Schüler klären Tod einer jüdischen Familie
16.11.2011 | 16:57 Uhr 2011-11-16T16:57:53+0100
Bochum-Wattenscheid. Die gebürtige Wattenscheiderin Elfriede Kaufmann (86 Jahre), die heute Friedel Magun heißt, lebte 66 Jahre in der Ungewissheit: Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder wurden während des Dritten Reichs ermordet. Aber wie und wann sind sie gestorben? Die Klasse 8c der Maria Sybilla Merian-Gesamtschule recherchierte und nahm Kontakt mit der heute in Mexiko-City lebenden 86-Jährigen auf.
Die gebürtige Wattenscheiderin Elfriede Kaufmann (86 Jahre), die heute Friedel Magun heißt, lebte 66 Jahre in der Ungewissheit: Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder wurden während des Dritten Reichs ermordet. Aber wie und wann sind sie gestorben? Die Klasse 8c der Maria Sybilla Merian-Gesamtschule recherchierte und nahm Kontakt mit der heute in Mexiko-City lebenden 86-Jährigen auf. Sie hatten eine Antwort für sie.
Die Schülerinnen und Schüler der 8c der Maria Sybilla Merian-Gesamtschule aus Bochum Wattenscheid konnten ihr nach all den Jahren endlich erklären, wo und wann die jüdische Familie ihr Leben im Holocaust verlor. Erst durch die Hilfe der Deutschen Botschaft in Mexiko konnten die Schüler Friedel Magun ausfindig machen und mit ihr via E-Mail in Kontakt treten.
Elfriede Kaufmann wird am 24. September 1924 als einzige Tochter der jüdischen Familie Kaufmann geboren. Mit ihrer Familie lebt sie bis zum 19. März 1934 in der Voedestraße 63 in Wattenscheid. Danach erfolgt ein Umzug nach Gelsenkirchen, weil ihrem Vater Albert Kaufmann ein Berufsverbot ausgesprochen wurde. Albert Kaufmann hofft, in der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen eine Beschäftigung zu finden. Bis zur Deportation ins Ghetto nach Riga am 27. Januar 1942 lebt die Familie in Gelsenkirchen.
Ehe rettet sie
Während sie in Riga die üblichen Arbeiten ableisten muss, wie zum Beispiel Schnee schaufeln, Eis hacken, arbeitet die Familie Kaufmann gemeinsam Ende 1943 in einem Torflager (Olaine) in Lettland. Im Ghetto in Riga lernt Elfriede David Magun, der aus Willna/Villna stammt, kennen, was ihr Leben verändert und vielleicht der Grund ist, warum sie selbst den Holocaust überlebt.
Elfriede Kaufmann und David Magun heiraten am 18. April 1943 im Ghetto in Riga. Durch die Überstellung in das KZ Kaiserwald wird Elfriede von ihrer Familie getrennt und bleibt an der Seite ihres Mannes. Ihre Eltern und ihr Bruder Gerd werden „aussortiert“ – wie sie selbst sagt – und von diesem Zeitpunkt an lebt Friedel Magun in Ungewissheit.
Jahrelang glaubt sie, dass ihr Vater Albert im KZ in Auschwitz getötet wurde. Über ihre Mutter und ihren Bruder denkt sie, dass beide in Stutthof starben. Als offizielles Todesdatum für Albert, Irma und Gerd Kaufmann wird im Bundesarchiv und in den Entschädigungsakten der 8. Mai 1945 angegeben.
Gefangenenarbeit und Todesmarsch
Erst im Juni 2011 schaffen die Recherchen der Klasse 8c für Friedel Magun die Gewissheit: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Albert Kaufmann am 28. Juli 1944 in KZ Kaiserwald durch einen Seuchenarzt Edouard Krebsbach während der so genannten „Krebsbachaktion“ mit weiteren 1000 Männern und Frauen, die überwiegend alt und schwach waren, hingerichtet wurde. Ihre Informationen hat die Klasse unter anderem von den Informationszentren der ehemaligen Konzentrationlager.
Irma Kaufmann kommt tatsächlich ins KZ Stutthof per Schiffstransport und musste dort als „Arbeitsklavin“ elektrische Geräte herstellen. Als das KZ von der Roten Armee am 9. April 1944 befreit wird, lebt Irma Kaufmann noch. Sie stirbt wenig später auf dem Weg in Richtung Westen in einem kleinen polnischen Ort namens Chinow an Typhus, wo sie auf einem Friedhof beigesetzt wird.
Gerd Kaufmann war mit seiner Mutter gemeinsam ins KZ Stutthof deportiert worden, kommt dann jedoch weiter ins Außenlager Dautmergen, das zum KZ Natzweiler gehört. Er leistet Arbeitsdienst in einem Ölschieferwerk zur Gewinnung des im Krieg dringend benötigten Öls. Von dort muss er am 17. April 1945 mit weiteren Gefangenen in Richtung Oberschwaben marschieren und muss auf diesem Todesmarsch verstorben sein. Denn er war am 22. April 1945 nicht unter den Befreiten.
Emigration nach Mexiko
Nach einem Aufenthalt in den KZ Kaiserwald und Stutthof überstellte man David und Friedel Magun am 3. November 1944 in das BZ Buchenwald-Außenkommando Magdeburg, dort arbeiten sie für eine Munditionsfirma. „Am 11. April 1945 gab man einen frühzeitigen Alarm in Magdeburg und da die SS den Kopf verlor, floh ich mit vielen anderen Häftlingen aus dem KZ und wartete in ausgebombten Häusern bis zum 18. April, als die amerikanische Armee Magdeburg einnahm“, beschreibt Friedel Magun ihre Befreiung.
Von Magdeburg fahren sie und ihr Mann nach Heidelberg, arbeiten dort für das Amerikanische Rote Kreuz. Am 28. August 1945 fahren sie nach Paris. Von dort aus emigrieren sie im Februar 1947 nach Mexiko.
Viele Jahre später kehrt Friedel Magun einmal nach Wattenscheid und Gelsenkirchen zurück und triff t sich in Deutschland mit ihrem älteren Bruder Günther Hugo Kaufmann, der bereits im Alter von 16 Jahren nach Israel ausgewandert war und heute verstorben ist.
Stolpersteine in Wattenscheid
1990 beschreibt Friedel Magun in einem Interview für die „Acociacion Yad Vashem de Mexico“ den Verlust ihrer Familie und ihre Ungewissheit. Friedel Magun selbst ist heute Mutter von zwei Söhnen und hat insgesamt sieben Enkel.
Sie war überrascht und froh, dass die Klasse 8c ihr nach 66 Jahren endlich mitteilen konnte, was aus ihren Eltern und ihrem Bruder geworden ist. Heute erinnern die neu verlegten Stolpersteine für Albert, Irma und Gerd Kaufmann in der Voedestraße 63 in Wattenscheid an die jüdische Familie, die ihr Leben im Holocaust verlor.
Ann-Sofie Kabuth und Anna Maria Kastner, Klasse 9b, Maria-Sibylla-Merian-Schule, Bochum-Wattenscheid

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