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Straßenprostitution

„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch

10.01.2011 | 16:38 Uhr
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
Der Straßenstrich an der Ravensberger Straße: Die Stadt kontrolliert, ob die Prostituierten hier täglich sechs Euro Vergnügungssteuer zahlen. Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund.Sonja hat ihr Ticket gut in der Tasche verstaut. Als sie das blaue Kärtchen hervorholt und sich noch einmal den Aufdruck betrachtet, lächelt sie nachdenklich. „Vergnügungssteuer ist schon ein komischer Name dafür“, sagt die 27-Jährige. „Und wie“, bestätigt Medina (19) empört. „Als ob das ein Vergnügen ist, dass wir hier stehen!“

Aber ganz gleich, wie die beiden die Bezeichnung finden oder was sie davon halten, dass es diese Bescheinigungen überhaupt gibt: Seit vier Wochen müssen Prostituierte wie Sonja und Medina, die auf dem Straßenstrich an der Ravensberger Straße in Dortmund arbeiten, solch ein Ticket kaufen. Täglich, für sechs Euro – um damit die leere Stadtkasse ein bisschen aufzufüllen. Und viele Frauen sind sauer: Weniger über das Geld, als vielmehr darüber, dass die Stadt im Gegenzug nichts tut, um die hygienischen Verhältnisse vor Ort zu verbessern.

Info
Kontrolle vor Ort

Laut Satzung vom 2.9.2010 erhebt die Stadt Dortmund jene Steuer „für Einräumung der Gelegenheit zu sexuellen Vergnügungen und das Angebot sexueller Handlungen“. Prostituierte zahlen sechs Euro; Club-Betreiber vier Euro pro Quadratmeter. Bislang wurden 1000 Tickets verkauft.

Mitarbeiter des Steueramtes kontrollieren die Frauen auf dem Straßenstrich. „Wer die Steuer nicht bezahlt, begeht Steuerhinterziehung und muss eine Strafe zahlen“, sagt Stadt-Sprecher Michael Meinders. Momentan sei man jedoch noch großzügig, wenn man Frauen ohne Ticket antreffe: „Noch steht die Information im Mittelpunkt. Das wird sich jedoch ändern.“

Kober ist 1986 aus einem Uni-Projekt entstanden und wird vom Sozialdienst katholischer Frauen getragen. Infos unter Tel. 0231 / 861032-0 und unter www.kober-dortmund.beepworld.de

Als Elke Rehpöhler und ihre ehrenamtliche Mitarbeiterin Silke Kaleschwsky von der Beratungsstelle Kober an diesem Abend die Tür zum Container öffnen, werden sie schon dringend erwartet. Der Kaffee läuft noch nicht durch die Maschine, da kommen die ersten Frauen schon herein. Frauen wie Medina und Sonja, die erst seit wenigen Monaten als Prostituierte arbeiten, „alte Hasen“, wie sich Christine und Jenny selbst lächelnd bezeichnen, die davon erzählen, wie viel angenehmer die Arbeit hier vor 20 Jahren war, und junge Frauen, die die dunklen Haare blond gefärbt haben; und die nur auf die einzelne Abbildung für Bifi oder Capri-Sonne zeigen können, um verständlich zu machen, was sie kaufen möchten. Sie alle wollen hier das Gleiche: Sich einen Moment aufwärmen, eine heiße Tütensuppe essen, einmal auf die Toilette gehen, neue Kondome kaufen. Und manchmal auch einfach nur ein bisschen reden. Über die Vergnügungssteuer zum Beispiel, oder „Sexsteuer“ wie sie auch von der Stadt genannt wird. Elke Rehpöhler, Leiterin von Kober, (Kommunikations- und Beratungsstelle für Prostituierte), findet beide Bezeichnungen unpassend. „Irgendwie wirkt das zynisch“, sagt sie. „Die Frauen hier verkaufen keine Liebe und keinen Sex, sie bieten sexuelle Dienstleistungen.“

Dass sie dafür nun Steuern zahlen müssen, finden viele Prostituierte, vor allem die, die schon länger im Geschäft sind, in Ordnung. Nicht aber, dass sie – neben den Betreibern von Sex-Clubs – die Einzigen sind, die dafür zur Kasse gebeten werden. „Das ist doch ungerecht, dass die Freier nichts zahlen müssen“, sagt Mirilla (25). Dabei könnte man mit einer Schranke, an der die Autofahrer Geld einwerfen müssen, leicht mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Es gibt so viele, die kurven hier nur ständig rum, glotzen uns an oder halten nur an, um uns zu beschimpfen“, sagt Medina. „Wenn die für jede Runde auch was zahlen müssten, würde das aufhören. Und die Stadt würde noch mehr Geld bekommen.“ Geld, das man vor Ort gut einsetzen könnte. Wofür, darüber sind sich alle einig: für Toiletten – um nicht darauf warten zu müssen, dass Kober für ein paar Stunden am Tag den Container öffnet. Um sich nicht den Schlüssel von der nahegelegenen Tankstelle holen zu müssen. Und erst recht nicht, um das Geschäft nach dem Geschäft in einer der so genannten „Verrichtungsboxen“ erledigen zu müssen.

Geld darf nicht zweckgebunden eingesetzt werden

Video
In Dortmund erhitzt die Platzierung eines Straßenstrichs die Gemüter. Die Pros und Contras.

Doch die Hoffnung, dass die Erträge aus der Vergnügungssteuer auch irgendwo der Situation in der Ravensberger Straße zugute kommen, scheint vergebens. „Das Geld ist eine Steuereinnahme, das kann nur direkt in den städtischen Haushalt fließen und nicht zweckgebunden eingesetzt werden“, sagt Stadt-Sprecher Michael Meinders. Dafür steht er der Forderung nach einer Schranke für die Kunden durchaus offen gegenüber. „Warum soll nicht auch derjenige etwas zahlen, der die Dienstleistungen in Anspruch nimmt“, sagt Meinders. „Das kann man sicher diskutieren.“ Die Verwaltung habe - nach einem Auftrag des Sozialausschusses - auch schon erarbeitet, wie so etwas funktionieren könne und wie teuer es sei. Allerdings: „Die Politik hat es zur Kenntnis genommen. Eine Entscheidung dazu ist nicht gefallen.“

Vergnügungssteuer, Toiletten, Gaffer - darüber wird im Container in der Ravensberger Straße laut und heftig diskutiert. Nach einiger Zeit, eher leise und hinter vorgehaltener Hand, kommt jedoch das Thema auf den Tisch, das die Frauen viel mehr verärgert und in ihrer Tätigkeit beeinflusst: die Konkurrenz durch Roma-Frauen aus Bulgarien. Sie machen mittlerweile rund 80 bis 90 Prozent der 600 Prostituierten an der Ravensburger Straße aus, schätzt Kober. In den meisten Fällen sei es jedoch kein Menschenhandel, der die Frauen auf den Straßenstrich treibe, sondern der Druck der Familie: die eigenen Ehemänner oder auch Eltern, die zu Hause in Bulgarien auf die Kinder aufpassen und drängen, dass immer wieder neues Geld aus Deutschland geschickt wird. „Im April vor vier Jahren kamen die ersten“, erinnert sich Elke Rehpöhler. „Wir dachten, das seine Phase, die wieder vorübergehe. Aber es wurden immer mehr – und wir mussten unsere Arbeit komplett umstellen.“ Denn jene Roma aus Bulgarien wissen nichts von Hygiene und Gesundheit, nichts von Verhütung und Schwangerschaft. „Dass ich noch mal zeigen muss, wie man ein Kondom anzieht, hätte ich auch nicht gedacht“, sagt Rehpöhler und gibt kopfschüttelnd zu, dass selbst die Mitarbeiterinnen von Kober nach all den Jahren der Beratungsarbeit noch naiv gewesen sei: „Wir haben am Anfang alle Info-Blätter auf Bulgarisch übersetzt. Bis wir merkten: Das bringt gar nichts, weil die meisten Frauen gar nicht lesen und schreiben können.“

Klientel hat sich zum Negativen verändert

Große Unwissenheit, ein anderer kultureller Hintergrund und der Druck, das schnelle Geld verdienen zu müssen – im wahrsten Sinne des Wortes um jeden Preis - wirken sich auf das Geschäft im Straßenstrich aus. Denn viele Roma-Frauen bieten ihre Dienste ohne Kondom und für nur 20 Euro an. „Die verderben die Preise und machen uns die Arbeit schwer“, sagt Sabrina (31). „Jetzt fangen die Freier an, mit uns zu feilschen und uns zu beschimpfen, wenn wir uns auf so etwas nicht einlassen wollen.“ Und auch auf das Publikum in der Ravensberger Straße hat das Auswirkungen: Denn das Klientel hat sich sehr zum Negativen verändert.

Da haben solche Frauen Glück, die ihre Stammkunden haben oder Freier finden, die darauf Wert legen, mit den Prostituierten noch ein paar Sätze auf Deutsch zu sprechen. „Ich sage immer, mit mir kann man auch über BWL oder Stuttgart 21 reden“, gibt Sonja zu, die parallel noch in einem ganz anderen Beruf arbeitet. Aber nicht an diesem Abend. Deshalb zieht sie ihre Jacke an, geht wieder hinaus in den Regen und stellt sich an den Straßenrand. Das Ticket mit dem Aufdruck „Vergnügungssteuer“ in der Tasche.

Katja Sponholz

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Kommentare
12.01.2011
00:42
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von Abspritzer heinrich | #31

Die typische ICH-AG.
Ist in den SEX €uro die Kirchensteuer enthalten, oder spendiert der Papst die Condome.
Hier fi..t der Teufel und der Clerus hält auch die Hand auf.

11.01.2011
19:13
Blockierter Kommentar.
von Holla, die Waldfee | #30

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.01.2011
16:22
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von Querdenker456 | #29

Eigentlich ist es müßig, über dieses Dauerthema noch zu diskutieren. Als dieser Straßenstrich eingerichtet wurde, war es doch nur eine Kapitulation der Dortmunder Politiker, welche den damaligen Sperrbezirk nicht mehr sauber bekamen. Dann wurde dem Dortmunder Bürger erklärt, dass diese Berufstätigen, trotz Analphabetismus und ohne Deutschkenntnisse, einer selbständigen Tätigkeit nachgehen. Also ist es nur recht und billig, wenn dafür auch Steuern entrichtet werden. Jeder andere Selbständige muss für die Toilettenanlagen seines Betriebes selbst sorgen. Warum nicht auch diese Gewerbetreibenden? Nebenbei finde ich, mal salopp ausgedrückt, die Hundesteuer auch zynisch. Da hat der Hundehalter auch nichts von. Weder ausreichend Hundewiesen, noch Kotbeutelautomaten.

11.01.2011
15:20
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von BalianII | #28

Statt über Steuererhebungen nachzudenken,sollte man die Schlepper und Zuhälter mal zur Kasse bitten, mithin aus dem Land schmeißen!

Oder meint hier jemand, dass die Roma und Osteuropärerinnen dies alles freiwillig machen oder gar in der Schule gelehrt bekommen.

Diese Umstände sind auch ein Teil einer zügellosen gar fanatischen EU-Erweiterung die wir ja alle so haben wollten.

11.01.2011
14:43
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von prizreni99 | #27

Tja ein tolles Thema über Schranken einen Straßenzustandsbericht und
und Freund Vaikel weiß wie wo gebucht wird.
Frage wer weiß wie man da an abzugsfähige Rechnungen kommt ?

11.01.2011
13:59
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von der | #26

Typisch Dortmund aber was läuft in Dortmund noch normal! Diese Stadt ist ständig in den Schlagzeilen in NRW! Sei es das es um die ARGE geht oder sonstiges!Diese Stadt mischt immer vorne mit!

11.01.2011
13:13
Blockierter Kommentar.
von RAF ruft zum Kampf | #25

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.01.2011
12:47
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von keinfreieerzumglueck | #24

Natürlich, man sollte sofort den Freiern ans Schlawittchen. Typen, die von ihren Frauen nicht mehr befriedigt werden können, sollten für bezahlen. Schranke mit Bezahlsystem und fertig. Dann kommen auch keine Idioten mehr.

Und wer nach zehn Minuten rausfährt, weil er nichs gefunden hat, kann das Geld ja wiederbekommen.

11.01.2011
12:26
„Vergnügungssteuer“ wirkt auf Frauen zynisch
von HoneckersErbe | #23

Das ist doch eigentlich ein Fall für die Gewerkschaft. Die fordern glaube ich einen Mindestlohn von 7,00 pro Stunde.
Zahlen die eigentlich auch Sozialabgaben?
Generell scheint mir das doch ein Bereich zu sein, wo noch weit überduchschnittlich verdient wird.
Klagen auf hohem Niveau.

11.01.2011
12:22
Blockierter Kommentar.
von Schwafheimer | #22

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