Stroke Units: Spezialisten für den Notfall
08.05.2009 | 16:00 Uhr 2009-05-08T16:00:00+0200
Hagen. Rund 200 Schlaganfallstationen, so genannte „Stroke Units”, gibt es in Deutschland. Das Ziel dieser spezialisierten Abteilungen der Neurologie: In kürzester Zeit Notfälle mit hoch qualifiziertem Fachwissen und Technik zu versorgen - um Leben zu retten und langwierige Schäden zu minimieren.
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Ursache für einen Schlaganfall ist eine Durchblutungsstörung oder Blutung im Gehirn. Symptome sind eine halbseitiger Lähmung, plötzliche Sprechstörungen, Sehstörungen oder heftiger Schwindel. 20 Prozent der Patienten sterben innerhalb der ersten vier Wochen, ein Drittel leidet anschließend unter einer Behinderung.
Das „Netzwerk Schlaganfall - Die neurologischen Kliniken im Ruhrgebiet” umfasst alle 27 neurologischen Kliniken, die über eine Stroke Unit verfügen. Ziel ist die optimale Betreuung und Behandlung aller Schlaganfallpatienten im Revier. Die Stroke Units - manchmal mehrere in einer Stadt - befinden sich in Dortmund Lünen, Castrop-Rauxel, Herne, Bochum, Essen, Hattingen, Recklinghausen, Gelsenkirchen, Gladbeck, Oberhausen, Bottrop, Wesel, Duisburg, Moers, Hagen, Hamm und Unna.
Zum „Tag gegen den Schlaganfall” am 10. Mai gibt es in vielen Stroke Units Aktionen: Im St.-Johannes-Hospital Hagen findet am Samstag von 10 bis 15 Uhr ein Tag der Offenen Tür statt.
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Denn jeder Schlaganfall ist ein Notfall - auch, wenn manchem Betroffenen das nicht gleich bewusst ist.
Eigentlich war es ganz harmlos. Nur ein Kribbeln im Arm, ein taubes Gefühl, das Anne Koch (Name geändert) hatte. „Und Probleme beim Greifen.” Die Diagnose stellte sich die 57-Jährige selbst: „Das kommt vom Halswirbel her”, meinte sie - und lehnte den Rat ihres Mannes ab, an jenem Samstag ins Krankenhaus zu gehen. Dass dies eine falsche Entscheidung war, deutete ihr Hausarzt schon nach einer Untersuchung zwei Tage später an - und schickte sie „für das volle Programm” in die Stroke Unit des St.-Johannes-Hospitals in Hagen.
"Oft leider nur eine Schadensbegrenzung"
Denn die tatsächliche Diagnose lautete Schlaganfall - beziehungsweise „TIA” (transitorisch ischämische Attacken). Solche Schlaganfall-Symptome bilden sich zwar nach einigen Minuten vollständig zurück, sind aber nicht zu unterschätzen. „Bei 30 bis 40 Prozent der TIA-Patienten tritt nach wenigen Monaten ein richtiger, schwererer Schlaganfall auf”, weiß Prof. Dr. Hubertus Köller, Chefarzt der Neurologie am St. Johannes-Hospital. Deshalb seien auch jene Patienten mit vorübergehenden Durchblutungsstörungen besonders gut auf einer solchen Stroke Unit aufgehoben: „Sie profitieren von der optimalen Behandlung noch sehr viel mehr”, meint Köller. „Bei den Patienten mit großen Schlaganfällen ist leider oft nur eine Schadensbegrenzung möglich.”
Wobei die Bezeichnung „nur” relativ ist: Denn was eine solche Schlaganfallstation mit einem spezialisierten Team aus Neurologen und Internisten heute leisten kann, stand Betroffenen noch vor etwa zehn Jahren nicht zur Verfügung. „Früher, wenn Patienten mit einem Schlaganfall kamen, hieß es: Schicksal, da kann man nicht mehr viel machen”, sagt Oberarzt Dr. Hans Ruf, der die Stroke Unit in Hagen seit 1995 mit aufgebaut hat. Heute jedoch gibt es die Möglichkeit einer Lyse-Therapie, bei der ein verstopftes Blutgefäß durch medikamentösen Einfluss wieder eröffnet und das Gehirngewebe wieder durchblutet wird. „Der Patient kann sich dadurch viel besser erholen, vielleicht sogar vollständig”, so Ruf. Unter einer Voraussetzung: Er leidet unter einer Durchblutungsstörung/einem Hirninfarkt und nicht unter einer Gehirnblutung (rund 15 Prozent). Und, ganz wichtig: Er trifft innerhalb eines Zeitfensters von drei bis viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall in der Stroke Unit ein. Ruf: „Nur dann kann er von der Lyse-Therapie profitieren.” Und weil nach einem Schlaganfall jede Minute zählt, ist eine Stroke Unit nicht nur auf interdisziplinäres Handeln spezialisiert, sondern auch auf Zeit.
»Chancen auf einer Stroke Uni ungleich besser«
„In 45 bis 60 Minuten ist ein Patient bei uns komplett durchuntersucht”, so Ruf. Bluttest, EKG, Check der Vitalfunktionen, CT-Aufnahmen des Gehirns und Ultraschall der Halsschlagader inklusive. Wie lange ein „normales” Krankenhaus für solche Untersuchungen im Regelfall benötigt? Dazu möchte sich der Oberarzt nicht äußern. Nur so viel: „Deutlich länger.” Hinzu kommt: Nicht jede normale Intensivstation ist in der Lage, eine spezielle Lyse-Therapie durchzuführen. Deshalb gelte im Notfall: Bei Verdacht auf einen Schlaganfall gleich eine Stroke Unit aufsuchen - und keine wertvolle Zeit verlieren. „Wer einen lahmen Arm spürt, legt sich vielleicht erst noch eine Stunde hin. Das ist falsch”, warnt Dr. Ruf. Und Prof. Köller unterstreicht: „Auch die transitorischen ischämischen Attacken sind ganz massive Warnzeichen, auf die man reagieren muss.” Den Patienten, die morgens mit einer gelähmten Körperhälfte kommen und berichten, am Abend zuvor habe schon ein Arm heruntergehangen, könne er im nachhinein nur sagen: „Wir hätten diesen Schlaganfall vielleicht nicht verhindern können. Aber die Chancen bei uns wären ungleich besser gewesen.”
Darüber ist sich auch Anne Koch bewusst geworden. „Ganz nervös” sei sie geworden, als sie hörte, dass sie einen leichten Schlaganfall hatte. „Da wurde mir erst im nachhinein bewusst, wie ernst es war, was noch alles hätte passieren können”, gibt sie zu. Auf die Frage, was sie beim nächsten Mal macht, wenn sich ihr Arm taub anfühlt, lacht sie nur, schon fast empört: „Keine Frage: Sofort in die Stroke Unit.”

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