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Thema: Russlanddeutsche

Zwischen Isolation und Integration

12.11.2008 | 18:12 Uhr

Duisburg. Hochhäuser prägen das Bild. Ob sieben- oder vierzehnstöckig: Sie wirken grau und trist, wenig einladend. Etwa 1000 Russlanddeutsche leben hier in der Duisburger Wohnsiedlung Hagenshof, bei den Neuankömmlingen oft besser als „Massa” bekannt.

Themenüberblick
Spezial: FH-Projekt zum Thema Russlanddeutsche

Jedes Jahr findet am Institut für Journalismus und Public Relations der Fachhochschule Gelsenkirchen eine Projektwoche statt - in diesem Wintersemester zum Thema "Russlanddeutsche". Hier finden Sie eine Übersicht über alle Themen:

Die Probleme und Hoffnungen von Russlanddeutschen

>> Journalismus-Studentin Christiane Dase sprach mit Teammitglied Markus Böhm über die Erfahrungen, die er in der Projektwoche sammelte

Liebe kennt keine Kulturkreise

>> Ein ganz normales Pärchen? Dirk kam in Deutschland zur Welt, Elina ist in Russland geboren. Erst seit fünf Jahren lebt sie in der Bundesrepublik. Doch auch unterschiedliche Lebenserfahrungen, Sprachbarrieren und anfängliche Skepsis konnten ihre Zuneigung zueinander nicht aufhalten.

Die Rechte umwirbt russlanddeutsche Wähler

>> „Deutschland den Deutschen!“ – ob diese NPD-Parole auch auf Russisch funktioniert? Denn angeblich werben die Neonazis massiv um Wähler bei den russlanddeutschen Spätaussiedlern.

Zwischen Isolation und Integration

>> Hochhäuser prägen das Bild. Ob sieben- oder vierzehnstöckig: Sie wirken grau und trist, wenig einladend. Etwa 1000 Russlanddeutsche leben hier in der Duisburger Wohnsiedlung Hagenshof, bei den Neuankömmlingen oft besser als „Massa” bekannt.

Nur das Beste für den Nachwuchs

>> Egal, aus welchem Land sie kommen, was sie glauben oder denken, in einem sind sich alle Eltern einig: Ihren Kindern soll es gut gehen.

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Die Spätaussiedler kamen mit dem Wunsch auf eine bessere Zukunft und sehen sich nun mit Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit konfrontiert. Hagenshof ist ein Beispiel für viele Siedlungen, in denen Russlanddeutsche wohnen.

Die Volksmusik, die vom untersten Balkon des achtstöckigen Hochhauses tönt, ist nicht traurig. Sie ist lebhaft, regt zum Tanzen an. „Russen feiern gern - am liebsten unter sich”, sagt Georgij Bogdan (45). Er weiß, wovon er spricht, denn auch er wurde in Russland geboren. Seit acht Jahren arbeitet er als Hausmeister im Bürgerhaus, einem der wenigen Treffpunkte im Duisburger Wohnviertel Hagenshof. Der tätowierte Muskelmann kennt die Russlanddeutschen hier, die gut integrierten, aber auch die, die mit dem Leben in Deutschland Probleme haben. „Viele sind frustriert”, erzählt Bogdan, „Die kommen als Jugendliche mit großen Erwartungen, aber verstehen kein Wort Deutsch. Wer dann nur unter Landsleuten bleibt, hat keine Chance, wieder wegzugehen.”

Vielleicht spricht Bogdan von dem 16-jährigen Phillip. Auf der Straße ist wenig los an diesem Dienstagabend. Regen und Fußball: Sankt Petersburg spielt in der Champions League. Phillip steht mit Freunden an einer Bushaltestelle. Eine Wodkaflasche macht die Runde. „Wir schlafen tagsüber”, sagt Phillip mit russischem Akzent. „Da haben wir eh nichts zu tun.” Wie zahlreiche Aussiedler sind seine Eltern arbeitslos. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater hat studiert, scheiterte aber an der Diplomarbeit. „Keine Vorbilder”, findet Phillip und trinkt einen Schluck.

„Drogen und Gewalt, damit habe ich nichts zu tun. Alles Vorurteile!”, beteuert Andre (20) - noch bevor man ihn auf diese Themen angesprochen hat. An diesem Abend pokert er mit seinen Kumpels im Bürgerhaus. Andre ist einer von den Russlanddeutschen, die ein Mitarbeiter des Bürgerhauses „die Geretteten” nennt. Sie haben Jobs wie Kranführer oder Möbelpacker, einer macht Zivildienst. Und sie sind drogenfrei. Während auf den Straßen vor allem Russisch gesprochen wird, werden die Pokereinsätze im Bürgerhaus auch mal auf Deutsch angesagt. „Wir sind international”, lacht Andre.

Die Russlanddeutschen verbindet die Suche nach Identität. „In Deutschland sind wir Russen und in Russland waren wir Deutsche”, klagt die junge Mutter Maria (23). Sie glaubt nicht, dass „wir Russen” jemals als Deutsche akzeptiert werden: „Mein Kind ist zwei Jahre alt. Es ist hier geboren - aber es wird für euch immer ein Russe sein.” Maria erzieht zweisprachig, Deutsch findet sie wichtiger: „Sonst hat mein Kind keine Zukunftschance.” In anderen Familien wird ausschließlich Russisch gesprochen. Etwa bei Albert (8) und Arthur (4), die auf dem Spielgerüst vor ihrem Hochhaus klettern: „Wir sprechen zuhause Russisch, weil ich so schlecht Deutsch kann”, sagt die Mutter.

Die Spätaussiedler haben sich in Duisburg Teile der Kultur ihrer Herkunftsländer bewahrt: Es gibt Russendiscos, ein Kino mit russischen Filmen, Bibliotheken mit osteuropäischer Literatur. Der Edeka-Markt ist einem Supermarkt mit russischen Spezialitäten wie Kürbispüree und gesalzenem Fisch gewichen. Die Mülltrennung wird vor Hochhäusern auf Kyrillisch erklärt.

In Graffitis rund um den Marktplatz ist immer wieder das Wort „Macca” zu lesen. Für ältere Russlanddeutsche ist das der eigentliche Name von Hagenshof. Er ist die russische Variante von „Massa”, einem Supermarkt im Viertel, der heute „Real” heißt. „Viele Russen wussten nicht, wo genau ihre Verwandten in Deutschland leben”, erklärt Stadtteilmanager Horst Salmagne. „Die hatten nur vom Einkaufszentrum gehört: Bei der Einreise sagten sie: Wir wollen nach Massa.” Dort sind sie nun: Nicht alle in der deutschen Gesellschaft, aber zumindest da, wo einst Massa war.

Info: Die Duisburger Wohnsiedlung Hagenshof

  • wurde 1969 erbaut und liegt im Stadtteil Obermeiderich
  • bietet circa 2 600 Menschen Unterkunft; etwa 1000 davon sind Russlanddeutsche
  • erlebte zwei große Immigrationswellen: Anfang der 1990er Jahre kamen viele polnische Aussiedler, die sich schnell integrierten. Seit Anfang dieses Jahrzehnts zogen vor allem Russlanddeutsche in den Hagenshof
  • besteht aus sieben- bis 14-stöckigen Hochhäusern, die in Hufeisen-Form zusammen stehen
  • bietet als Treffpunkte für Jugendliche das Bürgerhaus, den Marktplatz und einen Kiosk,
  • verzeichnet nur bei so genannter Straßenkriminalität, z.B. Taschendiebstahl und Autoaufbrüche, eine überdurchschnittliche Kriminalitätsrate.

Verena Koordt, Markus Böhm und Vanessa Biermann



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