Das Geheimnis vom Block O im VfL-Stadion
19.11.2010 | 11:58 Uhr 2010-11-19T11:58:00+0100
Bochum.Zeus-Reporter Fabian fühlt sich in der VfL-Fankurve zu Hause. Er versucht zu ergründen, was diesen Ort ausmacht - und ist dabei ebenso emotional ergriffen wie selbstkritisch.
Langsam schiebt sich mein Körper durch die Reihen von Menschen, kurz rempelt er links, tippt rechts an, um sich dann zwischen zwei Leuten vorbei zu schieben. Meine Gedanken haben abgeschaltet, ich brauche sie nicht, es ist mittlerweile Instinkt, der mich leitet. Jener Platz, dem meine Beine nun entgegensteuern, er zieht mich an, seine Aura ist unausweichlich. Langsam komme ich ihm näher, es ist wie ein Wind, der mich dort hinweht durch all die Massen von Menschen. Noch zweimal drängeln, dann bleibe ich stehen, genau dort vorne, dort gehöre ich hin.
Ich weiß nicht, was mir den Weg zeigt, was mich führt, ich weiß noch nicht einmal, was diesen Ort ausmacht, was diesen Platz zu meinem macht. Ist es die verbrauchte Luft, die in Zigarettenrauch gehüllt ist und hier gefangen zu sein scheint? Ist es der Geruch, den manche vielleicht als streng bezeichnen würden, ein Gemisch aus Zigaretten, Alkohol und Schweiß, nein, angenehm ist er nicht, doch er gehört hier hin, hier ist sein Platz, genau wie meiner. Oder ist es jenes Gefühl, das mich überkommt, jene Wärme im Bauch und jene Anspannung zugleich; ist es jene Vorfreude auf das gemeinsame Erlebnis, das mich immer wieder hierhin zieht?
Das leuchtende Grün
Meine Beine stoppen, ich bleibe stehen, mustere meine Umgebung. Es ist voll, hier ist es immer voll, hier stehen nur besondere Fans. Fragend schaue ich in die mir bekannten Gesichter, sie alle kenne ich, sie alle haben ebenfalls ihren Platz gefunden und sind somit längst Bestandteil meines Platzes geworden. Einige nicken mir zu, ich nicke zurück, wissend der Rituale an diesem Platz. Oder sind es die Leute, die hier um mich herum stehen, die diesen Ort so einzigartig machen? Fragen sausen mir durch den Kopf, Fragen, die die Selbstverständlichkeit eines Samstages an diesem Ort hinterfragen, Fragen, die mir auch das Gefühl jenes Platzes nehmen können. Sind kritische Fragen an diesem Ort überhaupt erlaubt?
Appellieren sie nicht an das Gewissen und lassen so jenes seltene unerklärbare Gefühl verschwinden? Ich beherrsche mich, verbiete mir weitere Gedanken. Der Blick aufs Spielfeld ist wunderschön, das leuchtende Grün gespickt mit Spielern, nein Helden, und alles umhüllt vom hellen Licht der Scheinwerfer, das dem Spielfeld erst seine Magie verleiht. Jener Anblick ist Teil dieses Ortes und Antrieb jeden Samstag hierhin zu kommen. Wieder kommen Fragen auf, sie lassen mich nicht los, durchqueren meinen Kopf und lähmen so jeden weiteren Denkprozess.
Ich kann mich ihnen nicht entziehen, nicht heute, nicht an jenem Ort. Wie sähe eine leere Tribüne aus, was wäre, wenn hier unten, Ostkurve, Block O, unten links, direkt hinterm Tor, wenn hier niemand stehen würde? Ich bin mir sicher, es sind die Menschen, die diesen formal unbedeutenden, mit irgendeinem Buchstaben versehenen Block zu dem Block O machen, der meine Heimat geworden ist.
Heißt Gruppenbildung Ausstoßung?
Endlich, es beginnt, auch ich beginne mitzusingen, jetzt habe ich keine Wahl mehr. Die Stimmen neben mir reißen mich mit, lassen auch meine erklingen. Ich werde lauter, immer lauter, tief im Glauben an die Wirkung meiner Stimme. Doch auf einmal werde ich ruhig, erneut schießen mir Fragen durch den Kopf. Wer sind diese Leute, die mich zum Singen bewegen, wer sind diese Leute, die ich meine Bochumer Freunde nenne? Ich mustere die Gesichter der umstehenden Leute, nein, im Alltag wären mir diese Leute suspekt. Manipuliert mich jenes mich treibende Gefühl nicht auch in meinem Empfinden über Menschen? Und wenn es das tut, wäre dieses überhaupt negativ?
Ist nicht gerade jenes Menschenzusammentreffen das Besondere in dieser Kurve? Hier stehen sie alle zusammen, Arme, Reiche, Ausländer, Deutsche, all jene, die sich in unserer Gesellschaft nicht vertragen wollen stehen hier eng zusammen, weil sie sich einem bestimmten Ziel, einem Verein verschrieben haben. Oder stehen sie nicht auch gerade deswegen zusammen, weil sie dort drüben einen gemeinsamen Feind gefunden haben? Heißt Gruppenbildung nicht auch gleichzeitig Ausstoßung anderer? Werden nicht hier bloß dieselben Fehler wiederholt wie in unserer Gesellschaft, mit dem Unterschied, dass jeder dazugehören kann, so lange er sich unterwirft, den Helden, aber auch der Gruppe? Jeder kann dazugehören aber was ist mit Schwulen? Ein Outing in der Kurve,? Nein, meine Gedanken lassen diese Vorstellung nicht zu.
Erinnerungen erwachen
Blicke meiner Kollegen holen mich aus meiner Gedankenwelt, Blicke, deren klare Botschaft unverkennbar ist. Mein Mund blieb geschlossen, während die Kehlen anderer arbeiten, hier in Block O geht so etwas nicht, ich bin mir meiner Schuld bewusst und lege mich wieder in die Hitze und Atmosphäre und singe mit. Gründet sich nicht mein Wohlbefinden hier in Block O wieder bloß auf Elitebildung? Meine Fragen lassen mich nicht los.
Auf einmal überkommt mich ein schlechtes Gefühl, das warme Gefühl in meinem Magen weicht leichter Übelkeit, die Fragen müssen ein Ende finden, sie gehören hier nicht hin. Ich atme tief ein, ich spüre wie der Rauch der Zigarette auch meinen Atem durchkämmt. Jeder Atemzug, jedes Inhalieren der verbrauchten Luft weckt Erinnerungen in mir, Erinnerungen an Tore und Siege, aber auch Erinnerungen an Niederlagen. Mein Gefühl rebelliert, was sollen diese Fragen? Wir können auch gemeinsam verlieren, wir stehen auch bei einer Niederlage zusammen, wir sind besser als unsere Gesellschaft! Doch die Lächerlichkeit meines Einwandes treibt mir erneut jene Fragen in den Kopf. Sie würden gewinnen heute, ich spüre es.
Kommerzialisierung des Fußballs
Wir waren aufgebrochen eine neue Gemeinschaft zu werden, die sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs wendet, konnte dieses nicht bloß durch die Bildung einer solchen Gruppe wie hier gelingen? Doch wie erfolgreich waren wir eigentlich in unserem Bestreben, war dieses nicht längst in den Hintergrund gerückt? Gaben wir nicht längst jene Choreografien zum Besten, nach denen die TV-Bilder der Sender lechzten? Waren wir durch unseren Grundsatz bedingungsloser Unterstützung dem Verein und seiner Vermarktung nicht ausgesetzt? Wären Aktionen gegen die letzte Ticketpreiserhöhung nicht eine Pflicht gewesen?
Doch mehr als Banner und Plakate brachte unser Block nicht zu Stande. Wir kamen immer, egal, was der Verein gerade getan hatte. Machte dieses uns nicht wertlos, zu einer tauben und blinden Masse? Wie ließ sich diese Masse überhaupt kontrollieren? Wir waren unserer Sucht nach diesem Gefühl ausgeliefert, wir würden immer kommen, jetzt war ich mir dieser Antwort sicher.
Das Gewissen hat gesiegt
Der Block beginnt zu beben, Pfiffe gellen über das Haupt des Schiedsrichters hinweg, ich pfeife auch. Natürlich pfeife ich. Der Vorsänger mit dem Megafon krächzt ein paar Zeilen und auch ich steig automatisch ein,singe mit. Kurz versuche ich mich dem zu entziehen, ich kann nicht, auch dem Mithüpfen kann ich mich nicht entziehen, ich versuche zu stehen, doch es gelingt nicht, meine Beine fühlen sich nach oben gezogen und im Sog der Masse springen auch sie. Da ist es wieder, jenes warme Gefühl, für einen Moment bin ich froh es noch nicht verloren zu haben.
Doch meine Gedanken sind längst wieder zum Leben erweckt worden, längst hat mein Gewissen gesiegt und ein Gefühl, gar der Abstoßung überkommt mich. Auch der Vorsänger erscheint mir komisch, auf einmal, in diesem Moment. Alle hier liefern sich ihm aus, was wäre, würde dieser rassistische Parolen über sein Megafon durch den Block brüllen, wir würden sie nachsingen, ich bin mir sicher. Ich gehe einen Schritt hoch, verlasse den Platz, an dem ich eben noch stand, vielleicht ist es hier besser.
Wehmut beim Anblick des hüpfenden Blocks
Noch einmal betrachte ich all die Menschen hier, noch einmal versuche ich ihre Motive zu erkennen, die sie immer wieder an diesen Ort treiben. Wieder kreisen meine Gedanken um jenes besondere Gemeinschaftsgefühl, das sie hier suchen und finden. Ein Gemeinschaftsgefühl, das in unserer Gesellschaft verloren gegangen ist und dessen Ersatz sich hier findet und Menschen ihre Sorgen vergessen lässt. Nebenbei, allerdings, erzieht es sie zu hörigen Menschen, die sich nur noch in der Unterwerfung wiederfinden und dort glücklich sind.
Meine Beine werden unruhig, wieder wollen sie springen, doch ich gehe rückwärts, die Stufen hoch, der Gang ist beschwerlich, anstrengend. Am Ausgang drehe ich mich um, heute würde ich gehen, ja, heute. Ein wenig Wehmut überkommt mich beim Anblick des hüpfenden Blockes O. Doch trotz all den Gedanken heute, all den Fragen und auch all der Bestätigung weiß ich ganz genau, in zwei Wochen, werde ich wiederkommen. Ich werde meinen Lieblingsplatz finden, so wie immer und werde mitsingen und ja, ich werde auch mithüpfen, ich kann nicht anders.
Fabian Grieger, Klasse 9b, Neues Gymnasium Bochum

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