. Das Babyfenster finanziert sich durch Spenden. Im Endeffekt finden wir, dass diese Organisation eine gute Möglichkeit für ver-zweifelte Mütter ist, da schon vieles in den Medien über ausgesetzte Kinder berichtet wurde und denen Schreckliches zugestoßen ist.
Delira Toksoy, Shiva Moghadas und Ann-Kathrin Mustereit, Klasse 8b, Gymnasium Nord-Ost

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