Leben in der Hölle
21.11.2007 | 18:06 Uhr 2007-11-21T18:06:20+0100In ihrer Buchkritik beschäftigt sich ZEUS-Reporterin Cynthia Clamor mit dem Schicksal einer Frau. Diese hat in ihrer Heimat Schlimmes erlebt
In dem Buch "Bei lebendigem Leib" erzählt eine Frau unter dem Decknamen "Souad" ihre Lebensgeschichte.
Nach vielen Jahren holt diese Frau stets verdrängte Erinnerungen an ihr altes Dasein hervor und berichtet von einem Leben voller Schmerzen und Misshandlungen. Es ist eine wahre Geschichte über eine Welt, die von Männern regiert wird und in der Mädchen und Frauen ohne Folgen umgebracht werden. Ja, eine Welt, in der Mord kein Verbrechen, sondern Ehrenrettung ist.
Souad wurde in einem kleinen, abgelegenen Dorf im Westjordanland geboren, wo sie bis zu ihrem 17. Lebensjahr eine Gefangene der Traditionen war. Sie und ihre fünf Schwestern wurden jeden Tag oft mehrmals wegen kleinster Lappalien grün und blau geschlagen. Nachts schlief sie unruhig, aus Angst, von ihrem Vater erstickt zu werden. Souad musste mit ansehen, wie ihr einziger, geliebter Bruder eine ihrer Schwestern mit einer Telefonschnur erwürgte. Sie musste mit ansehen, wie ihre Mutter frisch geborene Babys tötete, weil es Mädchen waren. So wuchs sie unter dem Druck und dem Hass auf, der dort Frauen und Mädchen zu Teil wird.
Deshalb war ihr einziger Wunsch derselbe, wie der von fast allen Frauen dort, endlich zu heiraten. Das war (und ist heute noch) der einzige Weg, etwas Freiheit zu erlangen. Auch, wenn dieser Schritt oft nur der Weg in eine andere Hölle ist. Aber es blieb ihr verwehrt, erst musste ihre ältere Schwester verheiratet werden. Dann lernte sie Faiez kennen, den Nachbarsohn, und traf sich heimlich mit ihm. Zu diesem Zeitpunkt begab sich Souad schon in Lebensgefahr. Doch als sie erkannte, dass sie schwanger war, verschwand Faiez einfach, obwohl er versprochen, hatte sie zu heiraten. Als ihre Familie erkannte, das ihre Tochter unverheiratet schwanger war, sperrten sie sie ein und hielten Familienrat. Diesen belauschte Souad im anderen Raum. Sie belauschte ihr eigenes Todesurteil.
Eines Tages waren ihre Eltern fort, nur sie und ihr Schwager waren im Garten. Sie wusste sofort, dass sie nun sterben würde. Zunächst war ihr Schwager freundlich und half ihr. Doch als sie ihm den Rücken zukehrte, übergoss er sie mit Benzin und zündete sie an. Sie floh und wurde in ein kleines Krankenhaus gebracht. Dort wurde sie ihrem Schicksal überlassen. Souad gebar ihr Baby zwei Monate zu früh. Man nahm es ihr weg.
Ihr Glück kam in Form von Jacqueline, einer Helferin der Menschenrechtsorganisation Surgir. Sie holte Souad mit Hilfe eines jungen Arztes dort heraus. Sie retteten auch den kleinen Sohn und brachten beide in die Schweiz.
Heute, 25 Jahre später, lebt Souad in Europa, hat einen Mann gefunden, den sie liebt und der sie liebt. Mit ihm hat sie zwei Töchter und natürlich ihren Sohn. Sie hat lesen und schreiben gelernt. Aber auch heute noch hat sie Angst vor Feuer, und sie trägt in der Öffentlichkeit immer eine Maske, aus Furcht, ihre Familie könnte sie doch noch finden. Dies geschieht leider sehr oft bei schon geretteten Frauen.
Ich habe dieses Buch gelesen, es hat mich berührt und lässt mich nicht mehr los. Souad ist eine Frau voller Kraft und Mut, sie verdient unsere Bewunderung.
Cynthia Clamor Klasse 9c Albert-Einstein-Gymnasium

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