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WR-Klartext mit Reinhard Rauball und Peter Peters in Dortmund

30.06.2011 | 20:58 Uhr
WR-Klartext mit Reinhard Rauball und Peter Peters in Dortmund
Zur zweiten WR-Klartext-Runde kamen Fußball-Experten ins Porschezentrum am Dortmunder Flughafen. Fotos: Franz Luthe

Dortmund.Der Fußball als Milliardengeschäft: „Klartext“ redeten dazu bei der gleichnamigen Veranstaltung der Westfälischen Rundschau und Unternehmensgruppe Hülpert Fußball-Experten bei einer Diskussionsrunde im Porschezentrum am Flughafen Dortmund. Dort debattierten die WR-Chefredakteure Malte Hinz und Frank Fligge u.a. mit Dr. Reinhard Rauball (BVB- und DFL-Präsident), Peter Peters (Schalke-Vorstand und DFL-Vizepräsident), Ex-Profi Thomas Kroth (heute Spielerberater von Manuel Neuer, Shinji Kagawa und anderen) sowie weiteren Experten.

Die einen, die Engländer, Spanier und Italiener, räumen Europas Trophäen ab – und machen dafür unverhohlen Schulden. Es sind gekaufte Titel, Meriten auf Pump. Die anderen, die Deutschen, wirtschaften im Vergleich – und wenn man ehrlich ist, auch nur im Mittel – seriös. Und dafür schauen sie nur zu, wenn am Ende einer Saison die schweren Silberpötte in den Himmel gestemmt werden. Ist das fair? Oder ist das vielleicht gar nicht schlimm?

„Nein!“, sagt Liga-Präsident Dr. Reinhard Rauball, es sei unter diesen Voraussetzungen hinzunehmen, dass sich die deutschen Klubs in Europa oftmals schwerer tun. Wann immer er die Wahl hat, wird er sich für das konventionelle, „manche mögen sagen: antiquierte“ Geschäftsmodell entscheiden. „Die Bundesliga ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Damit“, sagt Rauball, „haben wir in der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa immerhin eine Liga hinter uns gelassen, die vor 20 Jahren für Fußballer noch das Paradies auf Erden war und die jetzt nichts mehr hat: keine Infrastruktur, kein Nachwuchskonzept, Stadien in einem wirklich erbärmlichen Zustand.“ In Italiens Serie A ist das so.

In der deutschen Bundesliga sind die Stadien schön, modern und sicher; 25 Millionen Euro zahlen die Klubs dafür pro Saison für Sicherheitsmaßnahmen. Nachwuchs-Leistungszentren sind Voraussetzung für den Erhalt der Lizenz; 90 Millionen Euro investieren die Bundesligisten hier jährlich. Aber, zur Wahrheit gehört auch dies: Nur sieben von 18 Erstligisten (und nur sechs Zweitligisten) haben im abgelaufenen Geschäftsjahr Gewinn gemacht. Heißt im Umkehrschluss: Elf plus zwölf Bundesligisten haben Verluste eingefahren, wobei in Liga eins 90 Prozent der Verluste allein von drei Vereinen stammen. Der Gesamtverlust von Bundesliga und Zweiter Liga beläuft sich auf 103 Millionen Euro. Dabei wurde erstmals die Schallmauer von zwei Milliarden Euro Umsatz durchbrochen. „Wir müssen aufpassen, dass die Aufwendungen nicht zu hoch werden“, benennt Rauball einen Geldfresser. Der Personaletat aller 18 Erstligisten lag im Schnitt erstmals über 40 Millionen Euro.

Milliardengeschäft Fußball

Und trotzdem „steht die Bundesliga wirtschaftlich auf einem sauberen Fundament“, sagt Rauball. Deutlich wird das im Vergleich: In Spanien sind 21 Profiklubs aus der ersten und zweiten Liga direkt von der Pleite bedroht. Zum Beispiel der FC Malaga. Der spart aber nicht etwa, sondern gibt für Martin Demichelis (im Winter), Ruud van Nistelrooy und Joris Mathijsen (im Sommer) Millionen aus. Auf Pump, finanziert von Abdulla Bin Nasser Al Thani, einem Scheich aus Katar...

Allein die Verbindlichkeiten von Real Madrid und des FC Barcelona belaufen sich auf eine Milliarde Euro; die Königlichen gibt es überhaupt nur noch, weil die Stadt Madrid vor Jahren das Trainingsgelände für 650 Millionen Euro gekauft hat und es dem Klub seitdem kostenfrei zur Verfügung stellt.

Video
Am Mittwoch fand im Porschezentrum am Dortmunder Flughafen die zweite "Klartext"-Veranstaltung der Westfälischen Rundschau und der Hülpert-Gruppe statt. Eine nicht-öffentliche Expertenrunde, die im Rahmen eines Abendessens über das "Milliardengeschäft Fußball" diskutiere.

Geschäftsmodelle auf Basis anderer Voraussetzungen.

Stichwort Fernsehgelder

412 Millionen Euro kassiert die Bundesliga für ihre zentral vermarkteten TV-Rechte. „Sie ist noch immer ein Schnäppchen“, sagt Dr. Dieter Frey, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. „Selbst die Italiener kratzen an der Milliardenmarke“, die die Engländer in Einzelvermarktung längst geknackt haben. Zur Einordnung: In der Premier League erhält der Tabellenletzte auch auf Grund eines anderen Verteilerschlüssels nahezu doppelt so viel aus dem Fernsehtopf wie der deutsche Branchenprimus aus München.

„Wenn wir Stars wie Ronaldo oder Messi hätten, könnten wir auch eine Milliarde erlösen“, sagt Spielerberater Thomas Kroth. „Von wem denn?“, fragt Rauball zurück und erinnert an die Monopolstellung des einzigen Pay-TV-Senders Sky. „Die machen 900 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Wie sollen sie da allein eine Milliarde für Fußballrechte bezahlen?“ Eben, gar nicht.

Frey hat deshalb für 2013, wenn neu verhandelt wird, auch das Internet im Auge. „Da könnten Big Player einsteigen.“ Große, weltweit agierende Spieler wie Google. „Und was passiert dann mit dem einen Drittel der Menschen in diesem Land, das keinen Zugang zum Internet haben“, fragt Marcus Tepper, Sportkoordinator Hörfunk beim WDR. Dazu Rauball: „Der Markt wird zwischen Sportschau im Ersten und Internet entscheiden.“

Stichwort 50+1

In anderen Ländern, in anderen Ligen ist es Investoren möglich, ganze Vereine zu besitzen. Es handelt sich um arabische Scheichs, amerikanische Spekulanten oder russische Ölmagnaten. Sie nennen sich Klubbesitzer, Eigentümer oder Abramowitsch. Es ist ihr Geld, das sprudelt, das den Verein am Leben erhält – dafür dürfen sie bestimmen, dafür geben sie die Richtung vor, dafür haben sie das Sagen.

In Deutschland ist das nicht möglich, zumindest noch nicht. In Deutschland gibt es „50+1“. Eine Klausel, die es nicht erlaubt, dass Investoren mehr als 49 Prozent der Stimm-Anteile eines Vereins halten, die ausschließt, dass Investoren beispielsweise Geschäftsführer bestellen. Ein hohes Gut, wie Peter Peters, Vizepräsident des Ligaverbandes, findet. „Der Unterschied zwischen Porsche und Schalke ist, dass es dem Kunden völlig egal ist, wer gerade Unternehmer bei Porsche ist, solange nur alle vier Reifen aufgepumpt und die Felgen poliert sind, dass aber der Fan des FC Schalke eine Übernahmeschlacht nicht mitmachen würde.“ Rauball bekräftigt: „Die Fans wollen das nicht. Wir glauben, dass die Fans an unserer Seite stehen.“

Zum Beispiel am kommenden Montag, wenn es vor dem Schiedsgericht zur Verhandlung zwischen Ligaverband und Hannover 96 kommt, das genau diesen Passus „50+1“ aufbrechen will. „Ein Treppenwitz der Bundesliga“, sagt Rauball, „jetzt, da sie just in der abgelaufenen Saison nachgewiesen haben, dass es auch so geht.“ Hannover 96 ist Vierter geworden.

Stichwort Financial Fair Play

Zusätzlich zum nationalen Lizenzierungsverfahren des Ligaverbandes hat die Uefa nun ein international geltendes Verfahren beschlossen; das sogenannte Financial Fair Play. Es besagt: Vereine, die ab der Saison 2013/14 eine Lizenz für die Champions oder Europa League erhalten möchten, dürfen bereits ab der Saison 2011/12 nur noch ein Einnahmen-Ausgaben-Defizit in Höhe von fünf Millionen Euro pro Saison ausweisen. In der Regel. Es gibt allerdings schon jetzt Ausnahmen. Und dass dieses Instrument, das Schuldenbremse und Regulativ zugleich sein soll, irgendwann tatsächlich Vereine wie Real Madrid, FC Barcelona oder FC Chelsea vom Europapokal ausschließen würde, ist nicht wirklich vorstellbar.

Den Standpunkt des Ligaverbandes macht Peter Peters deutlich: „Wir können auch alle machen, was wir wollen. Nur würde es dann schon bald keinen mehr interessieren, wenn 16 Klubs pleite und die Sponsoren weggelaufen sind. Die Frage ist nicht, ob Fußball gespielt wird, sondern wie. Es ist eine Frage von Anstand und Nachhaltigkeit.“

Nils Hotze

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Kommentare
01.07.2011
16:42
WR-Klartext mit Reinhard Rauball und Peter Peters in Dortmund
von smith10 | #3

wenn schon der fc bayern anteile veräussern musste ist klar wie gefährlich es wäre ein 50 1 regel zu kippen.

01.07.2011
11:25
WR-Klartext mit Reinhard Rauball und Peter Peters in Dortmund
von ichsachmaso | #2

Lasst bloss die Scheichs, Ölaffen und Spekulanten aus den Vereinen raus. Das geht nur nach hinten los. Haltet die Vereine kaufmännisch auf der Habenseite, und bietet einfach nur guten Sport. Die deutsche Liga war dieses Jahr spannend, wer braucht da den internationalen Mogelzirkus.

01.07.2011
09:22
Nachhaltigkeit schlägt kurzfristigen Erfolg - WR-Klartext mit Rauball und Peters in Dortmund
von memax | #1

Den Anstand haben die Herren bei der Regionalligareform vergessen. Da ging es nur darum egoistisch die eigenen fianziellen Interessen durchzusetzen.

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