"Warum sind Sie denn nicht eher gekommen?"
16.04.2008 | 22:18 Uhr 2008-04-16T22:18:00+0200
Dortmund. Seit zwei Jahren gibt es eine kostenlose Brustkrebs-Vorsorge für Frauen über 50. Gerade mal 54 Prozent der Frauen nutzten dieses Angebot: Dabei wurden mit dem neuen Programm allein in Dortmund 340 Tumore gefunden.
„Mein Gott, warum sind sie nicht früher gekommen?” - diese Frage ihres Arztes hat sich für immer in Bettina Brökelschens Kopf eingebrannt. Als der Radiologe den Krebsherd in ihrer linken Brust fand, war die Entzündung schon so weit, dass nur noch eine Chemotherapie half.Bettina Brökelschen ging durch die Hölle. Die linke Brust ist weg.„Was hätte ich mir damals eine kostenlose Mammographie gewünscht”, sagt die 45-Jährige heute. Als sie 2003 ihren Arzt nach einer Krebserkrankung im Unterleib um eine Vorsorgeuntersuchung für die Brust bat, forderte der 70 Euro für den Ultraschall-Befund. Geld, dass der Künstlerin zu dem Zeitpunkt fehlte. „Die Kasse übernahm diese Leistung nicht, weil ich zu jung war”, sagt Brökelschen.
Jüngere werden nur mit Symptomen kostenfrei untersucht
„Das ist durchaus ein Problem”, sagt Dr. Detlev Uhlenbrock. Er ist im Rahmen des Klinikprogramms der Kooperationsgemeinschaft Mammographie verantwortlich für die Städte Hagen und Dortmund. Gerade ist er von der 6. Europäischen Brustkrebskonferenz in Berlin zurückgekehrt. „Ich bin dafür, dass schon für Frauen ab 40 eine kostenlose Vorsorge eingeführt wird.” Denn: Bisher übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nur eine Untersuchung, wenn bei einer Frau körperliche Symptome oder eine genetische Vorbelastung vorliegen.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau in jungen Jahren an Brustkrebs erkrankt, ist zu gering, als dass man sie ohne Symptome unnötigen Röntgenstrahlen aussetzt”, sagt Dr. Barbara Marnach-Kopp, Sprecherin der Kooperationsgemeinschaft Mammographie. Und auch Andreas Daniel von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe sagt: „Aus Kostengründen ist die Altersgruppe auf die 50 bis 69-Jährigen beschränkt worden.” Die Frauen, die es bis vor Detlev Uhlenbrocks Mammographie-Gerät in Dortmund geschafft haben, werden mit hochmoderner Technik belohnt. Dazu gemütliche Ledersessel, Fernseher, eine Kaffeemaschine im Wartezimmmer. Die Sprechstundenhilfen tragen ein leuchtendes Pink. Die Praxis sieht aus wie eine Wohnung aus einem Designmöbel-Katalog - jedes Detail passt. „Auch die gesunden Frauen sollen sich hier wohlfühlen”, sagt Uhlenbrock. Wenn sie kommen.
Angst vor der Diagnose Krebs
"Ich höre oft, dass Frauen Angst vor der Diagnose haben und darum nicht zur Brustuntersuchung gehen”, sagt Erika Krontal-Brandt, Mitglied der Dortmunder Selbsthilfegruppe „Frauen nach Krebs”. „Auch, wenn sie persönlich dazu eingeladen werden. Sie denken sich, dass sie lieber zwei Jahre mit einem kleinen Knoten in der Brust leben, nach dem Motto 'was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß'. Entfernt werden könne er ja immer noch.” Erika Krontal-Brandt kann diese Einstellung nicht nachvollziehen, 2001 erkrankte die Dortmunderin selbst an Brustkrebs. Nur eine Operation mit schmerzhaften Folgen half.
Die Untersuchung hingegen ist ein Klacks und dauert nur wenige Minuten: Eine Assistentin legt eine Brust zwischen zwei strahlendurchlässigen Plexiglasplatten, die dann kurz zusammengedrückt werden, bis die Aufnahmen erstellt sind. Unangenehm sind hier allenfalls die Kompression und die kalten Finger der Assistentin.
Dass nur 54 Prozent der angeschriebenen Frauen zum bundesweiten Screening erschienen sind, bewertet Detlev Uhlenbrock trotzdem als Erfolg: „Besonders die kleinen, vorher nicht wahrgenommenen Karzinome (=Brusttumore), konnten bei vielen sofort erkannt werden”, so der Experte. Und: Mehrere Ärzte begutachten jetzt die Aufnahmen und stellen eine Diagnose. Ein Grund, warum zunächst keiner der Ärzte mit der Patientin spricht. Erst, wenn sich die Spezialisten über das Ergebnis der Mammographie geeinigt haben, erhält die Betroffene die positive oder negative Nachricht. „Das empfinden viele Frauen als unpersönlich”, so Uhlenbrock, „früher hat ihnen der Arzt direkt nach der Untersuchung das Ergebnis gesagt, das dauert nun ein paar Tage länger.”
Bettina Brökelschen und Erika Krontal-Brandt sind heute automatisch in dem Mammographie-Programm mit eingeschlossen. Beide appellieren an alle Frauen, die Einladung zum Screening anzunehmen. „Vielleicht wird nichts entdeckt. Und wenn doch, dann muss man sich dem Krebs stellen: Je früher etwas gefunden wird, desto besser!”
Hintergrund
- 57.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an Brustkrebs.
- 17.500 Frauen sterben pro Jahr an den Folgen einer Brustkrebserkrankung.
- Die ersten Screening-Einheiten der Kooperationsgemeinschaft Mammographie starteten im April 2005.
- Die Kooperationsgemeinschaft ist von den Spitzenverbänden der Gesetzlichen Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gegründet worden.
- Frauen im Alter von 70 bis 60 werden durch Meldedaten ermittelt und im Abstand von zwei Jahren regelmäßig zu einer Untersuchung in ihrer Wohnortnähe eingeladen.
- In ländlichen Regionen werden diese auch in mobilen Untersuchungstrucks angeboten.
- Jede Mammographie-Aufnahme wird von zwei unabhängigen Ärzten ausgewertet.
- Bis Ende 2007 wurden rund 2,7 Millionen Frauen zum Screening eingeladen, 1,4 Millionen Frauen nahmen in diesem Zeitraum an dem Screening teil – das entspricht einer Teilnahmequote von 54 Prozent, Die EU-Leitlininen sehen eine Quote von 70 Prozent vor. Pro 100 000 Frauen wurden bei 740 Tumore festgestellt.
- (Quelle: Kooperationsgemeinschaft Mammographie)

0mitdiskutieren