„Wir stehen nicht knutschend an der Bushaltestelle“
15.12.2011 | 14:34 Uhr 2011-12-15T14:34:00+0100
Bochum. Im Zeus-Interview sprechen Anne und Caroline darüber, wie es ist als lesbisches Pärchen in Deutschland zu leben.
In Deutschland gibt es mit Guido Westerwelle einen schwulen Außenminister und mit Klaus Wowereit einen ebenfalls schwulen Regierenden Bürgermeister von Berlin und das ist – mit Wowereits Worten gesprochen – „auch gut so!“. Aber ist es das wirklich? Wie fühlen sich homosexuelle Paare in Deutschland? Wie leben sie? Und wie akzeptiert ist ihr Leben wirklich? Und sind sie gleichberechtigt mit heterosexuellen Paaren?
Darüber hat Zeus-Reporterin Johanna Möller mit einem lesbischen Paar aus dem Ruhrgebiet gesprochen. Anna und Caroline machen kein Geheimnis daraus, dass sie lesbisch sind. Trotzdem möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.
In welchem Alter habt ihr festgestellt, dass ihr lesbisch seid?
Anna: Ich habe mit etwa 20 Jahren festgestellt, dass ich lesbisch bin.
Caroline: Ich war 23.
Wart ihr auch schon einmal in einen Jungen verliebt?
Anna und Caroline: Ja, wir haben uns beide schon einmal in einen Jungen verliebt und hatten auch Beziehungen zu Jungen.
Wie habt ihr euren Eltern gesagt, dass ihr lesbisch seid und war/ist es ein Problem für eure Eltern, dass ihr lesbisch seid?
Anna: Ich habe meinen Eltern erst gesagt, dass ich lesbisch bin, als ich mir hundertprozentig sicher war und auch schon eine Freundin hatte. Doch meine Eltern kommen aus einer anderen Generation, da war das mit dem Lesbisch sein noch was ganz anders. Mein Vater hat im Krieg mitbekommen, wie Homosexuelle aufgrund ihrer Homosexualität getötet wurden. Er hat auch immer noch ein bisschen Angst um mich, weil er denkt, mir könnte auch immer noch etwas zustoßen, nur weil ich Frauen liebe. Meine Mutter hoffte auch für lange Zeit, dass es nur so eine Phase sei. Aber insgesamt haben sie das ganz gut aufgenommen und akzeptieren mich immer noch genau so wie früher.
Caroline: Als ich auf die Idee kam, dass ich lesbisch sein könnte, habe ich meinen Eltern dies bereits nach kurzer Zeit, so nach etwa zwei bis drei Monaten, gesagt. Doch für mich war das eine wichtige und lange Zeit. Für meine Eltern war die Mitteilung zunächst schwierig, da es nicht in ihre Vorstellung von dem Leben passte, dass sie sich für mich wünschten.
Sagt ihr neuen Freunden sofort, dass ihr lesbisch seid?
Anna und Caroline: Alle unseren Bekannten und Freunde wissen, dass wir lesbisch sind und wir beide sind auch in unserem Job geoutet. Wir stellen uns auch beide immer als lesbisches Paar vor („Das ist meine Frau Anna/Caroline“).
Zeigt ihr in der Öffentlichkeit, dass ihr lesbisch seid?
Caroline und Anna: Wir stehen nicht knutschend an der Bushaltestelle, aber ab und zu halten wir Händchen oder nehmen uns in den Arm. Aber wir machen es nicht zu offensichtlich, weil einige Leute Homosexualität immer noch nicht akzeptieren und wir auch keine Lust haben, uns blöde Sprüche anzuhören oder schräg angeschaut zu werden. Deswegen benehmen wir uns nicht so unbefangen wie heterosexuelle Paare in der Öffentlichkeit.
Seid ihr schon ein Mal in Länder gereist, in denen Homosexualität strafbar ist?
Homosexuell sein in Deutschland: Ist das wirklich „gut so“? Ganz offensichtlich ist es mit der Gleichberechtigung auf diesem Gebiet nicht weit her, gleichberechtigt wäre es alleine gewesen, Heirat und Verpartnerung nicht nur gleich zu nennen, sondern auch gleich zu behandeln. Verpartnerung stellt sich im Verhältnis zu Heirat ein bisschen wie „Heirat light“ dar: Homosexuelle dürfen sich verpartnern, den Namen des anderen annehmen, aber beim lieben Geld hört dann die Freundschaft auf. Steuern zahlen dürfen sie wie Singles. Das ist nun wirklich nicht „gut so“!
Wenn also die Politik sich schon schwertut mit der Gleichbehandlung, wie sieht es dann im täglichen Leben von homosexuellen Paaren aus? Auf den ersten Blick gruselig: „Schwule Sau“ ist immer noch ein gern benutztes Schimpfwort. In der Jugendsprache werden die Adjektive „schwul“ und „lesbisch“ fast ausnahmslos herabwertend benutzt. Allerdings – und das stellt definitiv einen Lichtblick dar – sang Katie Perry vor zwei Jahren „I kissed a girl „ und landete damit einen Welthit, auch in Deutschland.
Und als ich vor einigen Jahren auf eine lesbische Hochzeit, eine Verpartnerung, eingeladen wurde und dies meiner, immerhin 70 Jahre alten Oma erzählte, war diese weder geschockt noch beschämt, sondern ihre Worte waren: „Ach, das geht jetzt? Das ist ja toll, wenn das Tante Käthe noch hätte erleben können, ich glaube, die mochte Frauen auch immer mehr als Männer.“
Zwar tut sich noch nicht genug, weder in der Politik, noch in unseren Köpfen, aber: Es tut sich was. Und ich finde: Das ist gut so!
Anna und Caroline: Ja, das war aber kein Problem, da wir von allen für Schwestern gehalten wurden.
Ihr habt einen Sohn. Nennt er euch beide Mama?
Anna und Caroline: Nein, seine leibliche Mutter, Caroline, nennt er Mama und Anna nennt er unterschiedlich, manchmal „Mama-Anna“ oder „Mami“.
Was wollt ihr eurem Sohn sagen, wenn er euch fragt, wer sein Papa ist?
Anna und Caroline: Wir werden ihm sagen, dass wir seinen Papa nicht so gut kennen, aber dass er dafür zwei Mamas hat und mit Hilfe eines Arztes und einer Samenspende auf die Welt gekommen ist. Wenn er dann älter ist, werden wir ihm alle Einzelheiten erklären, aber eben erst dann, wenn er alt genug ist, es zu verstehen. Was wir allerdings keinesfalls tun werden, ist, ihn anzulügen.
Seid ihr schon einmal „runtergemacht“ worden, weil ihr lesbisch seid?
Anna und Caroline: Seit langer Zeit nun nicht mehr. Aber blöde Kommentare haben wir auch schon mal zu hören bekommen. Das kam aber eher in Studentenzeiten vor.
Anna: Als ich früher einmal mit meiner Freundin Händchen haltend über die Straße gegangen bin, hat ein älterer Mann seinen Stock geschwenkt und gesagt: „Euch müsste man den Kopf abschlagen“, aber das ist zum Glück schon lange her.
Fühlt ihr euch gleichberechtigt? Wie findet ihr es, dass ihr nicht verheiratet sein könnt sondern nur verpartnert und so nicht in die günstigere Steuerklasse III wechseln könnt?
Anna und Caroline: In den letzten Jahren hat sich schon viel zum Thema „Gleichberechtigung“ für Homosexuelle getan. Der einzige Unterschied ist eben noch, dass wir nicht in die Steurklasse III wechseln können. Das ärgert uns jedes Jahr von Neuem, da wir viel mehr Steuern zahlen müssen als verheiratete Paare. In den nächsten Jahren werden wir aber bestimmt auch in die Steuerklasse III wechseln können.
Johanna Möller, Klasse 8a, Schiller-Schule, Bochum

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