Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Mini- und Midijobber

Von wegen Arbeitnehmer zweiter Klasse

20.04.2008 | 15:17 Uhr

6,7 Millionen Teilzeitkräfte arbeiten auf 400-Euro-Basis, viele auch als „Midi-Jobber” mit Verdiensten von 400 bis 800 Euro im Monat. Das sind ihre Rechte:

Arbeitsvertrag. Mini- und Midi-Jobber können laut Nachweisgesetz einen Arbeitsvertrag verlangen. Inhalt: Dauer des Arbeitsverhältnisses (und ob er befristet ist), Arbeitsort, Aufgabenbereich, Lohnhöhe, Arbeitszeit, Urlaub, Kündigungsfristen. Es ist zwar möglich, „ohne” zu arbeiten. Das erschwert aber bei Streit den Nachweis.

Elternzeit steht bis zu drei Jahre zu, der Arbeitsplatz bleibt erhalten. Als Elterngeld gibt es bis zu einem Jahr mindestens 300 Euro monatlich bis zu 2/3 vom Nettogehalt.

Feiertage. Fällt Arbeit wegen eines Feiertags aus, zahlt der Arbeitgeber den Lohn weiter. „Nacharbeit” ist nicht nötig - aber möglich; die muss der Arbeitgeber dann aber extra bezahlen.

Kündigung. Grundsätzlich können Arbeitgeber wie Teilzeitkräfte mit vierwöchiger Frist zum 15. oder zum Letzten eines Monats kündigen. ach längerer Betriebszugehörigkeit verlängern sich die Kündigungsfristen auf einen Monat (nach 2 Jahren), auf zwei Monate (5 Jahre), auf drei Monate (8 Jahre) bzw. auf sieben Monate (nach 20 Jahren). Nach dem Tarifvertrag können andere Fristen gelten.

Lohnfortzahlungsanspruch besteht bis zu sechs Wochen für dieselbe Krankheit (nicht in den ersten vier Wochen eines Arbeitsverhältnisses). Das gilt für jede neue Krankheit erneut, die nicht zu einer anderen „hinzugetreten” ist. In bestimmten Fällen darf der Arbeitgeber „Vorerkrankungen” anrechnen - Folge: er muss keine sechs Wochen Krankenlohn berappen. Die Krankenkasse der Beschäftigten gibt darüber Auskunft.

Mutterschaftsgeld (einmalig 210 Euro) bekommen nur Mütter, die bis 400 Euro verdienen, vom Bundesversicherungsamt, Friedrich-Ebert-Allee 38, 53113 Bonn. Das Antragsformular gibt's beim Amt. Midi-Jobber haben Anspruch auf täglich 13 Euro Mutterschaftsgeld von ihrer Krankenkasse; die Differenz bis zum Nettoverdienst legt der Arbeitgeber zu. Der Anspruch besteht für sechs Wochen vor und acht Wochen (bei Mehrlings- oder Frühgeburten 12) Wochen nach der Entbindung.

Rentner gehören zwar auch zur Gruppe, die auf „400- oder 800-Euro-Basis” arbeiten können. Aber: Ein Verdienst oberhalb von 400 Euro im Monat ist rentenrechtlich nicht erlaubt - jedenfalls nicht ohne „Sanktion”, wenn eine vorzeitige Alters- oder eine Erwerbsminderungsrente bezogen wird. Zweimal im Jahr darf zwar bis zu 800 Euro im Monat vom Arbeitgeber überwiesen werden. Doch der Bezieher einer solchen vorzeitigen Rente, der davon ausgeht, dass er rentenunschädlich regelmäßig auch auf 800-Euro-Basis tätig sein darf, wird für den Mehrverdienst herb zur Kasse gebeten: Seine Rente sinkt um mindestens 1/3 oder 1/4 - je nach Art seiner Rente. Ab dem 65. Geburtstag sind Rentner frei in der Wahl ihrer Arbeitsverdienste; die Rente wird dadurch nicht mehr beeinträchtigt.

Sozialversicherung. Ein einziger 400-Euro-Job ist abzugsfrei. Der Arbeitgeber zahlt im Regelfall pauschal 13 Prozent für die Kranken- und 15 Prozent für die Rentenversicherung. Im Privathaushalt sind vom Arbeitgeber je 5 Prozent an die Kranken- und Rentenversicherung zu zahlen. Bei Midi-Jobbern werden „normale” Sozialversicherungsbeiträge fällig, jedoch beteiligt sich der Arbeitgeber daran in größerem Umfang als der Arbeitnehmer.

Steuern. 400-Euro-Jobber können ohne Steuerkarte arbeiten. Das trifft auf Studenten, Hausfrauen, Schüler und Rentner zu. Entgegen landläufiger Meinung sind die Firmen aber nicht verpflichtet, neben den pauschalen Beiträgen zur Kranken- und Rentenversicherung auch die pauschale Steuer zu übernehmen. Sie beträgt allerdings nur 2 Prozent vom Bruttoverdienst, so dass die Hemmschwelle für Arbeitgeber, den Betrag zu übernehmen, gering ist. Entschließen sie sich dennoch nicht zur Steuerpauschalierung, muss der Arbeitnehmer eine Steuerkarte vorlegen. Das kann dann sogar sinnvoll sein, wenn auf dieser Karte die Klassen I, II, III oder IV eingetragen sind. Hier fällt bei einem 400 Euro-Job jeweils keine Steuer an - so dass der Arbeitgeber auch die 2-Prozent-Pauschale sparen könnte. In Steuerklasse V sind bei 400 Euro Monatslohn 48,50 Euro Lohnsteuern zu entrichten, in Steuerklasse VI sogar 60 Euro. Midi-Jobber arbeiten auf jeden Fall „auf Steuerkarte”.

Unfallversicherung. Jeder Arbeitnehmer wird vom Arbeitgeber bei der Berufsgenossenschaft angemeldet - egal, ob voll- oder teilzeitbeschäftigt. Die Beiträge trägt die Firma allein. Bei einer 400-Euro-Beschäftigung im Privathaushalt wird der Beitrag zur Unfallversicherung unmittelbar von der Minijobzentrale in 45115 Essen (bei der die dienstbaren Geister per ”Haushaltsscheckverfahren” anzumelden sind) eingezogen. Midi-Jobber werden bei der jeweils zuständigen Berufsgenossenschaft beziehungsweise - bei einer Beschäftigung im Privathaushalt - bei der Landesunfallkasse oder dem Gemeinde- unfallversicherungsverband angemeldet.

Urlaub. Auch den „400ern” bzw. „800ern” steht bezahlter Erholungsurlaub für mindestens vier Wochen pro Jahr zu. Wer drei Tage pro Woche arbeitet, der bekommt (4 Wochen x 3 Tage =) zwölf Tage frei. Bei einer 5-Tage-Woche sind es 20 Tage. Je nach Alter, Betriebszugehörigkeit und Vertrag kann der Urlaub auch länger dauern - so wie er auch den Vollzeitkräften zusteht. Urlaubs- und Weihnachtsgeld können Teilzeitkräfte beanspruchen, wenn es im Arbeitsvertrag vereinbart wurde oder wenn die Vollbeschäftigten des Betriebs solche Einmalzahlungen erhalten (Gleichbehandlungsgrundsatz). Streng genommen haben Teilzeiter, die keiner Gewerkschaft angehören, keinen tariflichen Anspruch auf solche Sonderzahlungen. Doch machen Arbeitgeber hier regelmäßig keinen Unterschied (um den Gewerkschafts-„Zulauf” nicht zu forcieren). Wer den 400 Euro-Verdienstrahmen voll ausschöpft, verzichtet ohnehin am besten auf die Gratifikation, sonst wird er sozialversicherungspflichtig - wie ein Midi-Jobber.

Wolfgang Büser und Maik Heitmann


Kommentare
22.04.2008
18:51
Von wegen Arbeitnehmer zweiter Klasse
von lernfix | #2

Die 2 Worte in Ihrer Überschrift Von Wegen sind völlig überflüssig !! In zig Betrieben sind Std.-Löhne von 4-5,5o.-€ völlig normal.desgleichen sind
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubs,- und Weihnachtsgeld, Gesetzl. Zuschläge für die meisten Arbeitgeber betriebliche Sozialleistungen die nicht finanzierbar sind. Wird aufgemuckt folgt eine fristlose!! Kündigung. Die zahlreichen PVA`s nehmens mit gierigem lächeln zur Kenntniss. Hoffentlich kommt bald der Flächendeckende Mindestlohn !!!

21.04.2008
14:34
Von wegen Arbeitnehmer zweiter Klasse
von jcm | #1

Also ehrlich, zu der Überschrift fällt mir nur noch ein: veräppeln kann ich mich alleine! Dazu bedarf es keiner zwei Redakteure.
Aber wenigstens weiß ich nun, wieviele Menschen in diesem Land als Arbeitnehmer 2. Klasse ausgepresst werden. Da sie ja noch staatliche Zuschüsse brauchen, möchte ich mal gerne wissen, ob diese Mitmenschen in der Arbeitslosen-Statistik auftauchen.

Aus dem Ressort
Fan-Shop und Tickets — BVB plant Service-Center am Stadion
Signal-Iduna-Park
Der BVB plant ein neues Service-Center direkt in Stadion-Nähe. Bis 2013 sollen Millionen in den Neubau investiert werden, in dem neben einem Ticket-Bereich auch ein großer Merchandising-Bereich entstehen soll. Die Entwürfe sind in Arbeit.
Römer im Anmarsch - Baubeginn in Bergkamen
Archäologie
Es war das größte Römerlager nördlich der Alpen und wurde 1905 in Bergkamen-Oberaden entdeckt. Jahrelang durften die Geschichtsfreunde von einem Archäologischen Park an Ort und Stelle nur träumen - im Sommer wird endlich gebaut.
Die Angst vor der Scharia ist größer
Assad-Regime
Er wünscht sich eine syrische Demokratie, doch vor der Revolution und ihren Folgen fürchtet er sich. Deswegen steht Julius Hanna Aydin, Bischof der syrisch orthodoxen Kirche in Deutschland fest hinter Assads Regime. Nahostexperte Jochen Hippler hält das für bedenklich.
Bürger wollen eine Straße „Marke Eigenbau“
Sanierung
Die Anlieger einer Wohnstraße in Warstein wehren sich gegen den teuren Ausbau. Statt die mit Schlaglöchern übersäte Straße für viel Geld komplett zu sanieren, wollen die Anwohner stattdessen eine Billig-Lösung Marke Eigenbau. Doch es gibt Widerstand.
Wo sollen Kinder spielen?
Gesellschaft
Der Chef der Senioren-Union in NRW hat die Debatte um Kinderlärm in Wohngebieten wieder entfacht.
Umfrage
Schalke-Boss Clemens Tönnies hat einen Besuch der Mannschaft im Kreml in Aussicht gestellt. Wie sehen Sie das: Darf Schalke öffentlichkeitswirksam Herrn Putin besuchen?

Schalke-Boss Clemens Tönnies hat einen Besuch der Mannschaft im Kreml in Aussicht gestellt. Wie sehen Sie das: Darf Schalke öffentlichkeitswirksam Herrn Putin besuchen?

 
Fotos und Videos
SG Massen gegen SC Hamm
Bildgalerie
Fotostrecke
SG Holzwickede vs. SV Langschede
Bildgalerie
Fotostrecke
Schwerer Verkehrsunfall
Bildgalerie
Fotostrecke
Wandern mit der WR
Bildgalerie
Fotostrecke
Weitere Nachrichten aus dem Ressort
Nach der Wut muss der Dialog folgen
Forensik kommt nach Lünen
Schnelle Messer
Gesundheitssystem
Islamkonferenz am Ende
Kommentar von Marc-André...
Irrwitzige Idee
CDU fordert Führerschein...
Vorurteile Abbauen
Kommentar