Soziales

Wie es ist, mit einem autistischen Bruder aufzuwachsen

16.12.2011 | 15:48 Uhr
Wie es ist, mit einem autistischen Bruder aufzuwachsen
Für „normale Kinder“ ist es ganz natürlich, dass sie Gestik und Mimik verstehen. Autisten fällt es schwer. Foto: Mathias Schumacher

Arnsberg.   Sandras Bruder Matthias ist Autist. Während es bei anderen Kindern normal ist, Kindergarten und Schule zu besuchen, Kontakte zu knüpfen und sich umarmen zu lassen, fällt Matthias all das schwer. Zeus-Reporterin Félicité hat ihre Freundin Sandra gefragt, wie es ist, mit Matthias aufzuwachsen.

Häufig wird Autismus als geistige Behinderung angesehen – eine zu einfache Definition. Ärzte begreifen Autismus als Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörung. Dabei sind die Symptome und Ausprägungen individuell sehr unterschiedlich. Sie können von leichten Verhaltensproblemen wie Schüchternheit bis zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen im Kontakt zu anderen Menschen reichen. Autisten haben Schwierigkeiten, Mimik und Gestik zu verstehen und selbst einzusetzen. Dafür verfügen viele Autisten über eine so genannte Inselbegabung: beispielsweise außergewöhnliche Fähigkeiten im Rechnen, in der Musik, oder eine beachtliche Merkfähigkeit.

Der Bruder meiner Freundin Sandra ist autistisch. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie es ist, mit ihm aufzuwachsen.

Wie sind deine Eltern darauf aufmerksam geworden, dass dein Bruder Matthias Autist ist?

Erst als Matthias zwei oder drei Jahre alt wurde, haben meine Eltern gemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmte, da er noch nichts anderes sagen konnte als „Mama“, „Papa“ und „Sandra“. Auch das Laufen fiel ihm schwer, während ich mit einem Jahr schon super laufen konnte. Dann sind meine Eltern beim Arzt gewesen und wollten wissen, was mit ihm nicht stimmte. Dann sagte der Arzt, dass Matthias Autist ist.

Welchen Eindruck hattest du? Wie erlebte dein Bruder seine Kindheit und Jugend?

Der Arzt sagte, Matthias müsse für ein paar Wochen zu einer Untersuchung in eine Klinik. Nur am Wochenende durfte er nach Hause. Da merkte ich natürlich, dass mein Bruder kaum da war und fragte meine Eltern, warum er weg sei. Sie erzählten mir, was Autismus überhaupt ist. Die Kindheit und Jugend in einer Klinik zu verbringen, ist selbst für einen Erwachsenen nicht schön. Wie monoton muss es dann erst für ein Kind oder einen Teenager sein. Anfangs war er in der Klinik, dann fuhren wir jede Woche zu einer Therapeutin nach Dortmund. Und es kamen auch immer Pfleger von „Mobi doc“.

Wie zeigte sich das Anders-sein bei Matthias?

Er ging nach der Klinik in einen Kindergarten. Allerdings war es einer für Behinderte. Während der Kindergartenzeit war er sehr aggressiv und wild. Beispielsweise warf er in den Supermärkten Regale um und schrie los. Als er zur Schule ging, wurde er im Laufe der Zeit immer ruhiger und ruhiger. Seit unserer Teenagerzeit merkte er, dass er anders ist, weil er sah, wie ich in dem Alter andere Sachen machte, wie beispielsweise auf Partys gehen. In dieser Zeit hockte er zu Hause und immer wenn Freunde zu mir kamen, wollte er Aufmerksamkeit erregen, indem er viel mit meinen Freunden kommunizierte. Er versuchte immer, dazuzugehören. Aber es gab auch in der Nachbarschaft Kinder, die ihm mit Brennesseln weh taten, sodass er sehr traurig und gekränkt war. Ansonsten verbrachte er die Zeit nach der Schule immer zu Hause und spielte viel mit mir und Mama, saß am Computer oder puzzelte. Als Matthias wegen seines Autismus von den anderen Kindern gehänselt und geärgert wurde, merkte ich, dass er anders war. Ich fühlte mich immer wie eine Beschützerin und half ihm in solchen Situationen.

Beim letzten Besuch bei euch bekam ich mit, dass Matthias auswendig gelernte Werbespots aus dem Fernsehen aufsagte ...

„Ja, er kennt viele Werbespots auswendig, sogar ältere. Matthias ist überaus ordentlich und kann sich Sachen gut merken. Auch erzählt er heute manchmal noch, was wir beide früher erlebt haben – nur eben nicht in vollen Sätzen. In Matthias Zimmer stehen jede Menge Kuscheltiere und Spielzeugautos. Er kann es nicht haben, wenn sie anders stehen. Für ihn hat jede Figur ihren Platz. Mein Bruder rastet aber nicht aus, wenn bei ihm im Zimmer etwas verstellt ist, so wie andere Autisten. Er räumt einfach alles wieder zurück.

Félicité Zamblé, Klasse 11a, Berufskolleg Berliner Platz Abteilung Technik, Arnsberg

Zeus-Reporterin

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