Wer nicht schwänzt, kriegt einen Job
16.06.2008 | 18:47 Uhr 2008-06-16T18:47:52+0200Iserlohn. Die Stadt Iserlohn will eine Ausbildungsplatzgarantie für alle Hauptschüler der Stadt einführen. Ein "Quantensprung"? - wie der Arbeitstitel des Projektes lautet. Oder doch nur ein kleiner Hüpfer?
Die Parkhalle in Iserlohn. Viel größer geht es nicht in der Waldstadt. Genau richtig offenbar für die Veranstalter, um der Öffentlichkeit zu präsentieren, was seit vielen Monaten hinter verschlossenen Türen erdacht wurde. Runde Tische sind in der Halle aufgestellt, Kellnerinnen bringen kostenlos Cola, Limo und Fanta. Videoleinwände übertragen, was sich auf der Bühne abspielt. Obwohl das normalsichtige Menschen auch so ganz gut sehen können. Denn so groß ist die Iserlohner Parkhalle auch nicht.
Rechts vom Podium sitzen die geladenen Gäste. Firmenchefs, Verwaltungsspitzen - wer halt wichtig ist in der Stadt. Links sitzen Lehrer, einige wenige Eltern und knapp 100 der 275 Jugendlichen, die nach den Sommerferien die achten Klassen der fünf Iserlohner Hauptschulen bilden. Warum sie hier sitzen? Murrat druckst herum: "So ganz genau weiß ich das selbst nicht."
Kompetenztests sollen Stärken der Schüler zeigen
"Futura" weiß es. Aber sie sagt es nicht, sie deutet es nur an. "Futura" ist die dynamische junge Frau, die durch das Programm führt. Mit federnden Schritten und einem orangefarbenen, aufgespannten Schirm in der Hand betritt sie die Bühne. "Regnet's rein?", fragt ein Junge seinen Nachbarn. Nein, natürlich nicht. Ist alles symbolisch gemeint. Will sagen: Iserlohn lässt seine Hauptschüler nicht im Regen stehen. "Ach so."
Gemeinsam mit den Schülern blickt Futura in die Zukunft. "Wer will Spaß haben?" Alle Hände schießen nach oben. "Wer will lernen?" Die Hände werden weniger. "Wer will Krisen bewältigen?" Schüchtern bewegen sich einige wenige Hände in die Höhe. Egal. Jetzt redet erst einmal der Bürgermeister.
Klaus Müller spricht über die Lage der Hauptschüler im Allgemeinen. Die ist schlecht. Weil sie oft keinen Ausbildungsplatz bekommen. Je schlechter der Abschluss , desto schwieriger die Suche nach einer Stelle. Und in Iserlohn haben 18 Prozent der Schulabgänger die Hauptschule 2006 ganz ohne Abschluss verlassen. Ein "Dilemma, das geradezu nach neuen Wegen und Möglichkeiten" rufe, sagt der Bürgermeister.
Einer dieser neuen Wege sollen Verträge mit den Schülern sein. Darin verpflichtet sich die Stadt Iserlohn, ihnen nach der zehnten Klasse wahlweise eine Ausbildungsstelle, einen Arbeitsplatz oder einen Platz an einer weiterführenden Schule zu beschaffen. Im Gegenzug müssen sie leisten, was eigentlich selbstverständlich ist: regelmäßig und pünktlich zum Unterricht und zu Förderprojekten erscheinen, sich nicht betrinken, keine Drogen nehmen und nicht straffällig werden. Rund eine halbe Million Euro will die Stadt für Betreuung und Förderung beim "Quantensprung" jährlich in die Hand nehmen. Viel Geld, wie Wolfgang Kolbe, Leiter der Iserlohner Schulverwaltung, einräumt. "Aber wenn wir dadurch mehr Jugendliche in Arbeit bringen, lohnt sich das." Auch finanziell.
Müller spricht erst gar nicht vom Geld. Er spricht von einer "Chance" für jedes Iserlohner Kind. Dafür werde er sich einsetzen, sagt er. "Persönlich", sagt er. Dass er 2010, wenn die ersten Projektteilnehmer entlassen werden, gar nicht mehr im Amt ist, das sagt er nicht. Auch, wie die Stadt die vielen Verträge erfüllen will, ist noch unklar.
Kompetenztests hat es gegeben mit den Schülern. "Damit wir wissen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen", sagt Kolbe . Nun können individuelle Fördermaßnahmen eingeleitet werden. Gleichzeitig sollen Kontakte geknüpft werden. Zu Firmen und Schulen. ARGE und Agentur für Arbeit sind deshalb mit an Bord. Arbeitgeberverband und Industrie- und Handelskammern auch. Ob das alles reicht, genug Betriebe ohne finanzielle Anreize dazu zu bringen, Hauptschüler einzustellen und Jugendliche zu motivieren. Keiner weiß es. Ministerialdirigent Dr. Ulrich Heinemann, Vertreter des NRW-Schulministeriums spricht dennoch von einer "Pioniertat"und einem "einzigartigen" Projekt. Und die Schüler, die nach Gesprächen mit ihren Eltern bereits gestern unterschrieben, halten es zumindest für eine "gute Sache". Siegfried Schmidt, Klassenlehrer einer künftigen achten Klasse aus Iserlohn, ist skeptischer. "Hoffentlich", sagt er, "kann die Stadt halten, was sie da verspricht."

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