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Amoktraining

Vorbereitet sein auf den Ernstfall

04.12.2009 | 17:49 Uhr
Vorbereitet sein auf den Ernstfall

Rheine. Emsdetten, St. Augustin und Winnenden - wer diese Namen hört, denkt zwangsläufig an Amokläufe. Damit nicht nur Polizisten, sondern auch Lehrer wissen, was sie im Ernstfall zu tun haben, wurde in der ehemaligen Kaserne Rheine-Gellendorf geübt.

Info
HINTERGRUND

DIE MEISTEN TÄTER SIND MÄNNLICH

Der Begriff Amok kommt aus dem Malaiischen und bedeutet Wut oder in blinder Wut. Amokläufe werden überwiegend von männlichen Tätern verübt, die mit Schusswaffen und Bomben bewaffnet sind. Aktuell ist in Deutschland nur eine weibliche Täterin bekannt. Die 16-Jährige drohte am 11. Mai diesen Jahres in St. Augustin mit einem Amoklauf und wurde nun nach dem Jugendstrafgesetz zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Der Amokläufer nimmt den Tod und die Verletzung von anderen Menschen in Kauf. In den meisten Fällen richtet er sich selbst.

Am 20. November 2006 lief der 18-jährige Sebastian B. an der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten Amok. Er verletzte dabei fünf Personen und tötete sich anschließend selber.

Die bisher schwersten Amokläufe in Deutschland ereigneten sich 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium und im März 2009 in Winnenden.

Von überall her kommt Kindergeschrei, der Ton des Rauchmelders drückt aufs Trommelfell, piept unentwegt, die Luft ist mit Schwefelgeruch geschwängert, dazu die Hilfeschreie, die aus allen Richtungen zu kommen scheinen. Blut an den Wänden, eine junge Frau liegt verletzt auf den Stufen, wimmert um Hilfe - sie lebt. Die Polizeibeamten lassen sie liegen, tasten sich weiter vor durch das Treppenhaus.

Das theoretisch Mögliche wird plötzlich zur Realität - vergessen das Hinweisschild mit der Aufschrift „Amoktraining” am Eingang der ehemaligen Bundeswehrkaserne Rheine-Gellendorf. Plötzlich ist das Amoktraining für Schulleiter, organisiert von der Kreispolizeibehörde Steinfurt, keine Übung mehr. Das Herz schlägt bis zum Hals, die Knallgeräusche aus den präparierten Schusswaffen erschüttern bis ins Mark. In der obersten Etage schreit der Amokläufer, immer wieder knallen Schüsse. Die beiden Polizeibeamten arbeiten sich Schritt für Schritt vor, kommen dem Amokläufer immer näher. „Den Täter lokalisieren, isolieren und ihn somit von seinem eventuellen Tatplan abbringen”, so beschreibt es Polizeibeamter Peter Gehrmann-Beutenmüller vor der Übung. Für ihn war der Amoklauf in der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten am 20. November 2006 keine Übung. Nein, es war pure Realität und sein Team musste handeln, musste in die Schule, musste den Täter finden. „Das dort Erlebte ist unbeschreiblich schrecklich und somit auch unvergesslich”, erinnert sich der Beamte. Es herrsche Chaos und purer Stress.

Amoktraining: die Autorin der Reportage, Meike Kluska, unter einer Schutzmaske.

Und diesen Stress bekommen auch die Teilnehmer des Trainings zu spüren. Dicht gedrängt folgt die Gruppe den Polizeibeamten. Das Sichtfeld durch den Schutzhelm ist stark eingeschränkt - doch der Schutz ist beruhigend, zumindest ein wenig. Plötzlich öffnet sich eine Tür, ein Mensch mit Blut auf der Brust rennt auf die Gruppe zu, schreit um Hilfe. Als er vorbeirennt ist das künstliche Blut erkennbar, kurzes Durchatmen. Dann steht am Ende des Flures eine vermummte Person, schreit Unverständliches und richtet seine Waffe auf die Polizeibeamten. Diese reagieren sofort, schießen dem „Täter” ins Bein, fixieren und entwaffnen ihn. Stille.

Das Visier des Schutzhelmes ist beschlagen, langsam normalisiert sich der Puls, aus den Knien entweicht das puddingartige Gefühl. Auf dem Rückweg, raus an die frische Luft, raus aus dem alten Kasernengebäude, werden die „Leichen” noch einmal sichtbar - es sind nur Puppen, bepinselt mit roter Farbe.

Die „blutende” Frau steht auf, unterhält sich mit einem Kollegen. Mit einem Knopfdruck wird dem Kindergeschrei ein Ende gemacht - nur eine Tonbandaufnahme im Dauerbetrieb. Die Realität ist plötzlich wieder da, ein schönes Gefühl. Der Regen draußen scheint niemanden zu stören.

„Die erste Phase eines Amoklaufs ist die schlimmste Situation für alle Beteiligten”, erklärt der Polizeibeamte den Lehrern. Denn dann sind die Lehrer noch allein, keine Polizei, die ihnen helfen kann. Dann müssen sie ihre Schüler beruhigen, sich mit ihnen in den Klassen verbarrikadieren. Die Polizei muss umgehend informiert werden - 110 wählen. „Beim Amoklauf in Emsdetten ist der Notruf bei der Feuerwehr eingegangen”, erinnert sich der Beamte. Kostbare Zeit war verstrichen. Wichtig für den Notruf: Detaillierte Informationen. Wie viele Täter, welche Waffen, wo hält er sich auf... Alles kann der Polizei helfen.

Die Lehrer hören zu, nehmen die Informationen auf. „Schule hat sich seit diesen Amokläufen verändert”, erklärt Kerstin Hemker, Seelsorgerin eines evangelischen Kirchenkreises im Kreis Steinfurt, auch Lehrerin und Mitglied im Arbeitskreis Gewaltprävention des Regionalen Bildungsnetzwerkes des Kreises Steinfurt - gemeinsam mit der Kreispolizeibehörde hat das Bildungswerk dieses Amoktraining für die Lehrer organisiert. „Es ist wichtig, dass die Lehrer auf diese Situation vorbereitet sind”, erklärt Dr. Volker Gutberlet vom Gymnasium Borghorst. Plötzlich die Erkenntnis, dass es die eigene Schule treffen kann - denn von der Kaserne Gellendorf ist das Geschehen von vor drei Jahren „nur” rund 14 Kilometer entfernt. Amoklauf in direkter Nachbarschaft. „Außerdem sollen die Schulen wissen, wie sie ihre Notfallpläne für Amokfälle, die es seit einigen Jahren gibt, nutzen müssen”, erklärt der Schulleiter. Auch die kleinen „Vorkommnisse” sind meldenswert, ja sogar wichtig. An seiner Schule hat es eine Amokdrohung gegeben, schnell leitete er nach dem Notfallplan die erforderlichen Schritte ein. „Das ist ganz wichtig, richtig zu reagieren. Gerade für unsere Arbeit”, sagt der Polizeibeamte. Langsam fällt auch von ihm die Anspannung aus der Übung ab. Doch die Anspannung, die er mit dem Emsdettener Amoklauf verbindet, wird immer bleiben.

Meike Kluska

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