"Keine Angst vor Fehlern"
21.10.2010 | 17:23 Uhr 2010-10-21T17:23:00+0200Eigentlich ist es ganz neu. Auf der anderen Seite aber dann doch wieder nicht, zumindest nicht so ganz.
Kooperatives Lernen bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler sich zuerst alleine einem Problem zuwenden, sich dann zusammenschließen und sich gegenseitig bei der Lösung helfen und gemeinsam Ideen entwickeln, um sie dann vorzutragen.
Die Gruppenarbeit von früher ist heute auf den modernen Stand gebracht, heißt Kooperatives Lernen und gilt an Schulen weltweit als Erfolgsrezept.
Dr. Michael Fink ist einer der Verfechter des Kooperativen Lernens. "Wir haben bei uns sehr gute Erfahrungen mit dem Kooperativen Lernen gemacht", sagt der Schulleiter der Gesamtschule in Hagen-Haspe. Vorab: Komplett hat die Schule den Frontalunterricht nicht abgelöst. Aber fast alle Lehrerinnen und Lehrer haben die neuen Methoden in ihr Unterrichtsrepertoire aufgenommen und praktizieren es mehrmals in der Woche.
Mit rund 1280 Schülerinnen und Schülern sowie knapp 100 Lehrerinnen und Lehrern zählt die Gesamtschule Hagen-Haspe zu den größeren Einrichtungen im Land. Wie an anderen Gesamtschulen müssen sich die Pädagogen natürlich auf Schüler aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und unterschiedlichen Lernvoraussetzungen einstellen. Dabei behalten sie ihr Ziel, die Lernkompetenz der Schüler weiterzuentwickeln, im Auge.
"In der Mathematik kommen beispielsweise Textaufgaben nur selten wirklich gut an. Und die Texte in der Physik sind auch nicht immer leicht zu verstehen", sagt der Fachlehrer für Mathematik und Physik. Denn Experimente funktionieren natürlich erst, wenn die Texte verstanden, die Arbeitsschritte verinnerlicht sind. "Meine Erfahrung zeigt, dass beispielsweise das paarweise Lesen hier von enormem Vorteil ist." Im Austausch über einen Text kommen die Schüler dem Textverständnis näher und bereiten sich intensiv auf die Präsentation der Aufgabe vor. "Die Schüler können das Thema genau einordnen und dann auch tatsächlich den anderen vermitteln."
"Fehler sind Freunde"
Ein weiterer entscheidender Punkt: "Fehler sind unsere Freunde: Viele Schüler haben mehr Angst, Fehler vor der Klasse einzugestehen. Stattdessen stellen sie ihre Fragen exakt und sagen genau, an welcher Herausforderung sie wie und warum gescheitert sind." Da könne man als Lehrer einsteigen, um allen Schülern die Schwierigkeiten darzustellen und zusammen mit ihnen eine Lösung aufzuzeigen.
Bekannt gemacht hat das Kooperative Lernen der Kanadier Norm Green, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Kathy zahlreiche Workshops und Seminare auch in Nordrhein-Westfalen angeboten hat.
Besser verstehen
Das Kooperative Lernen beruht dabei klar auf dem Wunsch, die Selbstständigkeit der Schüler zu stärken und zu fördern. "Eine Erfahrung aus der Gehirnforschung ist es, dass Mädchen und Jungen besser verstehen, wenn sie etwas selbst erarbeitet haben. Lehrer, die Kooperatives Lernen anbieten, punkten bei den Schülern, denn das Gehirn lernt lieber, wenn es selbstständig bestimmen darf. Und der kleine Druck des Vortragens der Ergebnisse ist nützlich für das Gehirn", so Dr. Fink.
Das Konzept des Kooperativen Lernens kommt inzwischen an zahlreichen Schulen in Deutschland richtig gut an. Dabei liegt die Gesamtschule Hagen-Haspe ganz vorne, da Schulleiter Dr. Fink schon seit 1999 Kontakt mit Norm Green hält. Die Trainer der Gesamtschule Hagen-Haspe – Lehrer, die eine spezielle Zusatzausbildung bei Norm und Kathy Green absolviert haben – sind gefragt, können aber nicht mehr alle Wünsche nach Seminaren in anderen deutschen Schulen erfüllen. Dabei sind es alle Schulformen, die ihr Interesse an dem Kooperativen Lernen zeigen, auch Gymnasien, Realschulen oder Hauptschulen zeigen sich offen für das Konzept. "Und die Schüler mögen das Kooperative Lernen, weil sie damit umgehen können, weil sie es verstehen. Die Stimmung im Unterricht ist gut", so Dr. Fink. Ob bei schwierigen Aufgaben der Integralrechnung oder leichteren Herausforderungen – das gegenseitige Hinterfragen und Erklären bringe die Vorteile klar ans Tageslicht.
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