Bochum und Wattenscheid

Unterricht in Reih' und Glied

28.11.2009 | 08:00 Uhr

Der Alltag an einer südkoreanischen Schule ist mit europäischen Sitten nicht immer vergleichbar.

Wir wollten mehr über Koreas Schulen erfahren und sind bei unserer Suche auf die deutschsprachige Lehrerin Nathalie Rebetez gestossen, die Erfahrungen mit dem koreanischen Schulsystem hat. Die 39-Jährige arbeitet in Incheon bei Seoul an einer von den Schwestern von Notre Dame 1967 gegründeten koreanischen Grundschule, die heute immer noch von Nonnen geführt wird. Aber es gibt inzwischen neben den Nonnen auch Laien als Lehrkräfte.

Nathalie Rebetez kommt aus der Schweiz, wo sie ebenfalls als Lehrerin in Intergrationsklassen für Immigrantenkinder tätig war. In Korea unterrichtet sie die Wahlfächer Kochen für die 3. und 4. Klasse sowie Kunst für die 1. und 2. Klasse. Die einst 1967 unter einfachen und eher ärmlichen Bedingungen eröffnete Schule ist heute eine wohlhabende Schule, ausgestattet mit allem, was es braucht, um ein Kind glücklich zu machen.

Doch es gibt Unterschiede. „Eine Klassengröße von 35 Schülern ist hier völlig normal", sagt die Schweizerin, „was in Europa eher der Vergangenheit angehört". Jeder Schüler hat seine eigene Schuluniform, für die er selber Sorge tragen muss. Da es sich um eine Ganztagsschule handelt, essen alle Schüler zusammen in einem großen Speisesaal und werden von der hausinternen Küche rein koreanisch verköstigt, wie Frau Rebetez schwärmerisch berichtet. „Wichtig ist auch", ergänzt sie, „dass pro Schultag dreimal gebetet wird." Morgens, vor dem Mittagessen und vor dem Nachmittagsprogram. Der Umgang mit den Schülern erforderte eine große Umstellung. „Während in der Schweiz bisweilen Anordnungen der Lehrperson von Schülern mit einem Protest beantwortet werden", schmunzelt Frau Rebetez, „so verlangen die koreanischen Schüler regelrecht danach. Sie wollen Befehle ausführen, und zwar möglichst perfekt."

Koreanische Schüler seien hingegen viel unselbstständiger, auch im Umgang mit einer Schere oder einem Pinsel. Grundfertigkeiten seien nur teilweise vergleichbar mit denen europäischer Kindergartenkinder. Allerdings können die Schulkinder von Incheon nach einer ausführlichen Erklärung einer Aufgabe diese meist tadellos ausführen. Das bedeutet, dass der Unterricht am besten gelingt, wenn die Kinder klare Abläufe nachahmen und kopieren können. „Wenn sie allerdings während der Arbeit einen kleinen Fehler machen, schreien sie gleich 'teacher, teacher' oder fangen sogar an zu weinen", so Frau Rebetez.

Generell seien die Mädchen gleichsam wie die Jungen sehr emotional und versuchen auch nicht, dies zu verbergen, wie es europäische Kinder eher tun würden. Bei einer Verletzung mit einer Schere, einem Messer oder sonstigen Gegenständen bleiben sie hingegen ganz cool, verziehen keine Miene, gehen ohne Aufsehen schnell zum Schularzt und nehmen ihren Unterricht danach wieder auf. Nathalie Rebetez hat festgestellt, dass das Interesse an Leuten aus den Ausland bei Jung und Alt groß ist und die koreanischen Menschen dementsprechend sehr offen, freundlich und hilfsbereit reagieren.

Ebenso wird stark auf Europa geschielt, was an Kultur, Modeströmen und Tendenzen vom Westen kommt. So erstaunt es zum Beispiel nicht, dass das Kursangebot „Kochen italienischer und französischer Menues" sofort ausgebucht war und einige Kinder auf das zweite Semester vertröstet werden mussten. „Interessanterweise holen jedesmal mehr Mütter ihr Kind direkt in der Küche ab (anstatt auf dem Schulhof zu warten!), weil sie vielleicht hoffen, das eine oder andere Häppchen noch probieren zu können. Auf alle Fälle werden die mitgebrachten Plastikbehälter, die dem Heimtransport der gekochten Speisen dienen, von Mal zu Mal größer" lacht Frau Rebetez, deren Freude sichtlich groß ist, dass sie diese tollen Erfahrungen machen kann, in einem derart fremden Gastland am einheimischen Schulalltag teilzuhaben.

Jan Schatzmann, Klasse 9, Deutsche Schule Seoul

Zeus-Reporter

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