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Späte Selbstverwirklichung auf der Alzheimer-Station

10.12.2007 | 21:31 Uhr

Alzheimer, mittlerweile gehört es zum Allgemeinwissen, Alzheimer verläuft immer ähnlich, ist nicht heilbar. ...

... Wenn das aber so unausweichlich ist - kann ein Film, dessen Hauptdarstellerin eine Alzheimer-Patientin sein soll, anders sein als der Krankheitsverlauf? Weniger trostlos? "An ihrer Seite" heißt der kanadische Film, der dies erfolgreich versucht. Ehrlicherweise allerdings müsste man die Krankheit, um die es hier geht, "Alzheimer light" oder so ähnlich nennen, ein milder Demenzprozess, der die ausgeglichene Heiterkeit der Hauptdarstellerin in keiner Weise berührt. Die typischen Persönlichkeitsveränderungen, die psychischen Qualen und das Leid der Angehörigen finden nicht statt.

In ihrem Regie-Erstling verarbeitet die Schauspielerin Sarah Polley eine Romanvorlage von Alice Munroe: Fiona (Julie Christie), eine attraktive und gebildete Mittsechzigerin, die mit ihrem Mann Grant (Gordon Pinsent) ein Landhaus in der Weite Kanadas bewohnt, zeigt zunehmende Alzheimer-Symptome. Bald schon muss sie (angeblich) ins Heim. Indes sind ihre mentalen Ausfälle höchst punktuell, ist sie nach wie vor eine charmante Gesprächspartnerin, weiß sich mit Chic zu kleiden. Ebenso ist die Energie, mit der Fiona in das Pflegeheim für Demenzkranke drängt, für ihren Mann unbegreiflich, und wir im Kinosaal fühlen wie er.

Es folgt statt der zu erwartenden Schrecklichkeiten - Humor. Fiona nämlich, immer ganz Dame und die Liebenswürdigkeit persönlich, lebt sich prima ein und freundet sich mit Aubrey an, einem wie erstarrt im Rollstuhl hockenden Mitbewohner, dem sie im Wortsinn wieder auf die Beine hilft. Julie Christie gibt die Alzheimerkranke mit einer solchen Verve, dass man fast glauben könnte, hier eröffnete sich ihr ein neues, wunderschönes Leben. Grant indes leidet heftigst unter der Trennung, zumal Fiona ihn nicht mehr zu erkennen scheint. Eigentlich, sie vermittelt ihm das natürlich ganz höflich, eigentlich stören seine Besuche eher.

Der Film nimmt die nächste Wendung. Fionas Freund Aubrey wird aus dem Heim geholt, um Geld zu sparen. Und nun mickert sie wie ein trockenes Blümchen dahin. Auch dieser Part wäre fast noch großes Kino, wenn jetzt nicht realtiv unerwartet die große Moralkeule aus dem Sack gezogen würde. Grant nämlich muss sich von einer lebenspraktischen Pflegekraft sagen lassen, dass vielleicht heftige frühere Kränkungen Fionas allzu bereitwilligen Abschied von ihrem Gatten begünstigt haben könnten. Als gut aussehender Universitätsprofessor hatte Grant etliche Beziehungen zu Studentinnen. Die Krankheit entpuppt sich als Strafaktion.

Der Film hätte diese moralische Überhöhung zum Zwecke der Dramatisierung nicht nötig, doch wie auch immer: Konzentriert erzählt und gut gespielt besteht er als psychologisch stabile Liebes- und Leidensgeschichte durchaus, eine Lovestory der Generation 60 plus. Im Film "Love Story" war die tödliche Krankheit übrigens Leukämie.

Von Rolf Pfeiffer

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