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Fantasy-Filmfest in Dortmund

Von All-Abenteuern und poetischer Annäherung

21.08.2008 | 16:38 Uhr
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Von All-Abenteuern und poetischer Annäherung

Dortmund. „Jetzt wird es wirklich grob“. Es klingt nicht sonderlich charmant, wie sich das 22. Fantasy Filmfest in diesem Jahr ankündigt. So derb, hoffnungslos und gemein soll es zugehen, dass man erwog, eine Krankenschwester in die letzte Reihe zu setzen.

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Die Empfehlung von Festivalleiter Rainer Stefan

  • „Let The Right One In“ läuft am Samstag, 23. August
  • Viele Stars tummeln sich in den Festivalfilmen: Jean Reno in „Ca$h“, Kiefer Sutherland in „Mirrors“, John Hurt und Elijah Wood in „The Oxford Murders“ oder Ben Kingsley und Woody Harrelson in „Transsibirian“
  • Für heftige Diskussionen auf dem Sundance Filmfestival sorgte Sadomaso-Streifen „Downloading Nancy“, in Cannes gefeiert wurde der animierte Antikriegsfilm „Waltz With Bashir“
  • Circa 70 Filme sind insgesamt zu sehen. Darunter auch Klassiker etwa mit Christopher Lee
  • Karten (8 Euro) gibt es im Cinestar
  • Das Programm: www.fantasyfilmfest.com 

Doch das Filmfest, das in diesem Jahr erstmals in Dortmund gastiert, hat auch andere Facetten, zu denen das Etikett Fantasy nur selten passt. Ein Blick auf die Leinwand.

Vielleicht ist es Selbstverpflichtung, vielleicht ein Spiel mit den Erwartungen: Mit dem Eröffnungsfilm „Eden Lake“ im Dortmunder Cinestar eröffnete tat sich das Festival jedenfalls keinen Gefallen. Schon Festivalgründer Rainer Stefan hatte im Interview mit unserer Zeitung erklärt: „Die Schmerzgrenze sinkt.“ Und so ist die britische Produktion in der Regie von James Watkins ein Horrorschocker reinster Sorte, der gleich mehrfach Grenzen überschreitet. Die Geschichte ist äußerst simpel: Ein schwer verliebtes Paar macht sich auf zum See Eden, einem idyllischen Plätzchen Erde. Was als harmlose Auseinandersetzung mit einer Jugendgang beginnt, eskaliert allzuschnell zu einem furiosen Albtraum: Die Jugendlichen terrorisieren das Paar bis aufs Blut. „Eden Lake“ strotzt nur so vor Klischees: Sei es, dass anfangs die Pärchenidylle durch glückliche Kindergesichter, Kuschelszenen und eine Hauptdarstellerin (Kelly Reilly) in Mary-Poppins-Kleidchen überzeichnet wird oder die gewaltbereiten Jugendlichen aus ebenso gewaltbereiten und verwahrlosten Familien der Arbeiterklasse stammen. Der Versuch, dem Film noch so etwas wie eine sozialkritische Aussage zu geben, scheitert in seiner Fadenscheinigkeit grandios. „Eden Lake“ – auch wenn vielleicht harmloser als etwa die „Saw“-Streifen - ist eine Demonstration reinster Brutalität, allein der voyeuristischen Befriedigung zuliebe.

Als sehr viel sehenswerter präsentiert sich das französische Werk „The Protocol“ von Thomas Vincent (25. August, 15 Uhr): Das Leben von Waldarbeiter Raoul Kraft (bemerkenswert: Clovis Cornillac) gerät brutal aus den Fugen, als sein Sohn Frank bei einem Autounfall ums Leben kommt. Eine junge Frau, Diane, jedoch ist überzeugt, dass Frank als Testperson zum Opfer rücksichtsloser Machenschaften der Pharmaindustrie wurde. David gegen Goliath, der Naturbursche gegen die kalte Geschäftswelt: Es ist ein zugleich klassischer als auch moderner Konflikt, den der Film herauf beschwört. Doch „The Protocol“ wird weder zu einem heroischen „Erin Brockovich“ Abklatsch, noch verkommt er trotz vieler Action-Szenen zum bloßen Katz-und-Maus-Spiel. Immer wieder stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft tatsächlich zu einer derart skrupellosen verkommen ist ober ob die Schuldverschiebung auf das abstrakte Böse nicht einfacher bleibt, als etwa die Auseinandersetzung mit einem Selbstmord. Auch dieser Film bietet keiner Hoffnung: Gegengewalt und völlige Selbstaufgabe scheinen die einzige Möglichkeit, einem brutalen System Risse zuzufügen.

Happy Ends scheinen ohnehin nicht en vogue bei den diesjährigen Festival-Filmen: Als überaus poetisch, feinsinnig und zugleich tieftraurig zeigt sich „Blind“ (26. August, 15 Uhr), eine Koproduktion der Niederlande, Belgiens und Bulgariens in der Regie von Tamar van den Dop. Der vor langer Zeit erblindete Ruben lebt allein mit seiner Mutter auf einem riesigen Anwesen. Regelmäßig verfällt er in rasende Wutanfälle, die jedes Dienstmädchen vertreiben. Bis die mysteriöse und scheue Marie, eine von Narben übersäte Albina, als Vorleserin in sein Leben tritt. Behutsam und doch voller Intensität begleitet der Film die Annäherung dieser verletzten Seelen. Nicht weniger als nach wahrer Schönheit und Liebe fragt „Blind“ – unterstützt durch zauberhaft komponierte Winter-Bilder.

Hoffnung spendet derweil „Terra“, eine amerikanische Animation von Aristomenis Tsirbas mit den Stimmen u.a. von Evan Rachel Wood, Dennis Quaid, Luke Wilson und Danny Glover. In dem Weltraumabenteuer sehen sich die friedfertigen Terraner plötzlich menschlichen Invasoren ausgesetzt, die auf der Suche nach einer neuen Heimat ihren Planeten auserkoren haben – und dafür den Tod der außerirdischen Gesellschaft in Kauf nehmen würden. Durch Zufall entdecken Terranerin Mala und Mensch James jedoch, dass die vermeintlichen Feinde viel gemein haben. Imperialistische Aggression aufgrund vermeintlicher Überlegenheit – das ist nicht nur ein historisches Thema. Sicherlich tendiert „Terra“ an mancher Stelle zur Simplizität, erfreulicherweise verzichtet der Film jedoch auf eine ganz schlichte Gut-Böse-Zuweisung: Denn auch die Terraner zahlen für ihren Frieden einen Preis. Mitsamt bemerkenswerter CG-Helden und schön animierten Wunderlandschaften ein sehenswerter Festival-Beitrag.

Nadine Albach

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