Wie läuft der Kampf gegen HIV?
15.11.2009 | 17:46 Uhr 2009-11-15T17:46:00+0100
Köln. Aids hat seinen Schrecken verloren – aber nur in den Köpfen der Menschen. Der HI-Virus droht, sich wieder stärker zu verbreiten, denn „in Westeuropa werden 80 Prozent der HIV-Infizierten zu spät therapiert”, warnte der Mediziner Jens Lundgren zum Abschluss der Aids-Konferenz in Köln.
Warum werden denn so viele Betroffene zu spät therapiert?
Ein Grund für die späte Therapie sei, dass die Betroffenen häufig nichts von ihrer Krankheit wüssten. Der Vorsitzende der Deutschen Aids-Gesellschaft, Jürgen Rockstroh, bestätigt: „Rund ein Drittel der Patienten in Deutschland und gut die Hälfte in ganz Europa bemerken ihre Infektion sehr spät.” Der Grund: Oft verläuft die Krankheit besonders am Anfang ohne Symptome. Ein Mensch ist infiziert, aber die Krankheit bricht nicht aus. Deshalb unterscheiden Experten auch zwischen „HIV-Infizierten” und „Aids-Kranken”. In der symptomlosen Phase werde das Virus auch oft weiter verbreitet, so Rockstroh.
Wie weit sind die Wissenschaftler denn bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Aids?
„Wir können Aids behandeln”, fasst Rockstroh die Entwicklung zusammen. Seit Jahren schon ist die Krankheit behandelbar, die Forscher arbeiten daran, sie immer wirksamer und verträglicher zu machen. Aids heilen kann man damit nicht. Auch ein Impfstoff scheint noch in weiter Ferne zu liegen; kürzliche Arbeiten von Wissenschaftlern aus Thailand gaben zwar erst Anlass zur Hoffnung; unter Experten gilt das Serum aber nicht viel mehr als ein umstrittenes Experiment, die Wirksamkeit ist nicht eindeutig belegt. Wer sich im Alter von 35 Jahren mit Aids infiziert, hat inzwischen gute Chancen, weitere 40 Jahre zu leben.
Nicht in allen Ländern melden sich Menschen schnell beim Arzt, wenn sie den Verdacht haben, an HIV erkrankt zu sein.
Nicht in allen Ländern melden sich Menschen schnell beim Arzt, wenn sie den Verdacht haben, an HIV erkrankt zu sein.
Eine regelrechte Homophobie herrsche in Ländern wie Polen und Russland, aber auch in Südeuropa. Viele Homosexuelle wüssten, dass sie gefährdet sind, ließen sich aber aus Angst vor der Diskriminierung nach einem positiven Ergebnis nicht testen, sagte der dänische Mediziner Jens Lundgren bei der Aids-Konferenz in Köln.
Seit 2001 steigt laut Informationen des Robert-Koch-Instituts die Zahl der HIV-Neudiagnosen bei Homosexuellen.
Die Immunschwächekrankheit wird vor allem bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr übertragen, doch auch infizierte Blutkonserven können die Krankheit übertragen. tim
Wann wird Aids heilbar sein?
Kein seriöser Wissenschaftler hat darauf eine Antwort. „Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, es ist noch sehr viel Forschung notwendig, aber das wird durchaus diskutiert”, lässt Rockstroh die Hoffnung nicht fahren. Auf dem Aids-Kongress wurden laut Rockstroh vor allem Verfahren diskutiert, die die Verträglichkeit der Medikamente erhöhen sollen.
Welche Probleme tauchen denn dabei auf?
HIV-Kranke, die seit Jahren Medikamente gegen das Virus nehmen, haben mit vielen unerwünschten Begleiterscheinung der Therapie zu kämpfen. Manche leiden an etwa an einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte, an Knochenschwäche (Osteoporose) oder gehäuften Knochenbrücken. Mitunter drohen sogar Veränderungen im Gehirn.
Breitet sich das Virus denn immer noch aus?
Ja, denn „die Menschen reden weniger über HIV, der Schrecken ist verloren gegangen mit der Behandelbarkeit”, diagnostiziert Rockstroh, es gebe „eine Müdigkeit, darüber zu diskutieren”. Mediziner Jens Lundgren kritisierte, dass jährlich rund 100 000 junge Menschen an Aids sterben würden, weil sie nicht früh genug behandelt würden. „Und das geschieht, ohne dass die Politik oder die Gesellschaft eine Diskussion darüber führen.” Doch die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland liegt mit rund 3000 pro Jahr relativ stabil.

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