Wenn aus dem "Glückauf" ein "Hört auf" wird
03.03.2008 | 18:48 Uhr 2008-03-03T18:48:27+0100Essen. 15 Jahre hat Klaus Wallenstein unter Tage gearbeitet auf der Zeche Niederberg am Niederrhein. Bis 1990. ...
... Gestern setzte er seinen gelben Helm mit dem Aufdruck "DSK" wieder auf: Um zu zeigen, dass er auch als früherer Kumpel gegen bergbaubedingte Umweltschäden kämpft und solidarisch ist mit dem Verband der Bergbaubetroffenen, der zur Demo in Essen aufgerufen hatte. Rund 1500 Teilnehmer sind es, die dem Aufruf der Bergbaugeschädigten aus dem Saarland gefolgt sind - darunter auch rund 500 Demonstranten aus Nordrhein-Westfalen, vom Niederrhein, aus Dorsten oder Bergkamen. Aktueller Anlass: Das bergbaubedingte Erdbeben vor gut einer Woche im Saarland.
Der 64-jährige Wallenstein ist einer der wenigen - wenn nicht gar der einzige - seiner Zunft, der mit den Protestierenden von der Zentrale der Evonik Industries AG bis zum Sitz der RAG-Stiftung zieht. Vor allem Hausbesitzer und besorgte Bürger sind es, die auf ihren Plakaten ein Stopp des Kohleabbaus in ihren Regionen fordern - am liebsten komplett, mindestens aber unter Wohngebieten. "DSK und Uhlenberg vollenden ihr Zerstörungswerk", heißt es da, oder: "Wer Bruchbau treibt am Niederrhein, wühlt schlimmer als ein Schwein." Dazu erklingt das Steigerlied. Mit geändertem Text. Statt "Glückauf Glückauf" tönt es "Hört auf, hört auf!" aus dem Lautsprecher - und die Menschen singen begeistert mit.
"Ich habe einfach Angst vor der Zukunft, ich weiß nicht, welche weiteren Auswirkungen es über Tage geben wird", begründet Stephan Heitmann (39) aus Bottrop-Kirchhellen, warum er gestern einen Tag Urlaub genommen hat, um bei der Demo dabei zu sein. Von seinen Eltern habe er ein altes Fachwerkhaus geerbt: "Das sollte eigentlich meine Altersvorsorge sein", so der Ingenieur, doch schon jetzt gebe es massive Schäden an dem Gebäude.
Schieflagen in seinen Ställen waren es auch, die Landwirt Bernd Eing vor zwei Jahren zum Aufgeben zwangen: "Auf 9 Metern Breite 50 Zentimeter - da floss das Futter in den Trögen nur in eine Seite. Die 550 Schweine mussten um ihr Fressen kämpfen, um etwas abzubekommen." Wirtschaftliche Schweinehaltung sei da nicht mehr möglich gewesen. "Jetzt bin ich in Rente", so der 64-jährige Bottroper, "und der Bergbau will nur eine Entschädigung zahlen, wenn auch neue Ställe gebaut werden."
Nicht alle sind an diesem Vormittag jedoch so ruhig und besonnen. Als "Skandal" bezeichnet es Klaus Wagner von den Bergbaugeschädigten des Bergwerks Lippe unter dem Beifall der Demonstranten, "dass wir mit unseren Steuergeldern zu Gunsten der Bergbau-Mafia schikaniert und ruiniert werden." Und dass "endlich Schluss" sein müsse mit dem Psychoterror.
Während die Kollegen der RAG-Stiftung an den Fenstern stehen und auf die wütenden Demonstranten schauen, wagt Sprecher Wolf-Rüdiger Grohmann den Weg nach draußen: "Das Beben hat auch uns tief erschüttert", sagt er - und erntet dafür sofort "Buh"-Rufe. Das Mitgefühl gelte den Betroffenen, aber auch den Bergleuten und ihren Familien, die vom Saarländischen Bergbau abhängen. Als er sagt, dass "ein solcher Bergbauschlag nie zu erwarten war", ist die Menge nicht mehr zu halten. Minutenlang gellen Pfiffe und "Lügner"-Rufe, Ulrich Behrens von der Initiative aus Rheinberg kontert darauf übers Mikro: "Dummschwätzer kann man da nur sagen."
Grohmann lädt die Demonstranten schließlich dazu ein, mit einer Delegation ins Gebäude zu kommen, um in Ruhe zu reden. Initiator Peter Lehnert lehnt das Angebot ab: "Wir kommen wieder, wenn wir einen festen Termin bekommen, auf den wir uns vorbereiten können."

0mitdiskutieren