War das Unglück vermeidbar?
01.07.2009 | 18:47 Uhr 2009-07-01T18:47:00+0200
Die Katastrophe im italienischen Viareggio wirft viele Fragen auf. Möglicherweise war das Bahnunglück vermeidbar. Denn sehr frühzeitig haben Experten und das Eisenbahnbundesamt (EBA) auf Schwachstellen der Güterwagen-Achsen aufmerksam gemacht.
Eine durchgerostete Achse gilt als Ursache der Katastrophe in Italien.
Wie weit sind die Untersuchungen fortgeschritten?
Es gibt natürlich noch kein offizielles Untersuchungsergebnis, aber Spekulationen über die Unfallursache. Nach Aussagen eines Sprechers der Zivilschutzbehörde in der Toskana war an dem entgleisten Waggon die Achse fast vollständig durchgerostet.
Sind den Probleme mit Güterwagenachsen bekannt?
Seit langem. Schon im Jahr 2007 schrieb das Eisenbahnbundesamt alle staatlichen und privaten Eigner von Güterwagen an und wies darauf hin, dass Überprüfungen auf mögliche Brüche und Roststellen dringend nötig seien. Sieben Entgleisungen in den Niederlanden, Österreich, Schweiz und Deutschland seien dem Amt bekannt geworden. Das EBA forderte damals die Eigner auf, die Untersuchungen einzuleiten.
Mahnschreiben der
Aufsichtsbehörde
Sind Achsenbrüche denn so gefährlich?
Ja. Im gleichen Brief schildert die Aufsichtsbehörde, was passiert, wenn nichts getan wird: „Bei einer Entgleisung besteht die hohe Wahrscheinlichkeit der Kollision mit . . . Brücken, Tunnelportalen und insbesondere auch dem Gegenverkehr.” Bei Tempo 120, das Güterzüge in Europa fahren würden, entstehe „hohe kinetische Energie”, die beim Entgleisen zur Gefahr für Mensch und Natur würde.
Was passierte nach diesem Mahnschreiben?
Offenbar zu wenig. Vor etwa vier Wochen schickte das Amt eine dürre Mitteilung hinterher, besonders bei Güterwagen mit einer Last von mehr als 20 Tonnen pro Achse seien die nötigen Festigkeitstests nicht nachgewiesen worden. Es gibt unbestätigte Hinweise, dass in Viareggio ausgerechnet einer der Waggons, die vom Amt als unsicher identifiziert wurden, in den Unfall verwickelt war.
Wieviel unsichere Fahrzeuge könnten bundesweit noch unterwegs sein?
Die Zahl der Waggons kann in die Tausende gehen. Bis zu 600 000 Einzelachsen könnten betroffen sein bei privaten wie staatlichen Bahnen.
Was sagt die Politik zu diesem gefährlichen Ungehorsam der Bahnunternehmen gegenüber der Aufsichtsbehörde Eisenbahnbundesamt?
Der Grünen-Verkehrsexperte Horst Becker, der Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag ist, hält dies für einen Skandal. Deshalb hat er unmittelbar nach dem Unglück in Viareggio an Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee geschrieben und „volle Transparenz” in allen Sicherheitsfragen gefordert, die die Güterzüge der Bahn betreffen. Sein Verdacht: Nicht nur private Eigner, sondern auch die Bahn AG habe „zu wenig” unternommen, um der Aufforderung des Eisenbahnbundesamtes nachzukommen.
Sind neben Güterwagen auch andere Züge von den Achsproblemen betroffen?
Ja. Im Dezember 2002 entgleiste ein ICE auf der Strecke Dresden-Nürnberg nach einem Achsbruch. Später wurden auch Regionalzüge zeitweise aus dem Verkehr gezogen. Spätestens seit dem ICE-Unfall von Juli letzten Jahres, als in Köln ein Zug nach einem Achsbruch aus den Schienen sprang, sind solche Vorgänge Thema von Schlagzeilen. Experten wie der Gutachter im Eschede-Prozess Prof. Vatroslav Grubisic weisen auf zahlreiche zu dünne oder auch mangelhaft kontrollierte „Radsatzwellen” (Fachausdruck für Achsen) hin - eben nicht nur bei Güterzügen.

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